Memmingen

Schüler beschäftigen sich mit der Nazi-Zeit und ihren Folgen

MM Kriegsende

MM Kriegsende

Bild: Walter Müller

MM Kriegsende

Bild: Walter Müller

Geschichte Von Zwangsarbeitern und der Rolle der Mütter
##alternative##
Von wam
09.03.2020 | Stand: 16:05 Uhr

Historischer Verein und Abiturschüler des Bernhard-Strigel-Gymnasiums (BSG) hatten zum Vortrag „Zwischen Kriegsende und Neubeginn“ in den Antoniersaal geladen. Fünf Schüler des BSG hatten, betreut vom Geschichtslehrer Dr. Thomas Epple, in ihrer Seminararbeit das Thema aufgegriffen und stellten ihre Ergebnisse vor.

Lucas Schneider verwies in seinem Vortrag auf die propagandistische Bedeutung des in Memmingen erscheinenden „Allgäuer Beobachter“, vereinigt mit dem „Schwäbischen Beobachter“ die älteste nationalsozialistische Tageszeitung Schwabens. Durch manipulative Berichterstattung des Blattes wurde den Memmingern suggeriert, dass nach der nicht länger duldbaren politischen Situation Deutschlands unter Reichskanzler Kurt von Schleicher die „Erlösung und Befreiung des Volkes durch Adolf Hitler“ alles zum Guten wende. In diesem Kontext wurden die Nürnberger Rassegesetze (1935) bejubelt, „immer wieder die Überlegenheit der deutschen Rasse hervorgehoben“. Antisemitische Verschwörungstheorien wurden aggressiv hetzend der Bevölkerung nahegebracht.

Die Gleichschaltung der Jugendorganisationen in Memmingen zur Hitlerjugend (HJ) nahm Paul Voigtsberger in seinem Beitrag auf: Durch die bereits bestehende evangelische Jugendarbeit in der Stadt lag der Anteil der in der HJ organisierten Schüler noch bei 31 Prozent, als diese Zahl für Bayern insgesamt schon bei 42 Prozent lag (Kempten 46 Prozent, Lindau 39 Prozent). Die Beschäftigung in der HJ mit Waffen- und Schießausbildung habe der männlichen Jugend ein Faszinosum geboten, während die Mädchen in „völkischer“ Tradition an ihre „Aufgabe“ als Mütter herangeführt wurden. Diesem Frauenbild im Nationalsozialismus beziehungsweise seinen Spuren in Memmingen spürte Nina Richter nach. Sie zitierte den Aufruf zum Muttertag 1933 „… dass unser Nachwuchs deutsch bleibe und deutsch werde …“. Auch sie zitierte aus dem Allgäuer Beobachter Artikel „Von der wahren Mütterlichkeit – Die Feuerprobe wahren Frauentums“ und „Die rechte Mutter“.

Der Umgang mit den 4454 ausländischen Arbeitskräften in Stadt und Kreis Memmingen (August 1944) war das Thema von Benjamin Bachmann. 1688 Kriegsgefangene und 2766 Fremdarbeiter, darunter 1136 Frauen, waren nach seiner Recherche beschäftigt, zwei Drittel in Landwirtschaft und Gartenbau. „Industriell war im Allgäu bei Kriegsende noch nicht viel los.“ Die vergleichsweise „geringe“ Todesrate von etwa 150 Menschen, deren Grabsteine zum Teil auf dem Memminger Waldfriedhof noch heute vorhanden sind, „lässt sich wohl darauf zurückführen, dass in der Region keine Vernichtungslager bestanden“. Aber „nicht Mitleid, sondern Mangel an Arbeitskräften“ war nach Erkenntnis Bachmanns ausschlaggebend.

Kai Fackler recherchierte zur Juristischen Aufarbeitung der Reichspogromnacht und der damit verbundenen Wohnungszerstörungen in Memmingen. Ergänzend zur Darstellung der nur zögerlichen, oftmals durch nach Jahren auch schwer objektivierbaren Zeugenaussagen gebremsten Justizaufarbeitung, stellte Fackler aktuelle Zahlen des Bundesinnenministers für 2018 vor: 20431 politisch motivierten Straftaten des rechten Spektrums stehen 7961 linksmotivierte Taten gegenüber. Die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus sehen die Schüler gerade unter diesem Aspekt als besonders wichtige Aufgabe für heutige junge Menschen.