Memmingen

Landestheater Schwaben schickt Theaterhelden in die Stadt

Landestheater Schwaben

Mitten in die Altstadt verlegt das Landestheater seine erste Inszenierung nach der Corona-Zwangspause. Dabei spielt das Ensemble Heldengeschichten auf ungewöhnlicher Bühne (im Bild Jens Schnarre im Stadtbach).

Bild: Thomas Gipfel/LTS

Mitten in die Altstadt verlegt das Landestheater seine erste Inszenierung nach der Corona-Zwangspause. Dabei spielt das Ensemble Heldengeschichten auf ungewöhnlicher Bühne (im Bild Jens Schnarre im Stadtbach).

Bild: Thomas Gipfel/LTS

Memminger Bühne meldet sich mit theatraler Stadtraumbespielung aus Corona-Zwangspause zurück. Publikum spaziert in kleinen Gruppen von Szene zu Szene.

29.06.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Mit der Ausbreitung der Corona-Pandemie fiel im März von einem Tag auf den anderen in allen Theatern der Republik der Vorhang, auch auf der Memminger Bühne. Niemand konnte damals ahnen, wie lange der Kulturbetrieb lahm gelegt sein sollte, auch ein eilends aufgestellter Ersatzspielplan war bald Makulatur. Also verlegte das Landestheater Schwaben (LTS) seine Aktivitäten ins Internet und probierte neue Ideen und Formate in einem umfangreichen Online-Programm aus. Doch noch vor der Verabschiedung in die Sommerpause, wollen die Memminger Theatermacher diesen Online-Spielbetrieb wieder auf offline umstellen. „Wir wollten künstlerisch aus der Spielzeit gehen“, sagt Intendantin Kathrin Mädler. Und das, was sich das Ensemble dafür ausgedacht hat, wird ein Gang im wahrsten Sinne des Wortes: Unter dem Titel Helden/Heldinnen gibt es theatrale Stadtspaziergänge, bei denen die Zuschauer in kleinen Gruppen von einer Szene zur nächsten wandern. Premiere ist am Freitag, 3. Juli.

Draußen wird gespielt, weil noch nicht klar war, ob man drinnen wieder auftreten darf, als die Idee gereift ist. Dank der neuesten Lockerungen gibt es nun eine Regenvariante unter Einhaltung aller Abstands- und Hygieneregeln durchs Haus. Weil das gesamte Ensemble große Lust hatte, an diesem Projekt mitzuwirken, inszenieren gleich fünf Regisseure die Heldengeschichten: Anne Verena Freybott, Thomas Gipfel, Peter Kesten, Kathrin Mädler und Mattia Cedric Meier. Außerdem sind alle Schauspieler mit von der Partie.

Sie alle wollen damit ein Zeichen mitten in der Stadt setzen, dass Kunst, Kultur und Theater wieder zurückdrängen in den öffentlichen Raum. „Wir wollen dem Publikum buchstäblich entgegen kommen“, sagt Oberspielleiter Kesten. Seine Helden bewegen sich beispielsweise zwischen Westertorplatz und Weissem Ross. Sein „Stück“ zeichnet anhand verschiedener Figuren ein ganzes Heldenleben bis in die Jetzt-Zeit nach. Andere Heldenwege führen vom Alten Friedhof bis zum Einlass, vom Luginsland über die Grimmelschanze zum Westertor oder vom Schrannenplatz zum Kempter Tor. Dramaturg Thomas Gipfel hat sich schillernde Abenteurer vorgenommen – die manchmal auch zu Helden wider Willen wurden – Freybott und Mädler machen feministische Positionen sichtbar.

Wie gehen wir mit Helden um?

Fragen, wie unsere unsere Gesellschaft mit Helden und ihrem Andenken umgeht, wer überhaupt ein Held ist, was wir heute für Vorbilder brauchen oder wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen, schwingen bei jeder Tour mit. „Wir haben gute Texte für die Theaterspaziergänge ausgesucht“, betont Freybott. Improvisiert wird nur zum Teil, aber inhaltlich immer konsequent am Thema. Requisiten werden auf ein Minimum beschränkt, meist tragen die Schauspieler Alltagskleidung.

Keine Angst vor den Touren brauchen übrigens ältere Theatergänger zu haben: Alle Strecken sind kurz, gut zu Fuß zu gehen und barrierefrei, „Reisebegleiter“ sorgen dafür, dass die Gruppe zusammenbleibt. An jeder Station gibt es Stopps von fünf bis zwölf Minuten, insgesamt ist das Publikum etwa eineinhalb Stunden unterwegs.

Dabei gibt es acht Plätze pro Spaziergang, die von Einzelpersonen oder Paaren belegt werden können, es sind also nur bis zu 16 Menschen miteinander unterwegs. An jedem Spieltag gibt es zwei Routen, jede wird vier Mal gelaufen. „Theoretisch sind das insgesamt 384 bis 786 Zuschauer, also ein bis zweimal das Große Haus“, hat Mädler ausgerechnet. Verteilt sind die Spieltage auf die Zeit vor und nach der Sommerpause – als Brücke über die Theaterferien hinweg. Und den Schlusspunkt dürfen mit ihrem eigenen Projekt Held*innen die LTS-Spielclubs im Stadtpark Neue Welt am 6. September setzen, deren Bürgerbühnentage Corona zum Opfer gefallen sind.