Märchen

O Thujabaum, o Thujabaum

Die Heldin seiner Weihnachtsgeschichte steht bei Franz Prestele in Memmingerberg auf der Terrasse. Aus der Thuja-Pflanze ist ein schmuckes Christbäumchen geworden, das diese Funktion noch viele weitere Jahre erfüllen soll.

Die Heldin seiner Weihnachtsgeschichte steht bei Franz Prestele in Memmingerberg auf der Terrasse. Aus der Thuja-Pflanze ist ein schmuckes Christbäumchen geworden, das diese Funktion noch viele weitere Jahre erfüllen soll.

Bild: Walter Müller

Die Heldin seiner Weihnachtsgeschichte steht bei Franz Prestele in Memmingerberg auf der Terrasse. Aus der Thuja-Pflanze ist ein schmuckes Christbäumchen geworden, das diese Funktion noch viele weitere Jahre erfüllen soll.

Bild: Walter Müller

Warum Franz Prestele aus Memmingerberg für seine Enkel in diesem Jahr eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte geschrieben hat.
20.12.2020 | Stand: 10:49 Uhr

Franz Prestele war sein Berufsleben lang Lehrer. Dass dem 73-Jährigen, dessen Gattin vor einem Jahr verstarb und der nun alleine im vor neun Jahren bezogenen Haus in Memmingerberg lebt, die Familie überaus am Herzen liegt, das kann jeder verstehen. Und umgekehrt ist dies offenbar ebenso der Fall. Seine beiden Töchter und auch die vier Enkelkinder möchten ihren Vater beziehungsweise Opa gerade in Corona-Zeiten an Weihnachten keinesfalls alleine wissen. Und weil gerade die elfjährige Enkelin Romy dieses Weihnachtsthema besonders bewegte, wollte der Opa ihr, ihrem Bruder Henry und den Cousinen Viktoria und Valerie an Weihnachten 2020 eine ganz persönliche Freude bereiten. Und was fällt einem Lehrer da als erstes ein? Er schreibt eine Geschichte.

„Ja, so wurde das Weihnachtsmärchen um meinen, unseren besonderen Christbaum auf der Terrasse geboren“, erzählt Franz Prestele. Beim Pflanzen der Thuja-Hecke auf dem Grundstück war ein kleines, etwas kümmerliches Bäumchen übrig geblieben. Und dieses ins Abseits gestellte Bäumchen ist nun der Held eines eigens geschriebenen Märchens – obwohl, eigentlich handelt es sich ja um eine märchenhafte, aber im Prinzip wahre Geschichte (siehe unten).

Der Opa Franz wird Weihnachten dieses Jahr bei der Familie seiner Tochter in Untrasried feiern, mit den Enkelkindern Romy und Henry. Der in Wolfertschwenden aufgewachsene Prestele ist nicht ohne Grund vor neun Jahren von ??? wieder ins Allgäu zurückgekehrt. „Da bin ich einfach nahe an meinen geliebten Bergen.“ Und wenn es an Weihnachten vielleicht sogar Schnee gibt, dann ist Untrasried ja sogar ganz nah dran an den Bergen. Dann könnte ja eventuell auch ein Schneemann gebaut werden. „Es ist ja leider vom ganzen Drumherum an Heiligabend kaum was zu verspüren, wenn jeder Kontakt zu anderen schon zuviel sein kann“, bedauert Prestele. Den Kindern gehe doch das sonst geschäftige Treiben total verloren. „Und da werden wir uns stattdessen mit der Geschichte von unserem besonderen Christbaum beschäftigen.“ Dass das übliche „O Tannenbaum“ dieses Jahr ganz sicher in der Fassung des Weihnachtsmärchens vom Opa gesungen wird, das steht für Prestele außer Frage. „O Thujabaum, o Thujybaum, wie grün sind deine Blätter“, wird heuer der in Untrasried gesungene Text sein. „Und am ersten Weihnachtsfeiertag bin ich dann bei Viktoria und Valerie in Rennertshofen. Da werden wir das ebenso halten.“ Dann werden seine Enkel erfahren, ob der Wunsch des Thuja-Bäumchens, das gerne ein Weihnachtsbaum wäre, in Erfüllung geht.

Der ganz besondere Christbaum (Ein modernes Weihnachtsmärchen von Franz Prestele)

Es war einmal ein Ehepaar, das pflanzte im Frühjahr eine Thuja-Hecke an seiner Grundstücksgrenze. Als alle Bäumchen ganz eng aneinander gepflanzt waren, blieb ein etwas kleinwüchsiges, ganz leicht gekrümmtes Bäumchen übrig. Wie man es auch drehte und wendete, es war wirklich kein Platz mehr in der Hecke. Einzelne Bäumchen hatten sich extra breit gemacht, damit die kleine Thuja keinen Platz mehr fand. Darüber war die Kleine sehr traurig und dachte:„Ich möchte auch gern bei meinen Freundinnen stehen, wir sind doch alle gemeinsam in der Baumschule aufgewachsen und sind gleich alt.“

Das Ehepaar freute sich über seine gelungene Pflanzarbeit und düngte und bewässerte die junge Hecke. Das übrige Thujabäumchen aber pflanzten sie in einen ganz großen Keramiktopf. Der bekam einen Ehrenplatz auf der Terrasse direkt vor dem hohen Wohnzimmerfenster. Aber über diese Ehre konnte sich das Bäumchen nicht so recht freuen, denn es fühlte sich sehr einsam. Die Bäumchen in der Tujahecke waren unterschiedlicher Meinung. Die einen stichelten: „Die will wohl nichts mehr mit uns zu tun haben, meint, sie wäre etwas besseres.“ Einer rief: „Das kleine krumme Ding kann ja nicht mal Fußball spielen!“ Die anderen klagten: „Ach, die arme kleine Thuja, da steht sie nun ganz allein und hat niemanden, mit dem sie spielen kann.“

Der Sommer kam und die Sonne brannte unerbittlich auf die kleine Thuja auf der heißen Terrasse. Hin und wieder wurde sie abends gegossen. Manchmal aber vergaßen die Eheleute das Gießen und das Bäumchen war schier am Verdursten.

Als dann die Herbststürme über die Terrasse fegten, konnte sich die Thuja nur mit größter Mühe aufrecht halten. Die Nächte wurden länger und die Tage waren meist eintönig, nebelgrau und feucht.

Erste Schneeflocken

Der Winter kündigte sich mit ersten Schneeflocken an und hüllte bald die immergrüne Thuja in ein samtweiches Schneekleid. Doch schon nach wenigen Tagen war die weiße Pracht zerschmolzen. Es folgten sternklare, eisige Frostnächte und die Thuja bibberte vor Kälte. Wie gerne wäre sie bei den Menschen im hell erleuchteten warmen Wohnzimmer gestanden! Aber dafür sind Heckenpflanzen nicht vorgesehen und so musste sie eben ausharren und auf wärmeres Wetter warten.

Traurig und neidisch wurde die Thuja in der Vorweihnachtszeit, als sie bemerkte, wie die Menschen auf den Nachbarterrassen Tannenbäume aufstellten. Sie nannten sie Christbäume und schmückten diese mit Lichterketten, die nachts hell erstrahlten. Da klagte die Thuja: „Ach wäre ich doch nur ein Tannenbaum! Ich möchte auch so ein festlich strahlendes Kleid tragen, damit die Menschen mich als Christbaum bewundern.“

Strahlender Tannenbaum

So verging ein Jahr ums andere. Eines Abends am ersten Advent saß das Ehepaar am Wohnzimmerfenster. Da bemerkte die Thuja, wie der Mann auf sein Smartphone blickte. Darauf sah er ein Foto von einem strahlenden Tannenbaum mit Hunderten von Lichtern. Seine Enkelin hatte ihm das Foto per WhatsApp geschickt. Nun wurde die Thuja wieder traurig und dachte: „Ich wünschte ich wäre auch so ein Tannenbaum!“ - Als könnte er Gedanken lesen, sagte der Mann zu seiner Frau: „Was hältst Du davon, wenn wir uns auch eine Lichterkette kaufen und damit unsere Thuja schmücken?“ Sie war von der Idee begeistert. Gesagt – getan. Gleich am nächsten Tag kauften sie eine Lichterkette und legten diese um ihre Thuja.

Überglücklich und voller Stolz

Es wurde dunkel - und dann kam der große Moment: Plötzlich erstrahlten viele warm-weiße Lichtlein an der Thuja. Nun war ihr Weihnachtswunsch in Erfüllung gegangen. Überglücklich und voller Stolz strahlte sie hinüber zu den Tannenbäumen in der Nachbarschaft. Das Ehepaar aber blickte zufrieden aus dem Wohnzimmerfenster und freute sich an seinem Christbäumchen. Auch die meisten Thujen in der Hecke freuten sich mit ihrer ehemaligen Freundin. Nur einige waren auch ein wenig neidisch – auf den Thujabaum, der strahlte wie ein Tannenbaum. Und an Heilig Abend sangen sie alle gemeinsam:

„O Thujabaum, o Thujabaum, wie grün sind deine Blätter!

Du grünst im Winter, wenn es schneit und strahlst in deinem Lichterkleid.

O Thujbaum, o Thujabaum, du bist ein schöner Christbaum!“