Prozess in Memmingen

Steinewerfer von der A96: Tod der Fahrzeuginsassen „billigend in Kauf genommen“

Autobahnbrücke in Trunkelsberg

Von dieser Autobahnbrücke über der A 96 bei Memmingen soll ein 42-Jähriger einen Stein auf ein Auto geworfen haben. Deswegen und wegen zweier weiterer Fälle muss er sich nun vor Gericht verantworten.

Bild: Matthias Becker

Von dieser Autobahnbrücke über der A 96 bei Memmingen soll ein 42-Jähriger einen Stein auf ein Auto geworfen haben. Deswegen und wegen zweier weiterer Fälle muss er sich nun vor Gericht verantworten.

Bild: Matthias Becker

Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen Steinewerfer der A96 Heimtücke vor. Doch schon nach 20 Minuten ist der Prozessauftakt beendet. So geht es weiter.
14.09.2021 | Stand: 16:35 Uhr

Seit Dienstag muss sich ein mutmaßlicher Steinewerfer vor dem Memminger Landgericht verantworten. Der 42-Jährige wird in drei Fällen beschuldigt, Steine von Autobahnbrücken auf Autos geworfen zu haben, die auf der A 96 bei Memmingen unterwegs waren. Verletzt wurde zwar niemand. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch davon aus, dass der Angeklagte dabei den Tod der Fahrzeuginsassen „billigend in Kauf genommen“ hat, wie es Oberstaatsanwalt Markus Schroth am ersten Verhandlungstag bei der Verlesung der Anklageschrift formuliert. Daher steht er wegen versuchten Mordes in drei Fällen vor Gericht. Ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Umfangreicher Indizienprozess in Memmingen

Es ist der Auftakt eines umfangreichen Indizienprozesses. Über 40 Zeugen sowie mehrere Sachverständige sollen gehört werden. Der erste Verhandlungstag endet jedoch bereits nach 20 Minuten. Laut eines Gerichtssprechers ist diese Vorgehensweise nicht ungewöhnlich, da zu Beginn eines Prozesses zeitlich oft „Luft nach oben gelassen“ wird, falls sich der oder die Beschuldigte doch noch zur Tat äußern möchte. Doch die Motive des Angeklagten bleiben auch an diesem Tag weiter im Dunkeln. Zu den Vorwürfen äußert er sich nicht. Der Mann wurde aufgrund der Auswertung von Handydaten an einem Tatort festgenommen. An einem Stein sollen DNA-Spuren gefunden worden sein. Anfang Januar wird er festgenommen. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. Er bestreitet die Tat.

Kurz vor Prozessbeginn wird der 42-Jährige von zwei Polizeibeamten begleitet in Handschellen zur Anklagebank geführt. Er trägt einen grauen Kapuzenpulli, eine dunkle Arbeitshose und weiße Turnschuhe. Seine Haare sind kurz geschoren. Er wirkt äußerlich gefasst. Da der Mann, der die türkische Staatsangehörigkeit besitzt, nur gebrochen deutsch spricht, wird ihm ein Dolmetscher zur Seite gestellt. Er gibt an, zuletzt als Lagerarbeiter tätig gewesen zu sein. Fast regungslos verfolgt er, was ihm von Oberstaatsanwalt Schroth zur Last gelegt wird.

Steinewerfer an der A96 bei Memmingen: Stein war über 1,5 Kilo schwer

So soll der Angeklagte einen etwa 1,5 Kilo schweren Stein am Abend des 20. November 2020 von einer Autobahnbrücke über die A 96 bei Memmingerberg auf einen Pkw geworfen haben. Der Wagen sei mit bis zu 120 Stundenkilometern unterwegs gewesen. Der Stein blieb laut Schroth in der Karosserie stecken. Zudem soll er am 17. Mai 2020 um kurz nach Mitternacht von der Autobahnbrücke Memmingen/Donaustraße einen unbekannten Gegenstand auf einen Pkw geschleudert haben. Dieselbe Brücke suchte er am 27. September gegen 2.45 Uhr auf und warf laut Staatsanwaltschaft einen Gegenstand auf einen Wagen, der mit Tempo 70 unterwegs war. Schroth spricht von „heimtückischen“ Taten.

Mit ähnlichen Fällen müssen sich Gerichte immer wieder beschäftigen. Und nicht immer geht es dabei glimpflich aus. Für Aufsehen sorgte 2016 das tragische Schicksal einer vierköpfigen Familie aus Laupheim. Ihr Auto wurde auf der A 7 von einem zwölf Kilo schweren Betonklotz getroffen. Eltern und Kinder wurden verletzt, die Mutter verlor sogar einen Unterschenkel.

Experte: Womöglich eine Demonstration von Macht

Lesen Sie auch
##alternative##
Prozess in Memmingen

Prozessauftakt gegen mutmaßlichen Steinewerfer von der A96 schon nach 20 Minuten beendet

Doch was geht in Menschen vor, die zu so einer Tat fähig sind? Zu dieser Frage gibt es verschiedene Hypothesen, sagte Dr. Andreas Küthmann, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Memmingen, vor Kurzem gegenüber unserer Zeitung. „Dahinter kann Frustration oder der Ärger über bestimmte Situationen stecken.“ Auch die Demonstration von Macht könne eine Rolle spielen. Manch einer wolle auch aus einer Kränkung heraus zeigen, was er bewirken kann.

In Memmingen muss sich der 42-jährige Angeklagte außerdem wegen einer Reihe von Diebstählen verantworten. Laut Gerichtssprecher Ivo Holzinger haben diese Fälle zwar nicht direkt etwas mit den Steinwürfen zu tun. Am Ende werde aber aus all den Delikten eine Gesamtstrafe gebildet. Der Prozess wird am 5. Oktober um 9.30 Uhr am Landgericht fortgesetzt.