Zukunftsängste

Landwirte fürchten um Existenz - was sie im Wahlkampf fordern

HW Landwirtschaft

„Käse Genuss“-Betriebsleiterin Dagmar Kienle (von rechts) diskutiert mit Walter Rehklau, Kreisobmann Martin Schorer, dem Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke und Reinhard Lohr über die Probleme in der heimischen Land- und Molkereiwirtschaft.

Bild: Franz Kustermann

„Käse Genuss“-Betriebsleiterin Dagmar Kienle (von rechts) diskutiert mit Walter Rehklau, Kreisobmann Martin Schorer, dem Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke und Reinhard Lohr über die Probleme in der heimischen Land- und Molkereiwirtschaft.

Bild: Franz Kustermann

Diskussion im Unterallgäu, wie weiteres Höfe-Sterben verhindert werden kann. Warum ein Molkerei-Chef eine leichtere Zuwanderung von Migranten fordert.
04.09.2021 | Stand: 11:45 Uhr

Was muss sich dringend ändern, damit die wenigen, auf den Dörfern noch verbliebenen Bauern nicht auch noch ihren Betrieb aufgeben? Darüber diskutierten Vertreter des Berufsstands und der Molkereien mit dem Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke (CSU) bei einem Rundgang durch die Molkerei „Käse Genuss Hawangen“.

Eigentlich hätte Ilse Aigner ins Unterallgäu kommen sollen, berichtete der Unterallgäuer Kreisobmann und Stellvertretende Vorsitzende der Molkereigenossenschaft „Allgäu Milch Käse“ Kimratshofen (AMK), Martin Schorer. Die Landwirte und Vorstandsmitglieder der Genossenschaft sowie deren Geschäftsführer nutzten nun die Gelegenheit, dem Stephan Stracke die aus ihrer Sicht existenzbedrohenden Sorgen und Probleme der Unterallgäuer Landwirtschaft deutlich nahezubringen.

Arbeitserlaubnis für Migranten erleichtern

Hubert Dennenmoser, Geschäftsführer der Genossenschaftsmolkerei Allgäu-Milch-Käse in Kimratshofen, forderte vehement, Zuwanderung und Arbeitserlaubnis von Migranten zu leichtern, um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Laut Stracke sind fehlende Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung für Migranten „nur dann ein Problem, wenn sie ihre Papiere nicht beibringen.“

Zudem müssten die ungleichen Bedingungen für Exporte zwingend weltweit angeglichen werden. Selbst in Europa hätten viele Länder eigene Programme zum Schutze ihrer Landwirte etabliert; hierzulande fehle jeder Ansatz hierzu.

Deswegen gehe das Höfesterben ungemindert weiter: Im Jahr 2000 gab es laut Dennenmoser deutschlandweit 142000 Milcherzeuger mit 4,6 Millionen Kühe, 2020 nur noch 57000 Milcherzeuger mit 3,9 Millionen Kühen. In Memmingen und dem Landkreis Unterallgäu verringerten sich die landwirtschaftlichen Betriebe seit 2011 von 2632 (davon 1689 im Haupterwerb) auf aktuell 2227 (1218 im Haupterwerb). Das Verbot der Anbindehaltung treffe vor allem das kleinstrukturierte Allgäu sehr hart.

Anbindehaltung ist "unlösbares Problem" in beengten Dörfern

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Von der Politik forderte der Geschäftsführer „mäßigendes und unterstützendes Eingreifen“, vor allem klare Vorgaben über das Ende der Anbindehaltung: Es nütze nichts, wenn Anbindehalter Milch produzieren dürfen, diese aber faktisch unverkäuflich sei. Insbesondere im Unterallgäu sei Kombihaltung ein unlösbares Problem für Landwirte in den beengten Dörfern, wenn sie ihre Tiere nicht austreiben können. Kreisobmann Martin Schorer wertete die Investitionsförderung zwar als „gut“: Wenn Fahrsiloanlagen heute schon 300000 Euro kosten und der notwendige Stallbau noch das Fünffache dazu, dann sei der Milchpreis um fünf Cent zu niedrig. Vorstandsmitglied Walter Rehklau befürchtet, dass bei diesen Bedingungen hierzulande junge, bestens ausgebildete Landwirte zur Industrie abwandern.

Dennenmoser forderte von Stracke, sich für wissenschaftliche Studien auf dem Grünland einzusetzen. Das auf die Grünlandnutzung angewiesene Allgäu sei in Hinblick auf Insektenschutz, Klimawandel und CO2-Verringerung bestimmt wesentlich besser als die Ackerbauregionen. Stracke betonte, dass die Landwirtschaft hier „Teil der Lösung“ sei. Umso unverständlicher sei es laut Dennenmoser, dass die Bauern immer noch mehr an den Pranger gestellt würden.

Einiges spricht für Anbau von Mais

Schorer betonte, dass die Landwirtschaft mit der CO2-Bindung bei Mais, Getreide, Grünland und Wald die einzige Branche sei, die sogar „CO2-positiv“ wirtschafte. Der vielfach von der Bevölkerung verhasste Mais binde wesentlich mehr Kohlendioxid als Wald – selbst wenn dieser nachhaltig genutzt werde. Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer, dass klimatechnisch die Stilllegung des Waldes die Schlechteste aller Möglichkeiten der Landnutzung darstellt.

Klare politische Vorgaben vermisst Dennenmoser auch bei der Stromnetzsicherheit: In Kimrathofen gebe es jetzt schon immer wieder „Stromausfälle wie in Nigeria“, obwohl das Kernkraftwerk Gundremmingen noch nicht abgeschaltet sei. Auch dürften die Verbrenner wie Diesel „nur mit Bedacht abgeschaltet werden“.

Bei der Käseverpackung fehlten klare politische Vorgaben, welche die dringend notwendige Müllverminderung belohnen. „So gut wie keine Molkerei wurde nicht schon einmal mit Cyber-Kriminalität lahmgelegt“, klagte der Geschäftsführer weiter und forderte „besseren Schutz und keine gegenläufigen Gesetze“. Die Fachschulausbildung sei nicht aktuell, „mit veralteten Erkenntnissen aus den 80er Jahren“. Und der Handel verlagere den Einkauf nach Österreich und Holland, um Steuern zu sparen und die EU-Gesetzgebung zu umgehen, so Dennenmoser.