Kulturfestival

„Was bei der Memminger Meile abgeliefert wurde, war überragend“

Memminger Meile

Fulminantes Highlight zum Abschluss der Memminger Meile war die poetische Installation „Sternenzeit – Im Land meiner Kindheit“ vom Theater ANU. Sie verwandelte das denkmalgeschütze Gelände „Alter Friedhof’ in ein Land der Phantasie.

Bild: Uwe Hirt

Fulminantes Highlight zum Abschluss der Memminger Meile war die poetische Installation „Sternenzeit – Im Land meiner Kindheit“ vom Theater ANU. Sie verwandelte das denkmalgeschütze Gelände „Alter Friedhof’ in ein Land der Phantasie.

Bild: Uwe Hirt

Die Macher der Memminger Meile 2021 blicken zufrieden auf die coronakonformen Kulturwochen unter freiem Himmel zurück. Welche Hürden es dabei zu überwinden galt.
14.08.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Unter freiem Himmel im Abbruchareal Rosenviertel ging die Memminger Meile heuer größtenteils über die Bühne. Die Mewo-Kunsthalle gleich daneben bot der Gruppenausstellung ArtMe ein Dach über dem Kopf (sie läuft noch bis zum 19. September), Abstecher gab es zum Memminger Lehrbienenstand und zum Abschluss auf den Alten Friedhof. Im Gespräch blicken die Meile-Macher, Kulturamtsleiter Dr. Hans-Wolfgang Bayer und Miriam Grossmann, zurück auf diesen besonderen, coronakonformen Memminger Kultursommer.

Frau Grossmann, Herr Dr. Bayer, verbuchen Sie diese sehr spezielle Corona-Meile als Erfolg?

Dr. Hans Wolfgang Bayer: Das Ereignis überhaupt gemacht zu haben, ist für uns schon ein Erfolg. Auch das Publikum und die Kunstschaffenden haben diese Meile als Gewinn empfunden. Ebenso die beteiligten Dienstleister, die ja genauso vom Kultur-Lockdown betroffen waren, von der Veranstaltungstechnik über das Catering oder Wachpersonal bis zum Toilettenwagen- oder Bühnenverleiher. Auch für diese Gruppen waren die letzten eineinhalb Jahre extrem perspektivlos.

So ein Festival braucht lange Vorplanungen. Wann fiel die Entscheidung, es nicht abzusagen?

Bayer: Im Dezember haben wir entschieden, wir wagen die Meile unter den Corona-Bedingungen, die wir von 2020 kannten. Es war klar, dass das nur Open Air funktioniert und viel mehr Aufwand erfordert. Wir haben deshalb beim Stadtrat angefragt, ob er dafür höhere Haushaltsmittel zur Verfügung stellt. Er hat das Projekt schließlich mit 88 500 Euro unterstützt, sonst hätten wir unser Konzept nicht umsetzen können.

Publikum hat noch Hemmungen

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Wie war der Publikumszuspruch auf die Meile 2021?

Bayer: Der gesamte Kulturbetrieb trägt noch schwer an der Last der letzten 15 Monate. Und das Publikum hat noch gewisse Hemmungen, macht sich Gedanken, was man darf: sitzen? aufstehen? etwas essen oder trinken? Dazu kommt die Sorge um die eigene Gesundheit, das will ich nicht im Kopf haben, wenn ich einen schönen Abend erleben will.

Miriam Grossmann: Die Erfahrung auf dem Platz war, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer innere Hürden überwinden mussten. Das haben mir auch andere Veranstalter bestätigt. Die Verunsicherung war in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich, aber flächendeckend gab es wie bei uns kaum Spontanbesuche. Die Kultur als Spontanoption im Alltag hat schwer verloren, alle hoffen jetzt, dass sich die Lage wieder erholt.

Hatte das Einfluss auf die Stimmung?

Bayer: Die Leute sind erst im Laufe des Abends mit der Situation heimisch geworden. Als zum Beispiel Teresa Bergmann mit der zweiten Zugabe ankündigte, dass danach Schluss ist, rief einer aus dem Publikum ,ich bin doch grad erst aufgestanden’ – worauf sie konterte, ,dann wärste mal früher aufgestanden’. Am Ende waren aber jedes Mal alle beglückt, dass sie den Abend riskiert haben.

Was bedeutet das jetzt für Kulturveranstalter?

Bayer: Es ist bitter nötig, alles anzubieten, was erlaubt, weil uns sonst droht, das zu verlieren, was vorher Alltag war. Viele, auch Künstler, sagen, das wird nicht einfach, und machen sich Sorgen, ob die Vielfalt und auch die Experimentierfreudigkeit wieder zurückkommen.

Konzerte im Regen

Zurück zur Meile: Es gab ja wegen der Auflagen diesmal keine Indoor-Variante bei Regen.

Bayer: Richtig. Deshalb haben wir mehrere Konzerte in einer Wettersituation durchgezogen, bei der wir normalerweise abgesagt hätten. Es war beeindruckend, wie das die Kunstschaffenden und das Publikum mitgetragen haben. Es war für beide eine besondere Herausforderung und für die Künstler sicher nicht einfach, vor leeren Stühlen aufzutreten, während das Publikum sich im Regen unter Pavillons am Rand flüchtete. Was da trotzdem abgeliefert wurde, etwa von Matthias Schriefl oder Botticelli Baby, war einfach überragend. Man darf dabei nicht vergessen: Die Künstler wollten nicht nur aus Spaß am Auftritt spielen, sondern endlich auch wieder Geld verdienen.

Grossmann: Unter diesen Umständen sind wir sehr zufrieden damit, dass wir im Schnitt fast 83 Prozent Auslastung hatten.

Nach der Meile ist vor der Meile, wie geht es jetzt weiter?

Grossmann: Erst mal mit tief, tief Luftholen. Die letzten Monate waren ein Parforceritt durch unterschiedliche Ministerpräsidentenkonferenzen. Der komplizierte Stufen-Inzidenzplan war dann der Moment, an dem viele Veranstalter aufgegeben haben. Wir waren uns aber einig, wir machen, was geht.

Bayer: An einem bestimmten Punkt waren Entscheidungen nicht mehr revidierbar, etwa die Location oder der Verzicht auf manche nicht coronataugliche Formate wie das Straßentheater, oder dass man zum Kino seine Sitze selber mitbringt. Das wird auch unsere Vorgabe für die nächsten Monate bis Weihnachten sein. Dann müssen wir klare Ansagen für 2022 machen.

Sind Sie schon in Kontakt mit Künstlern oder Agenturen?

Bayer: Wir haben schon einiges in der Pipeline, auch Dinge, die verschoben werden mussten. Wir muten den Agenturen inzwischen allerdings auch zu, dass wir sie auf Verdacht kontaktieren. Das ist neu für uns und natürlich sehr unangenehm für alle Beteiligten, wenn wir wieder absagen müssen. Heuer war das nach dem Totalausfall von 2020 bei manchen teils schon zum zweiten Mal notwendig.

Grossmann: Aber das gegenseitige Verständnis dafür war groß und die Stimmung bei aller Misere sehr solidarisch. Umso bitterer waren die Absagen.

Super Sound, super Licht

Sie haben diesmal aufgrund der Corona-Umstände mehr Support von außen in Anspruch genommen. Ist das ein Modell für die Zukunft?

Bayer: Für die große Bühne war eine aufwendige Technik nötig, die wir selbst nicht leisten konnten. So kam eins zum anderen. Es hat sich sehr bewährt, dass wir zum Beispiel nicht jeden Abend selbst wieder abbauen mussten. Ich kann mir auch in Zukunft mehr Outsourcing vorstellen.

Grossmann: Außerdem war es eine große Freude, professionellen Support zu haben und damit einen super Sound und super Licht. Es wäre schade, wenn wir das wieder aufgeben müssten.

Neu war auch das Ausstellungsprojekt ArtMe als eine Art Kunstfestival im Festival. Wie sind Sie damit zufrieden?

Bayer: Natürlich gab es Einbußen beim Besuch wie derzeit in allen Ausstellungshäusern. Trotzdem haben wir eine schöne Zustimmung auf diese sehr qualitätvolle Ausstellung. Die Kooperation mit dem Künstlerkollektiv war sehr intensiv, weil viele Ansprüche, Erwartungen und Nöte unter einen Hut zu bringen waren. Aber so konnten wir eine ganze Reihe junger Künstler präsentieren, die auf bundesrepublikanischer Ebene durchaus schon Erfolge vorzuweisen haben.

Grossmann: Schade ist nur, dass auch dieses Projekt, das schon für 2020 geplant war, wegen Corona Federn lassen musste und wir zum Beispiel Jamsessions, Performances oder Workshops absagen mussten.