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Petition: Junger Afghane soll wieder bei Rapunzel arbeiten dürfen

„Ungültig“: Dieser Stempel findet sich an mehreren Stellen im Ausweis des jungen Asylbewerbers Khoshal Jan aus Afghanistan. Bei Rapunzel in Legau schätzt man ihn als fähigen und freundlichen Mitarbeiter. Doch nun wurde seine Duldung nicht verlängert und ihm wurde die Arbeitserlaubnis entzogen.

„Ungültig“: Dieser Stempel findet sich an mehreren Stellen im Ausweis des jungen Asylbewerbers Khoshal Jan aus Afghanistan. Bei Rapunzel in Legau schätzt man ihn als fähigen und freundlichen Mitarbeiter. Doch nun wurde seine Duldung nicht verlängert und ihm wurde die Arbeitserlaubnis entzogen.

Bild: Verena Kaulfersch

„Ungültig“: Dieser Stempel findet sich an mehreren Stellen im Ausweis des jungen Asylbewerbers Khoshal Jan aus Afghanistan. Bei Rapunzel in Legau schätzt man ihn als fähigen und freundlichen Mitarbeiter. Doch nun wurde seine Duldung nicht verlängert und ihm wurde die Arbeitserlaubnis entzogen.

Bild: Verena Kaulfersch

Der Asylbewerber gehört seit 2019 bei Rapunzel in Legau zum Team. Nun wurde ihm die Arbeitserlaubnis entzogen. Was Kollegen und Helfer dagegen unternehmen.
05.04.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Als das Fax eintrifft, muss Khoshal Jan seinen Arbeitsplatz bei Rapunzel sofort verlassen. Schon seit Mai 2019 gehört der 22-jährige Afghane beim Legauer Naturkosthersteller zum Team, ihm gefällt seine Tätigkeit als Maschinenführer an der Abfüllanlage für Müsli und andere Trockenprodukte – trotz Schichtdienst: „Ich habe davon geträumt, dass ich lange hier arbeiten kann.“ Doch am 19. März um 11 Uhr holt ihn die Realität ein: Im Fax der Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) Schwaben wird dem Asylbewerber die Arbeitserlaubnis mit sofortiger Wirkung entzogen. Der Teamleiterin bleibt nichts übrig, als ihn nach Hause zu schicken. Aber Kollegen und Vorgesetzte wollen Jan nicht verlieren – eine Auszubildende hat darum sogar eine Petition an Bayerns Innenminister Joachim Herrmann gestartet.

Ab November sollte eine Festanstellung bei Rapunzel folgen

Mehr als 775 Unterstützer hat die Petition „Lasst Khoshal arbeiten!“ auf www.change.org nach etwas mehr als einer Woche. Der Aufruf beschreibt den 22-Jährigen so, wie es auch Personalleiter Markus Babel und Pressesprecherin Eva Kiene tun: als beliebten, fähigen und engagierten Mitarbeiter, der noch dazu in einem Bereich tätig ist, in dem es an Arbeitskräften und Nachwuchs mangelt. Jan, der zunächst als Leiharbeiter zu Rapunzel kam, sollte nach einem auf ein Jahr befristeten Arbeitsverhältnis – laut Babel der übliche Ablauf – ab November fest angestellt werden. Doch die Duldung des 22-Jährigen wurde nicht verlängert – völlig unverständlich ist das auch für Rosina Konrad, die sich ehrenamtlich für Asylbewerber einsetzt. Sie fügt an, dass Jans Identität geklärt ist und er sich nichts habe zuschulden kommen lassen.

Flucht vor Krieg, Anschlägen und den Taliban

Nach Deutschland war er 2015 gekommen – als 16-Jähriger auf der Flucht vor Krieg und Anschlägen in seiner Heimat. Jan erzählt, wie die Taliban seine Familie bedrohten: „Wir mussten Geld zahlen, damit sie uns nichts tun.“ Als der Jugendliche gezwungen werden sollte, sich der Terrororganisation anzuschließen, organisierte der Onkel die Flucht. Seither hat sich der heute 22-Jährige viel aufgebaut: Er hat die Sprache gelernt, den Führerschein gemacht, eine Wohnung in Illerbeuren gefunden und Freunde gewonnen. Und Alexander Freudling von der Personalabteilung bei Rapunzel betont: „Wir finden nicht jeden Tag gute Leute wie Herrn Jan.“ Denn auch wenn die Tätigkeit des Maschinenführers formal betrachtet eine ist, die angelernt werden kann: Das Aufgabenfeld des Maschinenführers sei eine „qualifizierte Tätigkeit, die nicht jeder ausüben kann“, betont Babel. Know-how im Umgang mit dem Computer gehört ebenso dazu wie zum Beispiel die Kenntnis von Hygienerichtlinien: in der Lebensmittelbranche ein Muss.

Naturkosthersteller muss den Ausfall auffangen

Die Auftragslage bei Rapunzel ist gut – nun hat das Unternehmen alle Hände voll zu tun, den Ausfall aufzufangen: „Wir versuchen, Pläne umzuschreiben, teilweise auch Mitarbeiter aus anderen Teams einzusetzen“, schildert Pressesprecherin Kiene. Schlimmstenfalls müssten Maschinen abgeschaltet werden. Personalleiter Babel hat sich bereits schriftlich an die Behörde bei der Regierung von Schwaben gewandt, die Situation geschildert und verdeutlicht, dass Rapunzel Jan als Mitarbeiter behalten will. Auch Rosina Konrad ist aktiv geworden: In einem laufenden Härtefall-Verfahren soll die Entscheidung nochmals geprüft werden. Die Petition bezeichnet sie nun als weiteren „Puzzlestein in der Geschichte“.

Dass die anders ausgeht als erhofft, wollen sich weder Konrad noch Jans Kollegen ausmalen: „Wenn nichts Wirkung zeigt, könnte Khoshal irgendwann in einem Flieger nach Kabul sitzen“, sagt Konrad. Doch auch eine Variante ohne Abschiebung wäre für den 22-Jährigen schlimm: „Dann kann er zwar hier sein, muss aber von 365 Euro Sozialhilfe im Monat leben.“ Jan kann derweil wenig mehr tun, als zuhause zu sitzen und zu warten. Größere Ausflüge wagt er nicht – nicht nur wegen Corona. In seinem Ausweis prangt an mehreren Stellen der Stempel „ungültig“ – etwas, das dem 22-Jährigen zu schaffen macht: „Das ist kein gutes Gefühl.“

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Jawed und Sohila Soltani haben Angst. Bis 17. März muss der junge Afghane Deutschland verlassen. Er fliegt nach Kabul und wartet dort auf einen Termin bei der Deutschen Botschaft in Neu-Delhi. Dort hofft er, ein Visum für die Wiedereinreise nach Deutschland zu bekommen. Das kann allerdings Monate dauern.
Schicksal

Wann kommt Jawed Soltani zurück zu seiner Frau Sohila nach Lindenberg?

Gesetzesregelungen und behördliche Vorgaben für die Asylbewerber beschäftigen die Mitarbeiter bei Rapunzel nicht nur auf menschlicher Ebene: „Für uns als Unternehmen verursacht das auch Kosten und es bedeutet viel Arbeitsaufwand, sich um Verträge, Vollmachten und alles Nötige zu kümmern“, sagt Freudling. Es ist eine Erfahrung, die Rapunzel nicht zum ersten Mal macht: Ein weiterer junger Afghane, der eine Ausbildung begonnen hat, muss aufgrund von Bestimmungen nach dem 2020 eingeführten Fachkräfteeinwanderungsgesetz noch nach Pakistan ausreisen, um dort bei der deutschen Botschaft diverse Unterlagen vorzulegen und damit das erforderliche Visum zu erhalten.

Ehrenamtliche Helferin: "Unterstützung für junge Afghanen ist ein Vollzeitjob"

„Eigentlich hätte er nach Afghanistan reisen müssen, aber die Botschaft ist zerbombt“, erklärt Konrad. Die Kosten für die Reise seien für Betroffene eine Hürde und längst nicht die einzige, sagt sie: Nach pakistanischem Recht ist beispielsweise die Einladung zweier Pakistaner Bedingung für die Einreise – „und das in einem fremden Land, wo man niemanden kennt“. Eigentlich, erzählt sie, habe sie sich als Rentnerin Ruhe gönnen wollen, doch inzwischen sei es ein Vollzeitjob, den aus ihrer Sicht besonders betroffenen jungen Afghanen zu helfen. (Wie sich eine Initiative in Memmingen und dem Unterallgäu für Geflüchtete aus Afghanistan einsetzt, lesen Sie hier.)

Zum Originaltext der Petition für Khoshal Jan geht's hier.