Geschichte

Sterbebilder sollen Geschichte lebendig halten

Sterbebilder-Ausstellung in Erkheim

Sieglinde Singer bewahrt die Geschichte. Auf dem Bild zeigt sie ein Original-Sterbebildchen eines verstorbenen Kindes aus dem 19. Jahrhundert.

Bild: Dunja Schütterle

Sieglinde Singer bewahrt die Geschichte. Auf dem Bild zeigt sie ein Original-Sterbebildchen eines verstorbenen Kindes aus dem 19. Jahrhundert.

Bild: Dunja Schütterle

Etwa 2000 Exemplare der so genannten Totenzettel aus zwei Jahrhunderten fasst die Heimatpflege der Marktgemeinde Erkheim erstmals zusammen. Die Idee.
03.11.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Die Tradition der Sterbebilder ist in der katholischen Kirche ein sehr alter Ritus, der bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. „Man vermutet, dass dieser Brauch Anfang des 19. Jahrhunderts aus den Niederlanden zu uns nach Bayern kam. Zunächst waren die Sterbezettel der Geistlichkeit und dem Adel vorbehalten“, erklärt die Vorsitzende des Erkheimer Heimatvereins, Sieglinde Singer. Rund 2000 Exemplare dieser so genannten Totenzettel aus zwei Jahrhunderten fasste die Heimatpflege der Marktgemeinde im Unterallgäu jetzt zum ersten Mal in einer eigenen Ausstellung zusammen.

Die Aussegnungshalle im katholischen Friedhof der Kirche Mariä Himmelfahrt in Erkheim bot den dazu passenden, wie ungewöhnlichen Rahmen für die besondere Erinnerungsgalerie. Die akkurat angeordneten Kopien der heute meist vierseitigen Sterbebilder wirken dabei wie Steine eines großen Lebensmosaiks. Sie erinnern an die irdischen Zeiten unterschiedlicher Menschen jeden Alters. Sie zeigen aber auch, wie sich die Sterbebilder selbst im Laufe der Zeit weiterentwickelten.

Bilder aus Erkheim und der näheren Umgebung

„Die meisten unserer Sterbebilder stammen aus Erkheim und der näheren Umgebung, von denen wir viele auch aus Nachlässen bekommen haben“, erklärt die Vorsitzende und zeigt auf einige Exemplare aus dem 19. Jahrhundert. Der älteste Totenzettel der Schau erinnert an die „ehrengeachtete Frau Kreszentia Huber von Erkheim, die am 22. Juni 1886 im 64. Lebensjahr verstorben ist“, wie darauf in schwarz-gedruckter Fraktur-Schrift auf weißem Hintergrund zu lesen steht. Darunter gedruckt ist ein Gebet, das die Angehörigen für sie beten sollen. „Man bat zur damaligen Zeit für das Seelenheil des Verstorbenen zu beten – oft stand auch ein Ablass von 300 Tagen dabei, der den zeitlichen Rahmen zur Buße der irdischen Schuld des Verstorbenen eingrenzte“, wie Singer weiß. Weswegen die Protestanten vermutlich den Usus der Sterbebilder ablehnten und erst ab den 1960er-Jahren adaptierten.

Heute pflegen beide christliche Kirchen diese Erinnerungskultur – wie die Ausstellung zeigt. Zu Kriegszeiten waren die Totenzettel oft das Einzige, was zum Gedenken an die geliebten Menschen übrigblieb. Eine Überführung der Toten von den Schlachtfeldern fern der Heimat war früher nicht möglich. Sterbebilder aus dem 19. Jahrhundert waren einfache kleine Zettel, die auf der Vorder- und Rückseite bedruckt waren. Christliche Darstellungen und Gemälde wie die Darstellung der Pietà – der Schmerzensmutter, die den verstorbenen Jesus auf ihren Knien trägt – oder die betenden Hände des Malers Alfred Dürer sind bis heute beliebte Motive für die Vorderseite. Bei älteren Sterbebildern fehlt auch oft die heute übliche Fotografie des Verstorbenen.

Schutzengel als Motive

„Wenn Kinder starben, dann hatten die Sterbebilder gerne Schutzengel als Motive. Es gab zur damaligen Zeit auch Sets zu kaufen, wo das Deckblatt verschiedene christliche Darstellungen hatte“, so die Heimatforscherin. Die Sterbebilder der vergangenen Jahrzehnte unterscheiden sich auch in Hinsicht ihrer Farbigkeit von den früheren Modellen. „Die ausgesuchten Bilder für das Deckblatt, wie die Sprüche sind individueller geworden. Gebete und Psalmen werden aber immer noch gerne verwendet“, konstatiert Singer dazu und zeigt auf ein Beispiel eines verstorbenen Erkheimers, der zu Lebzeiten gerne Kutsche fuhr und dessen Pferdegespann nun zum Abschied seinen Gedenkzettel ziert.

Eine Wand der Erinnerungen

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„Die meisten Erkheimer kennen einen oder mehrere der Verstorbenen, die wir durch die Ausstellung wieder ins Gedächtnis zurückholen“, berichtet Singer. Die Vorsitzende des Heimatvereins betont dabei die Wichtigkeit dieser unbefangenen Erinnerungen, derer sich auch viele Hobby-Genealogen für Familienforschungen bedienen. Auch der Vater von Sieglinde Singer fand an der Wand der Erinnerungen einen Platz. „Mein Vater, Georg Wolf, war Heimatforscher mit Leib und Seele. Er hat zu Lebzeiten selbst bestimmt, dass er ein schwäbisches Gedicht seines ehemaligen Volkschullehrers, des Heimatdichters Arthur Maximilian Miller als letzten Gruß auf seinem Sterbebild gedruckt haben wollte“, berichtet Sieglinde Singer, die sich seit dem Tod des Vaters im Jahr 1994 weiter für den Erhalt der Dorfgeschichte einsetzt. Dazu zählen auch die unzähligen Sterbebildchen, die bei der Heimatpflegerin ihren Platz gefunden haben und deren Andenken sie als wichtigen Teil der Geschichte pflegt.

Hier passt der Spruch auf einem der ausgestellten Sterbebilder, der lautet: „Wenn ihr an mich denkt, seid nicht traurig. Erzählt lieber von mir und traut euch ruhig zu lachen. Lasst mir einen Platz zwischen Euch, so wie ich ihn im Leben hatte“. Denn das Erinnern und Gedenken im Sinne des „Memento mori“ - was übersetzt so viel heißt wie „Bedenke, dass du sterben musst“ ist eine zentrale Aufgabe für uns Menschen. Eine zweite Ausstellung dieser Art sei bereits in Arbeit, wie Sieglinde Singer abschließend berichtet.