Schickling-Stiftung

Wo sich Kunst, Natur und Wissenschaft begegnen

KU Schickling

Das 20. Seminar „Musik und Transzendenz“ in der Eggisrieder Schickling-Stiftung erkundete tiefgründig Fragen des menschlichen Daseins und bot dabei auch musikalische Ereignisse von beeindruckendem Niveau. Das Bild zeigt (rechts) Teilnehmer Zi Huang (Bass-Bariton), begleitet von Linda Chen, der neben Schumanns „Dichterliebe“ auch ein Lied aus seiner Heimat sang.

Bild: Markus Noichl

Das 20. Seminar „Musik und Transzendenz“ in der Eggisrieder Schickling-Stiftung erkundete tiefgründig Fragen des menschlichen Daseins und bot dabei auch musikalische Ereignisse von beeindruckendem Niveau. Das Bild zeigt (rechts) Teilnehmer Zi Huang (Bass-Bariton), begleitet von Linda Chen, der neben Schumanns „Dichterliebe“ auch ein Lied aus seiner Heimat sang.

Bild: Markus Noichl

Bei 20. Seminar für "Musik und Transzendenz" wird über grundlegende Fragen des Lebens diskutiert und geforscht. Was eine Klaviersonate mit Geometrie zu tun hat.
19.09.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Zum 20. Mal wurde heuer im Schickling-Seminar in Eggisried unter dem Titel „Musik und Transzendenz“ geforscht und diskutiert über jene tiefen, verborgenen Quellen, aus denen die Künste gespeist werden. Drei Tage lang glich das Gelände an der Günz einer Universität. Eingebettet in freundliche Landschaft und Architektur, widmeten sich 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer jenem Grenzgebiet, wo das Wissen endet und in Ahnung oder Glaube mündet.

Seminar baut Brücke zur Musikhochschule Karlsruhe

Das Seminar baut alljährlich in den Sommerferien eine Brücke zwischen der Stiftung und der Musikhochschule Karlsruhe, wo Stiftungs-Leiterin Ulrike Meyer lehrt. Mit einem Konzert zur Eröffnung bewiesen die Studentinnen und Studenten ihr hohes Niveau. Das Klavier war solo zu hören, aber auch zusammen mit Klarinette und Stimme. Den knackigen Abschluss bildeten Stücke auf einer und zwei Snare-Trommeln.

Internationales Spitzen-Niveau erreichte das Seminar, als Professor Markus Stange sich den Diabelli-Variationen von Beethoven widmete. 33 Veränderungen erfährt ein pfiffig-harmloses Walzerchen, von zärtlichem Zögern bis zu rasender Ekstase, von nobel fugiert bis koboldhaft neckend. Es durchläuft alle Stadien des Mensch-Seins, ehe am Schluss die Dialektik überwunden scheint und Musik zum Bekenntnis wird, Töne wie durch eine Säulenhalle wandeln. Eine gewaltige Transformation. Wie gefügt durch höhere Regie gesellten sich zu den letzten Tönen des Klaviers die des Glockenspiels vom Kapellen-Türmchen auf dem Stiftungsgelände. So seelenvoll Perfektion und Inspiration verbindend, dürfte dieses Werk selten erklingen.

Wo Mathematik sinnlich wird

Ähnlich berührend war die Begegnung mit der 1947 entstandenen Klaviersonate von Henri Dutilleux, gespielt von Manfred Kratzer. Ein Werk, in dem kunstvoll Themen umgekehrt, gespiegelt, enggeführt werden. Faszinierend, wie so eine mathematisch strukturierte Musik ihre eigene Sinnlichkeit entfaltet. Da befand man sich plötzlich in der Nähe der fraktalen Geometrie, die natürlich-zufällige Prozesse mathematisch beschreibt. Also jene Strukturen, die sich in Wolken, Gebirgszügen oder Verzweigungen eines Mündungsdeltas finden. Und tatsächlich werden solche Bilder für Spielfilme ja bereits virtuell erzeugt. Natur und Mathematik, Geist und Leben, Philosophie und Realität begegnen sich. Wie immer man diese Polarität beschreibt – es dürfte für unsere Zeit kaum ein wichtigeres Thema geben.

Friedrich Hölderlin trifft auf Johannes Brahms

Auf seine eigene, unnachahmliche Art widmete sich auch Friedrich Hölderlin der Begegnung, dem Konflikt zwischen den Welten in „Hyperions Schicksalslied“. Daniel Reinhard, der auch den Chor mit Teilnehmenden des Seminars leitete, ergründete dieses Gedicht in der Vertonung von Johannes Brahms. Da wandeln droben im Licht die seligen Genien, geborgen wie schlafende Säuglinge. „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn. Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen von einer Stunde zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen, Jahr lang ins Ungewisse hinab.“

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Dass Brahms diesen hoffnungslosen Text ausgerechnet in C-Dur enden ließ, den Einsiedler nach vielen Schicksalsschlägen Einheit finden ließ, sorgte nach der Uraufführung für heftigen Widerspruch. Doch der Referent stellte sehr überzeugend dar, dass Hyperion bei Brahms ja aus der Retrospektive, der Rückschau erzählt. Und kennt nicht jeder aus seinem Leben Wendungen, die sich zunächst wie eine Katastrophe anfühlen, aber nach einiger Zeit als Chance, ja unerwartete Wendung in neue, glückliche Gefilde erweisen?

Wie Brahms das Schicksal anklopfen lässt – ähnlich dem Thema aus Beethovens Fünfter, wie er jene „Hauptsache“ musikalisch formuliert, die der Dichter nicht sagt, also jenen Segen, der auch oder gerade Schicksalsschlägen innewohnt: Das zu formulieren und auszuleuchten, war Vortragskunst, die an Therapie hinreichte. Kein abgehobenes Wandeln im künstlerischen Elfenbeinturm, sondern eine Hinwendung zu den tiefsten Geheimnissen menschlichen Lebens. Orientierung im Labyrinth des Leidens. Eine Hinwendung zu jenem fernen Ziel hinter dem Horizont, wo sich Religion, Kunst und Mythos (und wohl noch andere Disziplinen) begegnen und versöhnen. Eine Suche, der sich auch die Stiftung im Sinne Erich Schicklings widmet: leidenschaftlich, tolerant und geduldig.

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