Leichentuch statt Sarg?

Sarglose Bestattungen in Memmingen: Die Verwaltung will das prüfen

Die Abteilung 30 im Nord-Osten des Memminger Waldfriedhofs ist seit 1993 für Bestattungen nach islamischer Tradition reserviert. Sarglos darf dort allerdings noch nicht beerdigt werden.

Die Abteilung 30 im Nord-Osten des Memminger Waldfriedhofs ist seit 1993 für Bestattungen nach islamischer Tradition reserviert. Sarglos darf dort allerdings noch nicht beerdigt werden.

Bild: Andreas Berger

Die Abteilung 30 im Nord-Osten des Memminger Waldfriedhofs ist seit 1993 für Bestattungen nach islamischer Tradition reserviert. Sarglos darf dort allerdings noch nicht beerdigt werden.

Bild: Andreas Berger

Soll es Muslimen in Memmingen erlaubt werden, sarglos bestattet zu werden? Darum ging es jetzt in der Sitzung des städtischen Integrationsbeirates.
11.07.2022 | Stand: 18:50 Uhr

Seit April 2021 sind in Bayern Erdbestattungen „in einem Leichentuch ohne Sarg aus religiösen und weltanschaulichen Gründen“ zu erlauben – „soweit öffentliche Belange nicht entgegenstehen“, wie es in der Bestattungsverordnung des Freistaates vermerkt ist.

Jede Kommune muss allerdings noch für sich selbst klären, ob sie das auch zulassen möchte. In Memmingen müsste dafür vom Stadtrat die Friedhofssatzung geändert werden.

Heimat sei auch dort, wo sich die Menschen so bestatten lassen können, wie sie es wünschen und wie es ihr Glaube verlange, sagte Melek Dinc, Mitglied des Integrationsbeirates. Sie vertritt in dem Gremium Menschen aus der Türkei und setzt sich dafür ein, dass in Memmingen sarglose Bestattungen erlaubt werden. 40 Prozent aller Einwohner der Stadt hätten einen Migrationshintergrund, viele seien Muslime.

"Heimat ist da, wo meine Seele sich wohlfühlt"

Viele Gastarbeiter der ersten Generation in Deutschland hätten sich nach ihrem Tod in ihr Geburtsland bringen lassen, um dort nach ihrer Tradition beerdigt werden zu können, sagte Melek Dinc. Sie hätten das Land, in dem sie geboren worden sind, als ihre Heimat betrachtet. Viele Menschen der zweiten und dritten Generation, die in Memmingen leben, sähen das nicht mehr so. Für sie gelte eher: „Heimat ist da, wo meine Seele sich wohlfühlt.“

Eine Empfehlung des Integrationsbeirates an den Stadtrat wollte Sabine Rogg (CSU) noch nicht beschließen. Zuerst müsse das Thema in den Fraktionen besprochen werden. Allerdings einigten sich die Beiratsmitglieder darauf, die Verwaltung zu beauftragen, die Bedingungen und Möglichkeiten für sarglose Bestattungen in Memmingen zu prüfen.

Wie ins Grab ohne Sarg?

Zu den Bedingungen gehört unter anderem, dass ein Leichnam während des Transports per Auto zum Friedhof in einem Sarg liegt. So sieht es das deutsche Recht vor. Der Sarg muss festverschlossen, widerstandsfähig, blick- und flüssigkeitsdicht sein. Ebenfalls muss geklärt werden, wie der Leichnam ohne Sarg ins Grab gelassen wird. In München seien zwei Varianten getestet worden, sagte Christian Ettmüller, Inhaber von Allgäu Bestatter mit Hauptsitz in Memmingen, unserer Redaktion schon im Dezember, als wir das erste Mal über sarglose Bestattungen in Memmingen berichteten. Der Leichnam könne auf ein Brett niedergelassen werden, das bereits im Grab liegt. Die aus seiner Sicht ästhetischere Variante sei jedoch, den Leichnam samt Brett hinabzulassen. Die Stadt kann zudem überlegen, ob sie am Friedhof einen Raum einrichtet, in dem die Leichname nach muslimischem Ritus gewaschen und für die Beerdigung vorbereitet werden können. Bisher hat die Türkisch Islamische Gemeinde Memmingen in der Moschee an der Schlachthofstraße einen speziellen Raum dafür. (Lesen Sie auch: Forscher tauen tiefgefrorenes 1300 Jahre altes Kindergrab auf)

Oberbürgermeister: Keine Aufteilung mehr nach Glauben

Dass Muslime künftig in einem eigenen Bereich des Memminger Friedhofs bestattet werden, „finde ich nicht zielführend, weil es nicht dem entspricht, was wir unter Integration verstehen“, sagte Oberbürgermeister Manfred Schilder. Einen solchen Bereich gibt es derzeit zwar: Abteilung 30. Doch würde er es lieber sehen, wenn es auf dem Friedhof künftig keine Aufteilung mehr nach Glauben gibt.

Er werde in der nächsten Sitzung des Integrationsbeirates – die wird im Oktober sein – berichten, was die Prüfung durch die Verwaltung ergeben hat, sagte Oberbürgermeister Schilder. Dann könne der Beirat eine Empfehlung an den Stadtrat beschließen.

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