Nationalsozialismus

Schüler beschäftigen sich mit Schicksal von Memminger Juden

Die Klasse 8c der Memminger Bismarckschule an der Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge am Schweizerberg. Sie liegt gegenüber der Mittelschule.

Die Klasse 8c der Memminger Bismarckschule an der Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge am Schweizerberg. Sie liegt gegenüber der Mittelschule.

Bild: Bismarckschule

Die Klasse 8c der Memminger Bismarckschule an der Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge am Schweizerberg. Sie liegt gegenüber der Mittelschule.

Bild: Bismarckschule

Jugendliche der Bismarckschule in Memmingen sind in Projektwoche zu Reichspogromnacht mit angehefteten Judensternen unterwegs. Wie sie sich dabei gefühlt haben.
Die Klasse 8c der Memminger Bismarckschule an der Gedenkstätte der ehemaligen Synagoge am Schweizerberg. Sie liegt gegenüber der Mittelschule.
Von Redaktion Memminger Zeitung
16.11.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Eine ganze Schulwoche stand bei den 8. Klassen der Bismarckschule Memmingen ganz im Zeichen des Gedenkens an die Ereignisse der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Die Geschehnisse arbeiteten die Schüler in Unterrichtsprojekten auf. Ursprünglich wollte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis90/Die Grünen) den Gedenkort direkt gegenüber der Mittelschule besuchen und anschließend die ausgestellten Projekte in den Gängen der Bismarckschule begutachten. Coronabedingt fiel diese Veranstaltung zwar aus, viel entscheidender aber war die Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den derzeit leider wieder sehr aktuellen Themen Ausgrenzung, Rassismus, Gewalt und Terrorismus, betonen die Lehrer.

Islamistischer Terror, "Black lives matter", Schüsse von Halle

Der 9.11.1938 findet sich in verschiedenster Form und Ausprägung nur allzu oft auch heute wieder, wurde den Mittelschülern klar. Sei es im islamistischen Terror, der gerade wieder in Frankreich seine hässliche Fratze zeigte, im Terror von links oder rechts, in der Bewegung „Black lives matter“ in den USA als Reaktion auf die Tötung des Afroamerikaners George Floyd oder im Prozess um die Schüsse von Halle. Die Projektwoche bot den Lehrern und Schülern nun einen Anlass, sich mit Geschichte vertraut zu machen, um daraus zu lernen. „Denn wer die Geschichte versteht und daraus lernt, versteht die Welt von heute besser“, war das Motto der Herangehensweise.

Schüler informieren sich in Stadtarchiv über Judenverfolgung

Klassenleiterin Elina Kirijatov entwickelte mit ihrer 8c eine besondere Idee. Die Schüler schlüpften für ein Fotoprojekt in die Gewänder von auf Fotos im Stadtarchiv entdeckten Leidtragenden der Judenverfolgung in Memmingen und gaben ihnen damit „ein Gesicht von heute“. Zunächst erforschten die Jugendlichen jedoch die Stadt nach Spuren der Memminger Juden von damals. Sie informierten sich online in Archiven, machten sich auf die Suche nach den überall in der Stadt eingelassenen Stolpersteinen und holten die Vergangenheit anhand historischer Aufnahmen der Memminger Synagoge an die Pinnwand im Klassenzimmer.

Am eindringlichsten beschrieben die Jugendlichen für sich jedoch die Erfahrungen, als sie sich mit dem sogenannten Judenstern und dem Namensschild eines der damaligen Opfer auf der Brust in die Stadt und vor das Erinnerungsdenkmal am Schweizerberg begaben, wo die Synagoge von Memmingen stand. „Dieses Sich in die Lage versetzen berührte die Kinder emotional sehr, völlig unabhängig von der Reaktion vorbeigehender Passanten“, berichtet Elina Kirijatov über die Gefühlswelt ihrer Schüler.

Sie beschrieben es als ein Gefühl des „Bloßgestelltseins“, des „Angestarrtwerdens“ oder einfach als „total komisches, unwohles Gefühl“. Ziel sei dabei nicht gewesen, die Umgebung zu schockieren, sagt die Lehrerin, sondern einzig und allein, das Bewusstsein bei den Jugendlichen für die Situation zu schärfen, in der sich die Memminger Juden damals – in noch viel prekärerer Lage – emotional befunden haben müssen. „Das zu erleben werden die Schüler wahrscheinlich nie mehr in ihrem Leben vergessen“, ist sie sicher. „Und wenn so Bewusstsein geschaffen würde für die Lage ausgegrenzter Menschen, dann wäre schon viel gewonnen“. Die Reaktionen der Vorbeigehenden reichten von vereinzeltem verschämten Wegsehen über irritierte, überraschte und neugierige Blicke bis hin zu geäußerter Anerkennung für dieses außergewöhnliche Projekt.

Fotostrecke mit Originabildern macht Schüler nachdenklich

Die sehr eindringliche Fotostrecke der vom Schicksal hart getroffenen Memminger Juden ist nun im Gang der Bismarckschule zusammen mit einem vergrößerten Bild der Memminger Synagoge ausgestellt. Es sei zu beobachten, wie Klassen und Schüler häufig von selber leiser und ein wenig nachdenklicher werden, wenn sie daran vorbeigehen, sagen die Lehrer.