Tradition trifft Technik

Memminger Nikolaus empfängt die Kinder im virtuellen Wohnzimmer

Trotz Corona und der geltenden Kontaktbeschränkungen gibt es auch in diesem Jahr Nikolausbesuche. Allerdings laufen sie vielerorts anders ab als gewohnt. Ein Memminger Verein verlegt die Begegnung gar ins virtuelle Wohnzimmer des Heiligen.

Trotz Corona und der geltenden Kontaktbeschränkungen gibt es auch in diesem Jahr Nikolausbesuche. Allerdings laufen sie vielerorts anders ab als gewohnt. Ein Memminger Verein verlegt die Begegnung gar ins virtuelle Wohnzimmer des Heiligen.

Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Trotz Corona und der geltenden Kontaktbeschränkungen gibt es auch in diesem Jahr Nikolausbesuche. Allerdings laufen sie vielerorts anders ab als gewohnt. Ein Memminger Verein verlegt die Begegnung gar ins virtuelle Wohnzimmer des Heiligen.

Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Ein Verein ermöglicht die Begegnung zwischen Kindern und Nikolaus mit Aufwand und moderner Technik. Warum für die Organisatoren am Ende auch Ernüchterung steht.
05.12.2020 | Stand: 07:51 Uhr

Eine Katze räkelt sich auf dem Holzfußboden vor dem prasselnden Kaminfeuer. Gemusterte Strümpfe hängen aufgereiht am Sims, darauf stehen eine alte Uhr, eine Nussknackerfigur und Weihnachtsschmuck. In der Winterlandschaft draußen vor dem Fenster tummeln sich Rentiere: Behaglich hat es der Nikolaus da in seinem Wohnzimmer. Dort können ihn Kinder aus der Region besuchen und sogar eine Familie, die nun in Norwegen lebt: Möglich machen das moderne Technik – und der Nikolausdienst Memmingen.

Filmstudio wird zum Nikolaushelfer

Lange bevor Lebkuchen und erste Schoko-Weihnachtsmänner die Supermarktregale füllten, stellte sich den Ehrenamtlichen eine Frage: Wie kommen Kinder und Nikolaus trotz der Kontaktbeschränkungen in Corona-Zeiten zusammen? Seit Anfang August tüftelte laut den beiden Gründern Rafael Spinnler und Dietmar Weckwerth das etwa 30-köpfige Team, zu dem beispielsweise IT-Experten, eine Fotografin und eine Visagistin gehören, an der Lösung – dabei wurde auch ein professionelles Filmstudio zum Nikolaushelfer. Mit dessen Unterstützung werden Kinder und Familien zuhause an ihrem Tablet per Videokonferenz ins virtuelle Wohnzimmer des Nikolauses verbunden. Die Ehrenamtlichen, die in die Rolle von Bischof und Knecht Ruprecht schlüpfen, sitzen in einem Augsburger Videostudio und werden digital in den Raum eingeblendet, während sie live mit ihren „Gästen“ sprechen. Vorab-Anmeldung und Email-Austausch mit den Eltern sorgen laut Spinnler dafür, dass der Nikolaus dann genau weiß, wofür er Lob oder Tadel verteilen kann.

Kinder können den Nikolaus heuer per Videokonferenz in seinem virtuellen Wohnzimmer besuchen und live mit ihm sprechen. Organisiert hat das mit viel Aufwand der Nikolausdienst Memmingen.
Kinder können den Nikolaus heuer per Videokonferenz in seinem virtuellen Wohnzimmer besuchen und live mit ihm sprechen. Organisiert hat das mit viel Aufwand der Nikolausdienst Memmingen.
Bild: Nikolausdienst Memmingen

Damit zum Beispiel bei der Internetverbindung nichts schiefgeht, wurden die Eltern dem 45-Jährigen zufolge in den Tagen zuvor kontaktiert. Nikolausgrüße gehen sogar bis nach Skandinavien: „Bei uns hat sich eine Familie angemeldet, die von Augsburg nach Norwegen umgezogen ist. Sie wollen die Tradition als ein Stückchen Heimat mitnehmen“, erzählt Spinnler. Zu Gast beim Nikolaus werden auch Jungen und Mädchen aus sozial schwachen Familien sein, welche die Stiftung Kinderchancen Allgäu und Privatleute dem Verein ans Herz gelegt hat. „Dafür haben Memminger Firmen Patenschaften übernommen“, erzählt Spinnler. Denn weil für diese „Besuchsvariante“ sowie die Hilfe des Filmstudios viel Aufwand und Kosten anfielen, gibt es ausnahmsweise einen Unkostenbeitrag von 80 Euro. Normalerweise ist der ehrenamtliche Einsatz umsonst: „Die Familien können als freiwillige Spende geben, was sie wollen.“

Memminger Firmen sponsern Besuche beim Nikolaus

Übrigens bietet der Nikolausdienst jeweils im Umkreis von 15 Kilometern um Memmingen, Mindelheim und Kempten eine zweite Version an: Dabei bringen der Bischof und sein Helfer einen Sack mit stets frisch desinfiziertem Tablet für die jeweilige Familie ans Haus und bauen dann draußen, etwas abseits, Smartphone, Stativ und Beleuchtung auf, um sich live zu den Eltern und ihren Kindern zu schalten.

Nur insgesamt 30 Besuche haben die Ehrenamtlichen in diesem Jahr zu machen – in normalen Jahren sind es laut Spinnler durchschnittlich etwa 140. „Wir sind etwas enttäuscht.“ Seine Erklärung: „Bei dieser alten Tradition können sich die Leute mit Digitalem nicht identifizieren und sie sind verunsichert, wie das zuhause ankommt.“ Die Begeisterung für ihr Herzensanliegen lassen sich die Ehrenamtlichen nicht trüben: „Nächstes Jahr geben wir wieder Vollgas.“

Vielerorts im Unterallgäu gilt: Analog, aber anders als sonst

Analog, aber auch anders als sonst zeigt sich die Tradition vielerorts im Unterallgäu. In Niederrieden und Sontheim zum Beispiel haben Oberministranten beziehungsweise Katholische Landjugendbewegung (KLJB) die Besuche ins Freie verlegt. Für KLJB-Vorstandsmitglied Philipp Schalk (23) erweist sich der Rauschebart heuer als praktisch, um die Maske zu verbergen. Handschuhe trägt der Nikolaus in Sontheim sowieso, überdies hält er einen Sicherheitsabstand von drei Metern. Und wenn Knecht Ruprecht – samt Glocke und Rute – angesichts der geltenden Beschränkungen draußen auf der Straße bleibt, ist manch kleinem Spitzbuben vielleicht ohnehin wohler. Ein Säckchen mit Nikolausgaben stellen die Eltern an der Straße bereit, ebenso den Spickzettel für die Rede des Nikolauses. „Das schmückt man dann ein bisschen aus“, sagt Schalk, der zum fünften Mal unterwegs ist und zu einer Gruppe von etwa zehn Mitwirkenden gehört. In Niederrieden sprang Regina Friedrich vom Pfarrgemeinderat als Sekretärin des Nikolauses ein und erkundigte sich vorab über gute und schlechte Taten des Nachwuchses.

Aushilfs-Nikoläuse müssen aufpassen

Übrigens ist es laut Schalk schwierig, wenn Mamas und Papas den Nikolaus spielen: „Die Kinder merken das brutal schnell, da reicht das kleinste Detail.“ Wer es versucht, darf also erstens „nicht erst kurz davor verschwinden“. Zweitens sollte er darauf achten, alles mit verräterischem Wiedererkennungswert – ob Armband, Uhr, Brille oder Schuhe – zu vermeiden. Wenn sich der Nikolaus gar als Frau entpuppt, ist die Verwirrung groß. Davon kann auch Regina Friedrich (58) ein Lied singen. Vor 30 Jahren sprang sie einmal ein. Bei der Erinnerung daran lacht sie: „Beim ersten oder zweiten Haus hieß es gleich: Das war ein Mama-Nikolaus.“