Corona-Krise

Nicht alles wird für die Kunden in Memmingen günstiger

MM Fotos für Artikel von Frau Kaulfersch

Geschäfte und Dienstleister beschäftigen sich derzeit mit der Senkung der Mehrwertsteuer – auch in Memmingen wie hier im Schuhhaus Cornelius.

Bild: Siegfried Rebhan

Geschäfte und Dienstleister beschäftigen sich derzeit mit der Senkung der Mehrwertsteuer – auch in Memmingen wie hier im Schuhhaus Cornelius.

Bild: Siegfried Rebhan

Die Senkung der Mehrwertsteuer ab dem 1.Juli beschäftigt Handel, Handwerk und Dienstleister. Die Betriebe gehen jedoch unterschiedlich damit um. 

27.06.2020 | Stand: 14:30 Uhr

Sinkt die Mehrwertsteuer, dann steigt trotz Corona die Kauflaune: Knapp formuliert lautet so die Überlegung, aus der heraus die Bundesregierung entschied, dass ab dem 1.Juli 16 statt 19 Prozent beziehungsweise beim ermäßigten Steuersatz fünf statt sieben Prozent anfallen. Viele Betriebe aus Handwerk, Dienstleistung und Einzelhandel geben dies an die Kunden weiter - andere tun dies nicht und versuchen so, Auswirkungen der Krise abzufangen. Dass die Senkung den Konsum ankurbelt, bezweifeln einige.

„Ich nehme an, dass die meisten Geschäfte die Senkung weiterreichen werden“, sagt MechthildFeldmeier. Entsprechende Auskunft hat die Vorsitzende des Verbands derMemminger Einzelhändlervon einigen Mitgliedern bekommen. Der Schritt der Bundesregierung sei „gut gemeint und natürlich freut man sich, wenn man was weitergeben kann“, sagt Feldmeier. Sie glaubt aber nicht, „dass das für viele den Ausschlag gibt, zu sagen: Ich geh’ in die Innenstadt und kaufe groß ein“. Denn bei den meisten Waren stellten drei Prozent keinen beträchtlichen Unterschied dar. Während der Aktionen mit Sonderangeboten und größeren Preisnachlässen im Juli und August werden laut Feldmeier die drei Prozent nicht zusätzlich abgezogen. Danach berücksichtigen Einzelhändler die niedrigere Mehrwertsteuer an der Kasse wie einen Rabatt. Eine Lösung, über die sie froh ist: „Alle Artikel neu auszuzeichnen – das wäre nicht machbar gewesen.“

„Man sieht den guten Willen unserer Regierung“, sagt auch Gottfried Voigt, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KHW) Memmingen-Mindelheim. Wie Feldmeier kritisiert er jedoch einen „unglaublichen organisatorischen Aufwand“. Unter anderem müssten Kassensysteme und Wirtschaftsprogramme so umprogrammiert werden, dass der korrekte Mehrwertsteuerbetrag ausgerechnet und ausgewiesen wird. Voigt selbst hat alle Hände voll damit zu tun, teils tief ins Detail reichende Fragen zu beantworten, die sich für Unternehmen auftun. Aus kartellrechtlichen Gründen spricht die KHW aber keine Empfehlung darüber aus, ob die Betriebe die Senkung weitergeben sollen oder nicht: „Jeder Unternehmer muss für sich selbst entscheiden.“ Eine Tendenz kann Voigt nur anhand einer geringen Zahl von Rückmeldungen abschätzen. Betriebe, die wie Metzger oder Bäcker ihre Umsätze im Einzelhandel erzielen, werden demnach zum Beispiel wegen coronabedingter Einbußen nichts ändern – zumal es sich um Cent-Beträge drehe. Dies bekräftigt Frank Standhartinger, stellvertretender Obermeister derBäcker-Innung: Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz sinkt von sieben auf fünf Prozent – bei einer Breze, die bisher 65 Cent koste, ein kleiner Unterschied. Erhebliche Ausgaben hingegen entstünden den Bäckern, wenn sie die Preise anpassen wollen. Für sein Geschäft in Memmingen samt Filialen hat Standhartinger sich deshalb dagegen entschieden.

Voigt geht auf einen weiteren Bereich ein, die Sachlage bei abgeschlossenen Bau- oder Handwerksleistungen: Hier sei es so, dass der Nettopreis zuzüglich dem gesenkten Mehrwertsteuersatz abgerechnet werde. „Damit reduziert sich der Endpreis.“ Die Unternehmen stünden aber vor dem Problem, dass es oft schwierig sei, klar abzugrenzen, wann eine Leistung als erbracht anzusehen ist und abgerechnet werden kann und wo etwa Teilabnahmen möglich sind. Denn der niedrigere Steuersatz gilt nur bis Ende 2020: Voigt erwartet, dass Kunden darauf drängen werden, Projekte bis dahin abzuwickeln. „Alles unterzubringen“ könne für die Betriebe zur Herausforderung werden.

Wie Voigt hält Wolfgang Zettler, Obermeister der Bau-Innung, den Nutzen der niedrigeren Mehrwertsteuer für begrenzt. „In unserem Bereich ist der Anreiz nicht so groß.“ Zwar werde die Senkung eins zu eins umgesetzt – Zettler verweist jedoch auf das kurze Zeitfenster und die Tatsache, dass der Tag der Abnahme oder Bezugsfertigkeit entscheidend ist – nicht das Auftrags- oder Rechnungsdatum. Ein unerwartetes „Zuckerl“ erhielten also jene, die vor Corona ein Bauprojekt angepackt hatten, das im zweiten Halbjahr 2020 beendet ist. Außerdem können laut Zettler Personen profitieren, die jetzt kleinere, schnell umzusetzende Projekte wie einen Umbau oder Reparaturen in Auftrag geben. Doch bei langwierigen Vorhaben – etwa der Entscheidung, den Bau der eigenen vier Wände anzugehen – bestehe nicht die Chance, in den Genuss der niedrigeren Mehrwertsteuer zu kommen. Indes beschert die Senkung dem Unternehmer einige Baustellen im sprichwörtlichen Sinn: im Detail noch nicht bekannte Richtlinien zur Umsetzung, die nötige Umstellung bei der EDV sowie Probleme bei Buchhaltung und Abrechnung. „Für uns ist das äußerst schwierig, für die Kunden undurchsichtig“, sagt Zettler.

„Wir geben die niedrigere Mehrwertsteuer weiter. Bei einem neuen VW oder Skoda macht das schon etwas aus“, sagt Marcus Rietzler vomAutohaus Seitz in Memmingen. Der Niederlassungsleiter erhofft sich durch die Senkung positive Impulse für die Konsumstimmung. Kunden, die schon früher gekauft haben und den Wagen erst jetzt bekommen, erwarte „eine schöne Überraschung“. Denn welcher Steuersatz anzuwenden ist, richtet sich nach dem Auslieferdatum. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wer nun mit einem Neuwagen liebäugelt, muss Fristen im Auge haben. Rietzler beispielsweise nennt „eine Regellieferzeit von drei bis vier Monaten.“ Auch beimAutohaus Esenweingilt: Für einen Citroën zahlt der Käufer den Nettopreis plus 16 Prozent Mehrwertsteuer. Dasselbe Prinzip greift laut Geschäftsführer Alexander Esenwein bei Reparaturen. Er ist froh über die Werkstatt als weiteres Standbein, denn er rechnet nicht mit mehr kauflustigen Kunden: „Ich gehe davon aus, dass das Jahr eher schlechter wird als sonst.“ Viele Menschen seien in Kurzarbeit – „und ich habe das Gefühl, dass es langsam ins Bewusstsein sickert, dass Corona noch nicht ausgestanden ist“.

Wenige Rückmeldungen dazu, wie seine Kollegen verfahren, hat Enrico Karrer, Obermeister der Friseur-Innung. „Das macht jeder anders. Manche geben es weiter, andere tun das nicht, um Schadensbegrenzung zu betreiben.“ Karrer selbst wählte die zweite Variante und will so eine weitere Preiserhöhung vermeiden. Schutz- und Hygienevorkehrungen verursachten derzeit monatlich einen Mehraufwand in Höhe von etwa 500 Euro pro Mitarbeiter: „Zum Beispiel ist der Preis für eine Packung der Handschuhe, die wir verwenden, gegenüber Zeiten vor Corona um das Dreifache höher.“ Gleichzeitig darf Karrer in seinem Salon in Memmingen von zehn derzeit nur fünf Plätze besetzen. „Seit der Wiedereröffnung kämpft unsere Branche um die Wirtschaftlichkeit. Die Mehrwertsteuersenkung hilft uns, die Preise zu halten.“

Dass die Senkung zu mehr Konsum führt, glaubt Markus Anselment. Der Geschäftsführer derIndustrie- und Handelskammer (IHK) Memmingen-Unterallgäu schätzt, dass vor allem Hersteller hochpreisiger Produkte die Senkungen weitergeben. Er befürchtet jedoch Kostensteigerungen für die Unternehmen – sie müssten ihre Verwaltungsprozesse zum 1. Juli umstellen und erneut zum Jahreswechsel, wenn wieder die alten Sätze gelten. Um positive Wirkung für die Wirtschaft zu zeigen, reiche ein halbes Jahr Senkung aber nicht aus, betont IHK-Regionalvorsitzende Andrea Thoma-Böck.