Premiere

Landestheater Schwaben: Stück wühlt im Müllhaufen der Geschichte

Die meiste Zeit bleibt es düster auf der Bühne in „Lampedusa“ im Studio des Landestheaters Schwaben. In dem Zwei-Personen-Stück geht es um Geflüchtete und verschuldete Menschen am Rand der Gesellschaft – und um die Möglichkeit von Humanität. Es spielen Elisabeth Hütter (links) und Tobias Loth.

Die meiste Zeit bleibt es düster auf der Bühne in „Lampedusa“ im Studio des Landestheaters Schwaben. In dem Zwei-Personen-Stück geht es um Geflüchtete und verschuldete Menschen am Rand der Gesellschaft – und um die Möglichkeit von Humanität. Es spielen Elisabeth Hütter (links) und Tobias Loth.

Bild: Monika Forster/LTS

Die meiste Zeit bleibt es düster auf der Bühne in „Lampedusa“ im Studio des Landestheaters Schwaben. In dem Zwei-Personen-Stück geht es um Geflüchtete und verschuldete Menschen am Rand der Gesellschaft – und um die Möglichkeit von Humanität. Es spielen Elisabeth Hütter (links) und Tobias Loth.

Bild: Monika Forster/LTS

„Lampedusa“ im Studio zeichnet ein düsteres Bild von Zuständen in Europa. Es geht um die Bergung von ertrunkenen Flüchtlingen und eine Geldeintreiberin.
07.11.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Verschüttet unter einem Haufen schwarzer Müllsäcke in einem abgedunkelten Raum, erheben sich langsam zwei Gestalten. Sie sind ganz in Schwarz gekleidet, entindividualisiert in einer Welt, die nur durch ein leuchtendes Rechteck definiert ist, das über der Szene schwebt. Sie wird lichtlos bleiben und später nur durch wenige grelle Impulse erhellt. An diesem finsteren Ort spielt das Zwei-Personen-Stück „Lampedusa“ von Anders Lustgarten, das im Landestheater Schwaben im Studio Premiere hatte.

Der britische Autor verbindet in seinem 2015 uraufgeführten Stück ein europäisches Problem mit der britischen Gesellschaft. Er verwebt zwei Monologe von nicht miteinander verbundenen Figuren. Stefano, Sohn aus einer italienischen Fischerfamilie, ist für die Bergung von Leichen gekenterter Flüchtlingsboote zuständig. Er war drei Jahre lang arbeitslos, weil es kaum mehr Fische zu fangen gibt. Jetzt fischt er Leichen von Geflüchteten aus dem Wasser, die ihn bis in seine Träume hinein verfolgen.

Denise erzählt, wie sie ihr Studium durch Eintreiben von Geld für eine Kleinkredit-Firma finanziert. Als Tochter eines asiatischen Vaters kämpft sie gegen Ressentiments in der britischen Gesellschaft und um die Anerkennung der Arbeitsunfähigkeit ihrer britischen Mutter. Gerade der Versuch, dabei Würde zu bewahren, wird als Beleg für die Arbeitsfähigkeit gewertet und dient als Grund, der schwachen Mutter die Sozialhilfe zu entziehen.

Erbarmungsloses System

Doch es gibt aufschlussreiche Parallelen zwischen Stefano und Denise. Beide machen mit in einem erbarmungslosen System, das nicht nach sozialen Umständen fragt und den Tod von Flüchtlingen als Abschreckung billigend in Kauf nimmt. Beide waten knietief im dampfenden Müllhaufen der Geschichte herum, den sich keiner anzufassen traut. Die starke Entwicklung, die Stefano und Denise durchlaufen, macht allerdings Hoffnung auf Mitgefühl und Veränderung: Stefano nimmt sich eines Mechanikers aus Mali an und ist ganz nah dran an den Nöten und Empfindungen des Flüchtlings. Denise findet in einer alleinerziehenden Portugiesin eine aufrichtige Freundin.

Elisabeth Hütter vermittelt glaubhaft die Schärfe und Bitterkeit der Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Tobias Loth spiegelt eindringlich seine ambivalenten Gefühle bei der sich anbahnenden Freundschaft mit dem Afrikaner. Schön anzusehen, wie er sich von dessen Zuversicht und Lebensfreude anstecken lässt.

Schwarze Bühne mitten im Raum

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Die schwarze, lichtschluckende Bühne von Franziska Isensee schließt die 40 Zuschauer und Zuschauerinnen im Studio, die von allen vier Wänden auf das Geschehen in der Mitte schauen, mit in die dunkle Welt der Protagonisten ein. Sie ist ein düsteres Gegenbild zu der strahlenden Mittelmeerinsel mit den türkisblauen Stränden. Nur kurze, chorisch gesprochene Passagen lässt Regisseurin Magdalena Schönfeld heller ausleuchten. Gelegentlich treten die Darsteller an ein Mikrofon.

Doch die Struktur erschließt sich nicht aus dem Inhalt und sie kann nicht ausgleichen, dass viele Zuschauer die Schauspieler nur seitlich oder mit dem Rücken sehen. Die reizreduzierte Form schafft Distanz. Sie soll vor falscher Betroffenheit schützen, doch sie dämpft vor allem die Strahlkraft der Schauspieler. Zwar gibt die Kargheit der Inszenierung dem Wort und dem Gedanken Raum, sie droht aber zu einem blutleeren, körperlosen Hörspiel zu werden. Große Wirkung hat der abrupte Schluss, als nach der Beschreibung einer Rettungsaktion nur der Satz von Stefano im Raum stehen bleibt: „Ich habe noch 75 Leichen auszuladen!“ Lange bleibt es danach still, dann setzt anerkennender und langer Applaus ein.