Memmingen

Memminger Stadtgeschichte: Vom Tod im Katzenweiher

Führung Liebesdienste

Führung Liebesdienste

Bild: Stefanie Rauh

Führung Liebesdienste

Bild: Stefanie Rauh

Bei dieser Stadtführung geht es um Hexenverfolgung – aber auch um Liebesdienste
Von Stefanie Rauh
22.01.2021 | Stand: 17:50 Uhr

Als unabhängige Single-Frau zu leben, ist heutzutage kein Problem. Im Mittelalter war das jedoch anders. Um „Hexenprobleme“ zu vermeiden, musste eine alleinstehende Frau damals streng darauf achten, wie sie sich verhält. „Eine Hexe erkennt man an ihrer deutlichen Abneigung gegen Männer. Sie kocht nur selten und vernachlässigt generell gerne den Haushalt. Ihre Haare und das Gesicht wäscht sie nur selten“, behauptete der Arzt Paracelsus im Mittelalter. Das waren die Indizien, die darauf deuteten, es mit einer möglichen Hexe zu tun zu haben.

Zum Weltfrauentag veranstaltete Renée Düring vom Memminger Frauennetzwerk gemeinsam mit der städtischen Gleichstellungsbeauftragten, Claudia Fuchs, eine Stadtführung namens „Liebesdienste“ über Frauen im mittelalterlichen Memmingen. Es ging um Hexenverfolgungen sowie um Prostitution und Badehäuser der Stadt.

Bei der Führung waren die Besucherinnen eindeutig in der Überzahl. Nur drei Männer hatten Interesse an der Führung. „Ich bin begeistert, dass so viele Menschen hier sind. So eine große Gruppe bin ich gar nicht gewohnt“, sagte Düring und betonte: „Ich finde es wichtig, Frauen aus dem Schatten zu holen. Sie haben in allen Jahrhunderten versucht, ihr Ding zu machen – auch unter erschwerten Bedingungen.“

Zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert galt es als unschicklich, Frauen zu erhängen – deshalb ertränkten sie die Scharfrichter. Düring erzählte vom „Katzenweiher“, der einst in der Allgäuer Straße lag. An seiner Stelle befindet sich heute der V-Markt. „Ich wusste gar nicht, dass beim V-Markt mal so ein Weiher war, in dem Menschen ertränkt wurden“, sagte Besucherin Daniela Schmidt.

Die letzte Hexenverbrennung Deutschlands war 1729 in Kempten. Zum Opfer fiel ihr Anna Maria Schwegelein. „Sie konvertierte vom katholischen Glauben zum evangelischen und hatte dadurch große Schuldgefühle. Sie behauptete, Teufelserscheinungen gesehen zu haben“, erzählte Düring. Die Anklage im Fall Schwegelein nannte sich „Teufelspakt“. Die Strafe: Tod durch Schwert mit anschließender Verbrennung.

Im 14. Jahrhundert kam es durch viele Missernten zu rund 1000 registrierten Hexenprozessen in Europa. Nach Schätzungen von Experten waren es jedoch 60 000 Menschen, die in die Vorfälle verwickelt waren. Dreiviertel der europäischen Prozesse haben in Deutschland stattgefunden. „70 Prozent der Angeklagten waren Frauen“, sagte Düring. Die Stadtführerin berichtete von etlichen Hexenverfolgungen und steuerte verschiedene Orte in der Innenstadt an. So zum Beispiel den „Hexenturm“ in der Nähe des Marktplatzes. Sein Name stammt aus dem 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurden rote Kreuze und gotische Schriftzeichen in den alten Gefängniszellen gefunden.

Die letzte öffentliche Hinrichtung in Memmingen fand vor 186 Jahren statt. Ursula Brandmüller starb vor einer großen Menschenmenge, weil sie ihren Mann vergiftet hatte. Der Scharfrichter tötete sie mit einem Schwert.

Kuriose „Verhütungsmethode“

Im zweiten Teil erzählte Düring von Badehäusern. In Memmingen gab es drei dieser Art: das Heinzen-, das Niedergassen- und das Steinbogenbad. Diese Örtlichkeiten dienten der Heilung, Entspannung und Unterhaltung. Die Baderinnen versorgten Wunden, schröpften, renkten Gelenke ein und schnitten den Besuchern die Haare. Neben dem Baden und Pflegen musizierten die Anwesenden, aßen und tranken. „Die Geschlechter waren in den Badehäusern nicht getrennt“, erzählte Düring. Verhütet wurde deshalb mit einem Aberglauben: Wer jede Holzlatte des Badezubers berührt, kann auf ein weiteres kinderloses Jahr hoffen. In der Weberstraße steht das ehemalige „Reichsstädtische Bordell“. Das wurde 1454 in der Nähe des Stadttors errichtet. Prostituierte wurden durch Brandmarkungen oder durch ihre Kleidung kenntlich gemacht: Sie trugen ein breites, gelbes Band.

Am Ende der Führung waren die Besucher begeistert. „Die Mädels machen das super. Ich kenne mich zwar schon gut aus, aber lerne immer wieder was dazu.“, sagt Johann Dörr, einer der drei männlichen Besucher.