Das sind die Gründe

Mordfall Hannah in Memmingen: Gericht schließt Öffentlichkeit aus - auch bei Urteilsverkündung

Denis G. sowie eine 16-Jährige sind des gemeinschaftlichen heimtückischen Mordes an der Schülerin Hannah angeklagt.

Denis G. sowie eine 16-Jährige sind des gemeinschaftlichen heimtückischen Mordes an der Schülerin Hannah angeklagt.

Bild: Andreas Berger

Denis G. sowie eine 16-Jährige sind des gemeinschaftlichen heimtückischen Mordes an der Schülerin Hannah angeklagt.

Bild: Andreas Berger

Der Mordfall Hannah wird ab sofort hinter verschlossenen Türen verhandelt. Das passierte am zweiten Verhandlungstag.
16.09.2022 | Stand: 11:38 Uhr

Die Person, über die alle sprachen, schwieg. Zu Beginn der Beweisaufnahme im Mordfall Hannah stand am Donnerstagmorgen jene 16-jährige Auszubildende im Blickpunkt, die das Verbrechen an der Schülerin gemeinsam mit Denis G. (26) am 14. November 2021 begangen haben soll. Regungslos kauerte sie am zweiten Verhandlungstag vor der Jugendkammer des Memminger Landgerichts in einem schwarzen Stuhl und starrte auf die gegenüberliegende weiße Wand des großen Sitzungssaales. So wird sie den Prozessbeobachtern in Erinnerung bleiben.

Weitere Eindrücke wird die Öffentlichkeit nicht bekommen. Die Kammer beschloss unter anderem aufgrund der psychischen Verfassung der 16-Jährigen, die mittlerweile Antidepressiva nehme, Zuschauer und Medien vom Prozess auszusperren. Das gilt auch für die verbleibenden 29 Verhandlungstagen sowie die Urteilsverkündung im Dezember. Das Urteil soll per Pressemitteilung bekanntgegeben werden.

Mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit wurde einem Antrag der beiden Verteidiger der Jugendlichen stattgegeben. Die Vertreter der Nebenkläger, der Staatsanwalt sowie die Verteidiger von Denis G. stellten keine Gegenanträge. „Ich darf Sie bitten, die Sitzplätze zu verlassen“, forderte Richter Thomas Hörmann am Donnerstag um 9.36 Uhr Zuschauer und Pressevertreter auf.

Prozess um Mord an Hannah in Memmingen: Gericht schließt Öffentlichkeit von Verhandlung aus

Für die einen kam der Beschluss überraschend. Andere hatten bereits im Vorfeld darüber gemutmaßt. Das Gericht räumte dem Persönlichkeitsschutz der Jugendlichen den Vorzug gegenüber dem öffentlichen Interesse ein: Durch ein öffentliches Verfahren könne die Angeklagte „bloßgestellt und stigmatisiert werden“. Selbst bei anonymisierter Berichterstattung bestehe die Gefahr, dass sie „für weite Kreise erkennbar bleibt“. Der psychische Druck auf die Jugendliche würde verstärkt, was nicht im Interesse der Erziehung und Entwicklung der Minderjährigen sein könne.

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Die Kammer stützte sich unter anderem auf die Aussagen eines sachverständigen Jugendpsychiaters. Er geht davon aus, dass die Angeklagte an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Diese habe im Laufe der Zeit in der Justizvollzugsanstalt Aichach zugenommen. Der Stellungnahme einer dortigen Diplom-Psychologin zufolge wurde der Ausschluss der Öffentlichkeit ebenfalls „dringend“ empfohlen. Die 16-Jährige sei „phasenweise suizidal“. Laut ihrer Verteidiger habe sie sich bereits mit Zigaretten und Glasscherben Verletzungen zugefügt und wurde zwischenzeitlich in einer Zelle mit permanenter Überwachung untergebracht.

Kommunikationsfähigkeit der Jugendlichen unter öffentlicher Beobachtung gehemmt

Bei ihrer Begründung zum Ausschluss der Öffentlichkeit führte die Kammer ein weiteres Argument ins Feld. Unter den Blicken von Beobachtern werde die Kommunikationsfähigkeit der Jugendlichen gehemmt, etwa wenn es im Laufe des Prozesses um Sexualleben und sexuelle Orientierung gehen sollte. Zudem sollen unter den 93 Zeugen weitere Jugendliche sein. Die Konstellation mit einer Minderjährigen und einem Erwachsenen wirkte sich von Beginn an auf das Verfahren aus: Anders als in Jugendsachen üblich startete der Prozess öffentlich. Die Verfahren zu teilen, sei nicht möglich gewesen. „Es geht um den selben Sachverhalt“, sagte Jürgen Brinkmann, Vizepräsident des Memminger Landgerichts.

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Der heute 16-Jährigen sowie Denis G. aus Memmingen wird vorgeworfen, die Schülerin Hannah im November 2021 in der Nähe des Allgäu Airports unter einem Vorwand unter Drogen gesetzt, mit einer Flasche niedergeschlagen und erstochen zu haben. Sollten die Angeklagten wegen Mordes verurteilt werden, droht Denis G. nach Angaben des Gerichts eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die 16-Jährige könnte wegen des Jugendstrafrechts zu höchstens zehn Jahren Haft verurteilt werden.