Porträt

Kurt Übele führt ein Leben zwischen Kunst und Konstruktion

KU Übele

Ganz traditionell am offenen Feuer arbeitet Kunstschmied und Metallgestalter Kurt Übele oft in seinem Neun-Mann-Betrieb in der Dickenreishauser Einöde.

Bild: Markus Noichl

Ganz traditionell am offenen Feuer arbeitet Kunstschmied und Metallgestalter Kurt Übele oft in seinem Neun-Mann-Betrieb in der Dickenreishauser Einöde.

Bild: Markus Noichl

Der Kunstschmied und Metallgestalter weiß auch mit Holz umzugehen. In seinem Betrieb entsteht Nützliches ebenso wie Schönes. Mit viel Gestaltungswitz.
08.07.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Hier muss man sich auf etwas gefasst machen. Auf Gestaltungswitz und Kreativität geballt. Das signalisiert schon das Buswartehäuschen in der Einöde bei Dickenreishausen, einem Stadtteil von Memmingen: Rostig metallen, mit Schwung und Phantasie.

Da steckt Musik drin. Wir folgen dem Lockruf der Kreativität, biegen ab und erkennen: Das wird ja immer besser. Noch vor unserem Ziel „Kunstschmiede und Metallgestaltung Kurt Übele“ wartet ein Stamm, senkrecht stehend wie ein Baum, aber oben vielfach eingesägt, so dass sich seine obere Hälfte grazil auffächert.

Auf dem Einödhof von 1791 begegnen sich verschiedene Welten

Womit Übeles Spielraum bereits umrissen wäre: Metall und Holz. Er kann beides. Und vor allem: diese Materialien zusammenführen. Auf dem großen Gelände, 1791 als Einödhof gegründet, begegnen sich verschiedene Welten. Zunächst einmal im Büro. Dieses Gewölbe, auf sechs Säulen ruhend, baute Übeles Urgroßvater vor 100 Jahren als Kuhstall. Von Messern mit gebänderten Damaszener-Klingen bis zu filigranen Metall-Insekten oder Lampenhaltern warten hier überall verteilt kleine Kostproben geschickter Hände. Aber auch ein imposanter Konferenztisch, 20 Personen Platz bietend, aus einer einzigen Scheibe Baum gearbeitet.

Tisch aus einem Stamm.
Tisch aus einem Stamm.
Bild: Markus Noichl

Im Hof rangieren gewaltige Lkw, schlucken riesige Metall-Teile, die hier gefertigt wurden. Denn Übele ist vieles: Künstler, Konstrukteur, Auftrags-Fertiger. Die verschiedensten Arten des Machens und Mächelns gehen hier auf faszinierende, sympathische Art ineinander über. Da gibt es keine Trennung zwischen einem Ideen-prallen Ästheten und einem Geschäftsmann und Firmen-Inhaber, verantwortlich für acht Angestellte.

Der Metallbau-Meister (hier fließen die früheren Berufe Schmied und Schlosser zusammen) beherbergt auf seinem Areal alle Spielarten und Fachrichtungen dieser Disziplin, egal ob mehr der Gestaltung oder Konstruktion zugewandt. Man begegnet technischen Wunderwerken wie jener Maschine, die einen Wasserstrahl auf 4000 bar komprimiert. Dieser dünne Strahl schneidet alles: Metall, sogar Stein bis 25 Zentimeter dick. „Da brauche ich keinen Laser“, erklärt Übele. „Der ist stärker.“

Große Sägeanlage für Stämme bis 22 Meter Länge

Lesen Sie auch
##alternative##
Wohnen in Kaufbeuren

Ein Haus wie ein Fernrohr

Früher sägte er seine dicken Stämme (die überall lagern) mit der Motorsäge, die Schwerter bis zu 1,5 Meter lange. Jetzt hat er eine eigene große Säge-Anlage, auf die Stämme bis zu 22 Meter Länge und 1,55 Meter Durchmesser passen.

Im Garten seines Wohnhauses begegnet man Übeles Metall-Kreationen auf Schritt und Tritt. In verspielten Zäunen, Hochbeeten, Brunnen, Wasserwänden. Im Blumenbeet steht dazwischen ein Exemplar aus Bronze. Gern arbeitet der 53-jährige mit dem Memminger Künstler Jürgen Batscheider zusammen, von dem ebenfalls Kostproben auf dem Gelände stehen.

Filigrane Metall-Insekten.
Filigrane Metall-Insekten.
Bild: Markus Noichl

Und dazwischen liegt ein Baumstamm, dessen Ende in unzählige „Spaghetti“ zersägt ist, die sich nun durch dazwischen geklemmte Hölzer auffächern. Wie lange muss der Liegen, bis das Holz diese Form annimmt und hält? „Normalerweise sehr lange“, lacht Übele. „Aber nach acht Wochen wird der geflammt, also erhitzt. Und durch das Feuer, die Wärme, geht das schneller. Da geben die Fasern ihre Spannung auf.“

Der Familienvater mit drei Kindern absolvierte zunächst eine landwirtschaftliche Lehre. Aber die Leidenschaft für Metallbearbeitung loderte damals schon in ihm. Aus eigenem Antrieb baute er sich eine Schmiede in der Garage, probierte aus: „Kleinigkeiten wie Kerzenständer und so Kruscht.“ Damals gab es noch kein Internet, in dem man nachschauen konnte. „Da musste man selbst ausprobieren. Das war gar nicht schlecht“, sagt Übele.

25-jähriges Firmenjubiläum im Herbst

25-jähriges Jubiläum feiert die Firma mit ihren acht Angestellten im Herbst. Auch das neue Rapunzel-Besucherzentrum in Legau wird Übeles Spuren tragen. Zwischen Kunst und Konstruktion, Schönem und Nützlichem, Funktion und Ästhetik wird er sich wohl nie entscheiden können. Das passierte ihm auch damals, bei der Anmeldung seines Gewerbes. Was denn überhaupt Kunst sei, wollte er von dem Mann wissen, der ihn fragte, ob er Kunst mache oder Konstruktion. „So Sachen halt, die man nicht braucht“, war die Antwort. Und so gibt es hier beides: Tragende Teile, die man dringend braucht, weil sonst irgendwas einstürzen würde, zumindest nicht funktionieren und produzieren. Und Sinnloses ohne Funktion, das einfach da ist. Herz und Seele nährt. Denn wenn die hungern, fehlt auch etwas. Man merkt es vielleicht nicht sofort. Aber was wäre das Leben ohne Schönheit? Arm, sehr arm.

PS: Die passende Berufsbezeichnung für Menschen wie Übele findet man übrigens in Italien. Dort gibt es für Künstler und Handwerker ein gemeinsames Wort: artista. Überbleibsel einer ungeteilten Welt.