Unverpacktläden im Unterallgäu

Ohne Plastik, bio und fair: So funktioniert das Einkaufen in Unverpacktläden

Unverpackt einkaufen in Corona-Zeiten

Sarah Riester betreibt ihren Bio-Supermarkt Green Vood im Fraunhoferpalais im Gewerbegebiet-Nord in Memmingen.

Bild: Dunja Schütterle

Sarah Riester betreibt ihren Bio-Supermarkt Green Vood im Fraunhoferpalais im Gewerbegebiet-Nord in Memmingen.

Bild: Dunja Schütterle

Unverpacktläden in Memmingen und Bad Grönenbach bieten lose Lebensmittel und Waren an, um Müll zu vermeiden. Wie es den Betreibern in der Pandemie geht.
26.04.2021 | Stand: 06:00 Uhr

„Tante Emma“ hat Nachwuchs bekommen: die Unverpacktläden, die sich mittlerweile in ganz Deutschland verbreiten. Auch in Memmingen und Bad Grönenbach gibt es solche Einzelhandelsgeschäfte, die ihr Sortiment lose verkaufen. Auch in Coronazeiten.

Die Theke, hinter der Claudia Kollin in ihrem Laden in der Memminger Herrenstraße steht, ist aus Holz. Eingerahmt ist sie von hohen, dickbauchigen Gläsern, in denen sich Zuckerlinsen, getrocknete Apfelschnitze und Zartbitter-Schokoladenchips stapeln. An den Wänden hängen durchsichtige Abfüllautomaten mit Erbsen, Linsen, Müsli, Reis, Nudeln oder Bohnen darin. Doch wie kommt man an die Lebensmittel heran? „Das darf man sich gerne selbst in ein mitgebrachtes Glas oder Behältnis abfüllen, das vorher gewogen wurde“, erklärt Claudia Kollin vom „Happyendstore“ in Memmingen. „Unverpackt“ einkaufen heißt dort die Devise.

Nachhaltigkeit: Lebensmittel-Einzelhandel ohne Einwegverpackungen

Die nachhaltige Geschäftsidee aus dem Lebensmittel-Einzelhandel hat sich zum Ziel gesetzt, Waren ohne Einwegverpackungen anzubieten, um so unnötigen Müll zu vermeiden. Der Einkauf selbst unterliegt den gleichen Regeln wie aktuell in allen anderen Lebensmittelläden: FFP2-Schutzmaske tragen, Abstand halten und Hände desinfizieren. Acht Personen dürfen aufgrund der Quadratmeterzahl gleichzeitig im Laden in der Herrenstraße einkaufen. „Einige unserer Kunden haben uns erst im Lockdown entdeckt und waren von unserem Angebot überrascht“, erzählt Kollin, die den Kunden gerne das „Einkaufen mit Mehrwert“ erklärt, wie sie es nennt.

Bereits im November 2019 eröffnete am „Marktplatz 4“ in Bad Grönenbach ein Unverpacktladen, der seine Adresse als Namen trägt. „Unser Konzept ruht auf vier Säulen: unverpackt, bio, regional und fair“, erzählt Inhaberin Stefanie Colombo. Nach den ersten Schulschließungen aufgrund von Corona sei bei ihr der Umsatz an frischen Lebensmitteln merklich gestiegen.

„Auch das Interesse an Bio-Produkten ist seitdem mehr geworden“, sagt sie. Das schlechte Image der Fleischindustrie und die immer wieder aufgedeckten desaströsen Haltungsbedingungen von Nutztieren, veranlassten viele Menschen, ihren Fleischkonsum einzuschränken oder gänzlich einzustellen – und dafür mehr Gemüse zu kaufen. Auch alternative Verpackungen für Plastikmüll, wie es sie zum Beispiel bei Shampoo und Duschgels bereits gibt, werden von Konsumenten vermehrt gesucht.

Prinzip von Unverpackt-Läden: Ressourcen schonen, Lebensmittel wertschätzen

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Der wertschätzende Umgang mit Ressourcen und Lebensmitteln war der Antrieb von Sarah Riester, ihren eigenen Bio-Supermarkt im Fraunhofer Palais in Memmingen zu eröffnen, dem sie den Namen „Green Vood“ gab. Die Jungunternehmerin lebt seit einigen Jahren vegan. Für sie bedeutete die Umstellung auf Lebensmittel, die keine tierischen Bestandteile enthalten, zunächst immer genau auf das Kleingedruckte schauen zu müssen.

Ihr liegen das Tierwohl und ihr ökologischer Fußabdruck am Herzen, deswegen hat sie sich für die rein pflanzliche Ernährung entschieden. „Ich habe einen angeborenen Herzfehler, deshalb muss ich regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle. Seitdem ich mich rein pflanzlich ernähre, haben sich meine Werte konstant verbessert“, zieht Riester ihre persönliche Bilanz.

Riester verkauft nur Produkte, in denen kein Palmöl enthalten ist

Sie bietet in ihrem Bio-Supermarkt 1200 ausgewählte Artikel an, davon sind 400 Produkte gänzlich unverpackt. „Ich achte auch auf die Herkunft von Lebensmitteln und verkaufe zum Beispiel Soja, das in Bayern angebaut wird oder achte darauf, dass in Lebensmitteln kein Palmöl enthalten ist“, sagt Riester. „Viele Kunden fragen mich auch danach.“ Die gebürtige Oberpfälzerin prangert an, dass gerade für den Bau industrieller Großplantagen „unsagbar viel Natur zerstört wird“.

Das habe dramatische Auswirkungen auf das Weltklima. Dass sie derzeit wegen der Corona-Bestimmungen ihren Kunden keine Verweilmöglichkeit bei einem Cappuccino mit Hafermilch und veganen Kuchenspezialitäten anbieten kann, bedauert Riester. „Und durch die derzeitigen Schließungen anderer Einzelhändler in der Nachbarschaft ist es auch bei mir ein wenig ruhiger geworden“, gibt sie offen zu.

Die persönliche Beziehung zwischen Verkäufer und Kunden und die Nachhaltigkeit verbinden den „Tante Emma-Laden“ aus der Nachkriegszeit mit seinem noch jungen Nachkommen, den „Unverpacktläden“ von heute – auch in Corona-Zeiten.

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