Flüchtlingshilfe in Memmingen

Stefanie Marzall ist die neue Integrationslotsin in Memmingen

Stefanie Marzall

Stefanie Marzall kümmert sich um ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Memmingen und dem Unterallgäu. Ihr Büro hat sie bei der Freiwilligenagentur Schaffenslust.

Bild: Thomas Weigert

Stefanie Marzall kümmert sich um ehrenamtliche Flüchtlingshelfer in Memmingen und dem Unterallgäu. Ihr Büro hat sie bei der Freiwilligenagentur Schaffenslust.

Bild: Thomas Weigert

Stefanie Marzall ist Infobörse und Kummerkasten für ehrenamtliche Helferkreise. Mit welchen besonderen Herausforderungen sie es wegen Corona zu tun hat.
24.04.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Stefanie Marzall ist seit dem 1. Februar Projektleiterin und Integrationslotsin für die Koordination und Betreuung der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in Memmingen und dem Unterallgäu. Die 38-Jährige ist ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin und lebt mit Mann und zwei Kindern in Dirlewang. Angesiedelt ist die 20-Stunden-Stelle bei der Freiwilligenagentur Schaffenslust Memmingen-Unterallgäu.

Frau Marzall, wie waren die ersten zwei Monate?

Stefanie Marzall: "Spannend! Ich konnte mir schon einen guten Überblick verschaffen, wie die Situation bei den Flüchtlingshelfern ist. Natürlich lief das Corona geschuldet meistens über das Telefon. An zwei halben Tagen arbeite ich im Schaffenslust-Büro in Memmingen und den Rest der Zeit im Homeoffice in Dirlewang."

Was waren Ihre ersten Aufgaben?

Marzall: "Gleich zu Beginn hatten wir alle Hände voll zu tun, FFP2-Masken zu verteilen. Erst danach konnte ich mich umhören, wer was macht und damit anfangen, mich auch bei den anderen hauptamtlichen Akteuren vorzustellen.

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Was macht denn eine Integrationslotsin?"

Marzall: "Ich bin die Hauptansprechpartnerin für alle Freiwilligen und Helferkreise in der Flüchtlingshilfe, mit Geflüchteten selbst habe ich eher wenig zu tun. Ich frage nach, wo es Probleme gibt, vermittle Kontakte, recherchiere gezielt Informationen oder mache mich schlau, wer weiterhelfen kann. Oft geht es aber auch darum zuzuhören, diese „Kummerkastenfunktion“ ist genauso wichtig."

Versorgen Sie die Helferkreise auch mit Informationsmaterial?

Marzall: "Ich gebe regelmäßig neue Bestimmungen weiter, sondiere und fasse zusammen, ganz aktuell natürlich auch zu allem, was mit Corona zu tun hat. Ich versorge die Ehrenamtlichen beispielsweise mit mehrsprachigen Dokumenten, regelmäßig über einen Newsletter, den ich je nach neuen Themen etwa einmal im Monat verschicke. Der enthält auch Informationen über Fortbildungen, da gibt es gerade viel Interessantes über Zoom."

Homeschooling: Nicht überall gibt es gutes Internet

Gibt es ein Thema, das gerade besonders brisant ist in den Unterkünften?

Marzall: "Manche sind nicht gut mit Internetzugängen versorgt, was ja für das Homeschooling wichtig ist. Wir versuchen gerade, das über die entsprechenden Ämter hinzukriegen, vor allem im Landkreis ist da noch einiges zu tun."

Kommen überhaupt noch viele Asylbewerber?

Marzall: "Wir haben gerade wenig Neuzugänge, aber wir haben vor allem im Landkreis das Problem, dass Unterkünfte geschlossen werden müssen, weil Mietverträge auslaufen. Die Bewohner müssen dann umziehen. Die Wohnungssuche für anerkannte Asylbewerber ist sehr schwierig, wenn nicht auf Wohnungsbaugenossenschaften zurückgegriffen werden kann."

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Wie viele Flüchtlingsunterkünfte gibt es derzeit?

Marzall: "Im Stadtgebiet Memmingen haben wir 14 dezentrale und zwei Sammelunterkünfte der Regierung von Schwaben. Im Unterallgäu sind es etwa 60 dezentrale und fünf staatliche."

Werden auch die staatlichen Flüchtlingsunterkünfte ehrenamtlich betreut?

Marzall: "Ja. Gerade in Memmingerberg gibt es einen sehr regen Helferkreis, der zum Beispiel auch eine Fahrradwerkstatt oder das „Café International“ betreibt."

Engagieren sich denn noch genug Menschen als Flüchtlingshelfer?

Marzall: "Helferkreise gibt es leider nicht überall. In Memmingen ist die Situation wirklich gut, im Unterallgäu gibt es auch ein paar weiße Flecken. Andererseits hat sich auch der Bedarf geändert, die Lage ist ja nicht mehr wie 2015. Insgesamt betreuen wir rund 150 derzeit aktive Freiwillige. Wir haben mittlerweile auch viele ruhende Helfer, deren „Schützlinge“ voll integriert sind oder die sich aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen haben."

Flüchtlingshilfe: Großer Bedarf im Nachhilfepool

Brauchen Sie dann überhaupt noch weitere Unterstützer?

Marzall: "Bedarf gibt es immer! Am größten ist er momentan im Nachhilfepool für Schüler und Azubis und ich glaube, der wird sogar noch wachsen im Zuge von Homeschooling. Die Schüler bezahlen dann eine kleine Aufwandsentschädigung direkt an den Ehrenamtlichen. Gesucht sind auch immer Integrationspaten, die jemanden 1:1 betreuen bei der Arbeitsplatzsuche. Wir haben einige ältere Helfer. Die sind gerade eher vorsichtig wegen Corona und wollen erst einmal abwarten."

Können sich für den Nachhilfepool auch ältere Schüler oder Studenten melden?

Marzall: "Das begrüße ich sehr, wir haben zum Beispiel derzeit auch zwei Abiturienten, die Flüchtlinge unterstützen und das läuft super. Und Nachhilfe kann man ja auch online über Zoom geben, da entstehen momentan ganz neue Möglichkeiten, ein bisschen flexibler zu sein."

Hatten Sie schon Erfahrungen mit Geflüchteten, bevor Sie die Stelle angetreten haben?

Marzall: "In Dirlewang leben mehrere Familien aus Nigeria und es gibt dort einen sehr rührigen Helferkreis, in dem ich mich ehrenamtlich engagiere. Das war für mich die Brücke zu meinem neuen Job. Mit diesen Erfahrungen kann ich jetzt manches besser nachvollziehen."

Macht der Flexibus Sinn oder ein Fahhrad?

Was zum Beispiel?

Marzall: "Manchmal ist es schwierig zu beurteilen, was Sinn macht: Soll man jemanden diesmal selbst fahren oder lieber erklären, wie der Flexibus funktioniert – oder ein Fahrrad besorgen. Da helfen mir meine eigenen Erfahrungen ganz gut weiter."

Was ist Ihre größte Herausforderung als hauptamtliche Integrationslotsin?

Marzall: "Herauszufiltern, was die Anliegen meiner Gesprächspartner sind. Dieser Austausch ist jetzt besonders wichtig, weil sich die Leute nicht in ihren Helferkreisen treffen dürfen. Ich muss ein Ohr dafür haben, ob sie konkrete Infos brauchen oder einfach nur mal erzählen wollen, was sie für Schwierigkeiten haben."

Wo kann man sich melden, wenn man sich engagieren möchte?

Marzall: Wer sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder den Newsletter erhalten möchte, kann sich bei mir melden in der Freiwilligenagentur Schaffenslust Memmingen-Unterallgäu (Telefon 08331/9613395, Mail: stefanie.marzall@fwa-schaffenslust.de)

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