Frauen dürfen künftig auch fischen

"Die Tradition ist das Ausfischen, egal ob es Männer oder Frauen sind" - Reaktionen auf das Urteil zum Fischertag

Fischertag

"Die Tradition ist das Ausfischen, ob es Männer oder Frauen sind, ist im Endeffekt egal", sagt ein gebürtiger Memminger in der Fußgängerzone in Memmingen als Reaktion auf das Urteil zum Fischertag.

Bild: Peter Hausner (Archivfoto)

"Die Tradition ist das Ausfischen, ob es Männer oder Frauen sind, ist im Endeffekt egal", sagt ein gebürtiger Memminger in der Fußgängerzone in Memmingen als Reaktion auf das Urteil zum Fischertag.

Bild: Peter Hausner (Archivfoto)

Der Fischertagsverein darf Frauen aus Tradition nicht ausschließen, Frauen dürfen künftig in Memmingen mit in den Stadtbach. Stimmen zum Urteil.
29.07.2021 | Stand: 16:59 Uhr

Im Streit um den Ausschluss von Frauen beim Fischertag in Memmingen haben die Veranstalter vor Gericht eine weitere Niederlage erlitten. Das Landgericht hat entschieden: Frauen dürfen künftig beim Fischertag in Memmingen fischen. Die Berufung wurde abgelehnt. Reaktionen auf das Urteil:

Passanten in der Memminger Fußgängerzone:

Joachim Wechner wohnt in Hopferau und arbeitet in Memmingen: „Mich wundert es, dass der Fischertagsverein die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Klar, Traditionen sind wichtig, aber wenn Frauen in den Stadtbach jucken wollen, dann sollten sie das auch dürfen. Es hätte gar nicht erst vor Gericht gehen sollen, sondern hätte im Verein geklärt werden müssen.“

Evi Breher aus dem Oberallgäu schüttelt den Kopf. „Man hätte es einfach bei der Tradition belassen sollen. Ich kann nicht verstehen, wie man so für eine Sache kämpft. Die Klägerin muss doch wissen, dass sie am Ende dann nur widerwillig geduldet wird. Auf den ersten Blick ist es wohl ein Triumph, aber in der Realität kann ich mir nicht vorstellen, dass sich eine Frau im Stadtbach wohlfühlt.“

Benno Bohnet aus Memmingen zuckt mit den Schultern. „In Zeiten der Gleichberechtigung war das nicht anders zu erwarten. Irgendwie steht es den Frauen doch zu.“

Karl Scharnagl ist gebürtiger Memminger: „Dass es überhaupt noch Leute gibt, die etwas gegen Frauen im Bach haben, wundert mich. Ich finde, das ist problemlos mit der Tradition zu vereinbaren, denn das eine hat doch überhaupt nichts mit dem anderen zu tun. Die Tradition ist das Ausfischen, ob es Männer oder Frauen sind, ist im Endeffekt egal.“

Helga Schneider aus Boos entlockt die Frage nach dem Fischertagsurteil ein Schnauben. „Ha! Wenn ein Verein solche Statuten hat, sollte man sich auch daran halten. Sollen dann auch Frauen im Männerchor singen? Das gibt ja ein riesiges Durcheinander.“

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Erich Kischke aus Kaufbeuren runzelt die Stirn. „Warum muss man denn jetzt alles umwerfen?“

Felix Wigand arbeitet bei der Stadt Memmingen: „Ich finde es sehr gut, dass Frauen jetzt mit reinjucken dürfen. Nur weil das schon immer so gemacht wurde, muss das ja nicht heißen, dass man so auf den Traditionen beharrt. Am Ende geht es doch nur darum, wer die dickste Forelle fängt. Wär’ doch nett, wenn es auch mal eine Fischerkönigin gibt.“

Klägerin Christiane Renz:

Sichtlich erleichtert und mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen reagiert Klägerin Christiane Renz auf das Urteil: „Ich bin gerade extrem glücklich und sehr froh, dass ich nun beim Fischertag mitmachen darf.“

Fischertagsverein, Vereinsvorsitzender Michael Ruppert:

Nach der Urteilsverkündung sagt Vereinsvorsitzender Michael Ruppert: „Wir hätten uns natürlich einen anderen Ausgang gewünscht, weil wir die Vereinsautonomie höher eingeschätzt haben.“ Dennoch spricht er von einer „guten Urteilsbegründung“ durch das Gericht.

"In der Veränderung liegt auch ein Gewinn": So fallen die Reaktionen auf das Fischertagsurteil aus.
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Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Am Donnerstagabend, 29. Juli, wollen die Delegierten des Vereins darüber entscheiden, ob er das Urteil des Landgerichts annimmt oder die nächste Instanz anruft. Das wäre dann der Bundesgerichtshof.

Aktionsgruppe „Fischers Fritzi“

Die Gruppe "Fischers Fritzi" organisierte am Mittwochabend, 28. Juli, eine Aktion beim Dietrich-Bonhoefferhaus in Memmingen. Die etwa 30 Frauen und Männer feierten dabei das Urteil des Landgerichts Memmingen. Dieses hatte am Vormittag in zweiter Instanz entschieden, dass auch weibliche Mitglieder des Fischertagsvereins einen Anspruch haben, beim alljährlichen Fischertag im Memminger Stadtbach Forellen zu fangen. Während der Aktion von „Fischers Fritzi“ tagte im Bonhoefferhaus der Ausschuss des Vereins, um unter anderem über das Urteil – das noch nicht rechtskräftig ist - zu beraten.

Die Polizei begleitete die Aktionsgruppe.
Die Polizei begleitete die Aktionsgruppe.
Bild: Uwe Hirt

Die Aktionsgruppe hatte Plakate dabei - auf denen unter anderem zu lesen war: „Memmingen ins 21. Jahrhundert katapultieren“ oder „Gegen Patriarchat und Penis-Fixierung“. Die Teilnehmer hatten lilafarbene Schärpen um mit der Aufschrift „Fischerkönigin“. Die Gruppe zog vom Bonhoefferhaus zum Marktplatz und von dort aus weiter zum Schrannenplatz.

Mit Plakaten zog die Aktionsgruppe "Fischers Fritzi" am Mittwochabend durch Memmingen.
Mit Plakaten zog die Aktionsgruppe "Fischers Fritzi" am Mittwochabend durch Memmingen.
Bild: Uwe Hirt

An den einzelnen Stationen sprachen zwei Frauen. Eine von ihnen sagte: „Der Fischertagsverein ist an einem Scheideweg.“ Er müsse es jetzt schaffen, dem Ziel des Brauchtums nachzukommen - und dieses sei: Alle Menschen beim Fischertag zusammenzubringen.

Memmingens Oberbürgermeister Manfred Schilder:

„Mit dem Landgericht hat nun die nächste Instanz das Urteil des Amtsgerichts vom vergangenen Sommer bestätigt. Das Urteil ist eine richtungsweisende Entscheidung. Die Diskussion um die Frage, ob Frauen in den Bach jucken dürfen, wurde in den vergangenen Jahren recht emotional diskutiert. Das Urteil des Landgerichts ist klar und es gilt jetzt, den Fischertag entsprechend auszurichten. Unser Heimatfest, der Memminger Fischertag, wird sich verändern. Er ist für Tausende von Mitwirkenden und Zuschauerinnen und Zuschauern ein wunderbares, traditionsreiches Heimatfest. Und das wird er auch mit Veränderungen immer bleiben, das steht ganz außer Frage.“

Bayerischer Landesverein für Heimatpflege:

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege mahnte nach dem Urteil zur Gelassenheit. Die Annahme, dass sich Bräuche nicht verändern würden oder dürften, sei ein historisches Missverständnis, sagte der Referent des Fachbereichs "Brauch, Tracht, Sprache", Michael Ritter. Bräuche und Traditionen böten auch die Chance, Gesellschaft neu zu denken: "Wir müssen nur erkennen, dass in der Veränderung kein Verlust liegt – sondern ein Gewinn."

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Memmingen: Urteil im Fischertagsprozess gefallen

Das denken die Allgäuer über das Urteil:

Auch auf der Facebook-Seite der Allgäuer Zeitung gibt es viele Reaktionen auf das Urteil. Hier Auszüge:
  • Cornelia W.: Willkommen im 21. Jahrhundert!
  • Jessica H.: Längst überfällig! Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer!
  • Michael H.: So macht man aus einer uralten Tradition eine Lachnummer.
  • Bianca R.: Schade, dass manche Traditionen weichen müssen, wegen so einem Emanzen-Getue.
  • Marjola N.: Dass man dafür noch ein Gerichtsurteil braucht?? Wo ist die Gleichberechtigung - Tradition hin oder her? Wo leben wir denn?
  • Axel L.: Auch Traditionen müssen mit der Zeit gehen!
  • Rainer R.: Eine Tradition ist gefallen dank dem Richter!! Unglaubliches Urteil !!
  • Rene B.: Sehr gut. Solche archaischen "Traditionen" sind doch eh aus der Zeit gefallen. Wo sind wir denn? Im 14. Jahrhundert? Frauen dürfen das ebenso. Warum auch nicht?
  • Angela: ... was erhoffe ich mir, wenn ich mich in eine Gemeinschaft einklage? Dass ich mit offenen Armen empfangen werde? Mir würde es nicht in den Sinn kommen, mich deswegen diskriminiert zu fühlen. Lass doch die Männer in einem Verein mal unter sich sein, genauso wie wir Frauen auch gerne mal unter uns sind. Beispielsweise Ladies Day in der Sauna. Da sollte vielleicht mal ein Mann gegen die Diskriminierung klagen.
  • Ulrich H.: Wir sind weiterhin der Meinung, dass der Fischertagsverein mit einer gütlichen Einigung besser gefahren wäre.
  • Michael B.: Ich finde, das hat nichts mit Gleichberechtigung zutun, sondern ist reine Profelierung einzelner Personen.

Was halten Sie vom Urteil? Diskutieren Sie gern hier auf Facebook mit uns.

Übrigens berichten auch ausländische Medien wie der Guardian über das Gerichtsurteil.

Unser Redakteur Volker Geyer findet in seinem Kommentar: Die Delegierten sollen die Entscheidung jetzt akzeptieren