Tierschutz

Vor dem Mähtod retten: Drohnen suchen vor der Ernte nach Rehkitzen

Drohne Kombi

Drohnenpilot Bernhard Honold (links) hat seine Drohne zum Abflug vorbereitet. Sie soll Rehkitze im hohen Gras entdecken. Nach kurzer Zeit der erste Fund: Jäger Andreas Ruepp hebt mit Handschuhen und Grasbüscheln das Rehkitz aus dem hohen Gras.

Bild: Fotos: Dunja Schütterle, Montage: Klaus Kiesel

Drohnenpilot Bernhard Honold (links) hat seine Drohne zum Abflug vorbereitet. Sie soll Rehkitze im hohen Gras entdecken. Nach kurzer Zeit der erste Fund: Jäger Andreas Ruepp hebt mit Handschuhen und Grasbüscheln das Rehkitz aus dem hohen Gras.

Bild: Fotos: Dunja Schütterle, Montage: Klaus Kiesel

Damit Rehkitze nicht im Mähwerk sterben, helfen Memminger Jäger nun Landwirten: Mit Drohnen suchen sie vor der Ernte das Feld nach den jungen Tieren ab.
02.06.2021 | Stand: 11:01 Uhr

Kurz vor sechs Uhr morgens ist Andreas Ruepp schon fit für den noch jungen Tag. „Wegen des Temperaturunterschieds ist der Tagesanbruch die beste Zeit, um Rehkitze im hohen Gras zu orten. Heute testen wir zum ersten Mal unsere neue Drohne mit der Wärmebildkamera, die ab sofort im Einsatz sein wird“, erklärt der erste Vorstand des Jagdvereins Memmingen.

Der Hintergrund: Jedes Jahr werden Rehkitze bei Mäharbeiten im Frühjahr verletzt oder getötet, da sie von den Muttertieren, den Ricken, wie sie in der Jägersprache bezeichnet werden, in Wiesen und landschaftlichen Futteranbauflächen abgelegt werden. „Eigentlich sind die Kitze so gut vor Fressfeinden im hohen Gras getarnt, auch weil sie noch keinen Eigengeruch haben“, sagt Ruepp.

Während das Muttertier den Nachwuchs in Sicherheit wähnt, fallen die Kleinen aufgrund ihres Instinkts den anrückendem Mähwerk zum Opfer. „Bei Gefahr laufen Rehkitze nämlich nicht weg, sondern ducken sich und drücken sich noch fester ins hohe Gras hinein“, sagt Ruepp. Nur gezieltes Absuchen der Wiesen kurz vor dem Mähen helfe, um verstümmelte und tote Tiere zu vermeiden.

Laut Tierschutzgesetz sind Landwirte und Grundstückseigentümer verpflichtet, ihre Flächen vor der Mahd auf Tiere zu durchstreifen, um diese in Sicherheit zu bringen. „Oft werden bei dieser Methode aber trotzdem nicht alle Tiere gefunden“, weiß Ruepp aus Erfahrung. Nicht nur wegen des Gesetzes arbeiten Bauern und Jäger hierbei zusammen. Wenn ein Kadaver ins Tierfutter gelangt, kann er dieses mit Botulinum-Toxinen verderben, laienhaft als Leichengift bezeichnet. Das kann bei Kühen zum Tod führen.

Die Drohnentechnik kann bei der Wildrettung helfen. Mit insgesamt drei Millionen Euro an Fördergeldern unterstützt das Bundeslandwirtschaftsministerium mit dem Projekt „Rehkitzrettung“ die Anschaffung von Drohnen, wie sie die Kreisgruppe Memmingen im Bayrischen Jagdverband jetzt umgesetzt hat. „Über 9000 Euro hat die neue Technik gekostet, dessen Erfolg wir jetzt mit zwei Drohnen testen werden. Unser Gebiet umfasst den ehemaligen Altlandkreis Memmingen inklusive Babenhausen“, so Ruepp.

Drohnen-Führerschein nötig

Lesen Sie auch
##alternative##
Engagiert für Tiere

Wer mähen will, ruft die Rehkitzretter

Nicht jeder kann Pilot sein und sich auf eigene Faust auf die Suche machen. „Dazu braucht’s einen Drohnen-Führerschein“, erklärt Bernhard Honold, der jetzt als Kapitän seinen Jungfern-Flug macht. Ein kurzes Surren und die orangefarbene „Yuneec Typhoon“ hebt mit ihren sechs Propellern vom Boden ab. Während die Drohne in der Luft ist, beobachtet Honold das Display auf seinem Senderpult. Noch ist alles grau auf dem Schirm, doch schon nach kurzer Zeit, rund 200 Meter vom Standort entfernt, erkennt man einen gelben Fleck. „Das ist ein Rehkitz“, sagt Honold und friert die Drohne oberhalb des Fundortes ein, damit er und seine Mannschaft einen Anhaltspunkt haben, wo sich das Jungtier befindet.

Bei dem Tier angekommen, zieht Jäger Ruepp zunächst dicke Handschuhe an und reißt Grasbüschel aus. „Man darf auf keinen Fall das Kleine mit bloßen Händen berühren, da sonst das Muttertier das Kitz durch den menschlichen Geruch verstößt“, sagt er. Generell gilt: Nur ein verletztes oder nachweislich verwaistes Tier ist hilfsbedürftig. In einem solchem Fall muss ein ortsansässiger Jäger den Zustand des Jungtieres genauer einschätzen.

Normalerweise würde Ruepp jetzt das Kleine mit einem aufklappbaren Korb aus der Gefahrenzone tragen, um es nach dem Mähen wieder am Fundort auszusetzen. Da es aber heute nur ein Testlauf war, legt er das rund vier Tage alte Kitz wieder zurück in sein Grasbett.

„Wer ein Kitz bei einem Spaziergang findet, darf es nicht einfach mitnehmen. Die Mutter kümmert sich, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht“, lautet der Appell von Jäger Josef Merkl, der zusammen mit Andreas Ruepp die Kreisgruppe Memmingen e.V. mit seinen 380 Mitgliedern leitet.

Ein weiteres Anliegen der beiden Jäger richtet sich an die Hundehalter, ihre vierbeinigen Freunde nicht ohne Leine im Wald oder auf Wiesen mit hohem Gras laufen zu lassen. Hunde, die unvermittelt auf die Jagd gehen, können einen großen Schaden anrichten. „Wenn ein Hund ein Tier verletzt oder tötet, ist das Jagdwilderei“, erklärt Ruepp. In der Wildtierkinderstube kann ein Hund, auch wenn er nicht beißt, ebenfalls einen Schaden anrichten. Durch den Geruch des Hundes kann es vorkommen, dass die Ricke ihr Kitz nicht mehr versorgt und es so qualvoll verhungern muss. „Deswegen bitten wir die Hundebesitzer um Rücksicht, ihre Lieblinge auf den Wegen an der Leine zu führen, es darf auch die lange Leine sein“, sagt Andreas Ruepp mit Blick auf drei aktuelle Fälle in und um Memmingen, bei denen Hunde zwei trächtige Rehe zu Tode gejagt hatten.