Kinder-Hilfsprojekt

Wenn Mama und Papa nicht mehr können: Die vergessenen Kinder leiden leise

Trauriges Mädchen

Tamara Weiß

Bild: Patrick Pleul, dpa

Tamara Weiß

Bild: Patrick Pleul, dpa

Rund 1,5 Millionen Kinder leiden unter den psychischen Krankheiten ihrer Eltern. Die Diakonie bietet diesen Kindern und ihren Familien Unterstützung an.
05.05.2021 | Stand: 12:36 Uhr

Sie werden die vergessenen Kinder genannt: Die Rede ist von Kindern und Jugendlichen, deren Eltern an psychischen Krankheiten leiden. Still und leise tragen diese Kinder und Jugendlichen die Erkrankungen ihrer Eltern wie Depressionen, Angststörungen und Suchtprobleme mit – und werden dabei oftmals übersehen. Doch ihr Risiko, im späteren Leben ebenfalls an einer seelischen Erkrankung zu leiden, ist Psychologin Tamara Weiß zufolge, drei bis sieben Mal so hoch wie bei Kindern mit nicht erkrankten Eltern.

Diakonie Memmingen unterstützt Kinder von psychisch erkrankten Eltern

Das möchte die Diakonie mit ihrer Maßnahme „Kinder sind uns wichtig“, kurz KiWi-Projekt, ändern. Das „Herzensprojekt“, wie der Leiter der Diakonie, Stefan Gutermann, es bezeichnet, ist vor rund einem Jahr von Tamara Weiß ins Leben gerufen worden. „Gerade Kinder brauchen in ihrer Entwicklung viel Unterstützung, Förderung und Zuwendung“, sagt die Psychologin. Mit ihrem KiWi-Projekt, welches sich an junge Menschen bis 18 Jahre richtet, möchte sie eine altersgerechte Aufklärung über die Auswirkungen der Krankheit und Verständnis für die Erkrankung der Eltern schaffen.

Viele junge Menschen wenden sich an das KiWi-Projekt der Diakonie Memmingen

Mittlerweile betreut sie zwölf Kinder aus verschiedenen Familien: „Das Angebot wird in allen Altersgruppen wahrgenommen. Das jüngste Kind bei uns ist vier Jahre alt und das älteste 17.“ Viele Kinder seien durch das breite Netzwerk an Helfern zu dem Projekt gekommen, in einigen Fällen hätten die Psychiater der Eltern die Familien auf das Angebot aufmerksam gemacht. Einige Jugendliche habe sich auch selbstständig per E-Mail gemeldet.

Die psychisch kranken Eltern sollen entlastet und den Kindern geholfen werden

„Wir versuchen die Eltern zu entlasten und die Kinder zu stärken“, erklärt die 27-Jährige. Das Projekt ist für die Betroffenen kostenlos und wird von der Kinderbrücke Allgäu finanziert. Die Mitarbeiter unterstehen der Schweigepflicht. „Außer wir merken, es besteht eine Kindeswohlgefährdung, also die Kinder werden nicht mehr gut behandelt“, relativiert Weiß. Dann frage sie die Familie, ob sie nicht eine Familienhilfe in Anspruch nehmen möchte.

Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft den Kindern

Ursprünglich war die Idee, den Kindern nicht nur Beratung und Betreuung anzubieten, sondern auch ein Gruppenangebot für Gleichaltrige zu schaffen. „Es ist oft sehr schwierig für die Kinder, weil sie denken, sie sind mit ihrer Situation alleine.“ Laut der Projektleiterin schämen sich viele Kinder für das Verhalten ihrer Eltern und sie tragen ihre familiären Probleme nicht nach außen. In den Gruppenstunden könnten sie „jemanden treffen, dem es genauso geht“ und sich offen über ihre Schwierigkeiten austauschen. Zudem wird über die verschiedenen Krankheiten aufgeklärt.

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Leider mache Corona den geplantenGruppenstunden einen Strich durch die Rechnung. „Dank der Hygieneregelungen müssen die Gruppensitzungen fürs Erste ausfallen“, bedauert Tamara Weiß. Trotzdem veranstaltet sie weiterhin - mit Abstand und Maske - die Einzelstunden mit den Kindern, ihren Geschwistern und manchmal auch mit den Eltern. „Ich bin echt zufrieden mit dem Projekt“, sagt die Psychologin: „Mit Corona hatte ich schon Angst, dass es nicht gelingen wird.“ Sie freut sich, dass die Kinder regelmäßig kommen, und dass das Angebot bisher so gut angenommen wird. Trotzdem seien noch Kapazitäten vorhanden, betont sie.

Ihr größter Wunsch? „Dass das Thema psychische Krankheiten von Eltern stärker in den Köpfen verankert wird.“ Und bis es so weit ist, arbeitet sie mit ihrem KiWi-Projekt gegen das Vergessen.

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