„Vermittlung wird zunehmend schwieriger“

Mit diesen Herausforderungen kämpft das Tierheim Memmingen

Etwa 120 Tiere warten im Tierheim in Memmingen auf eine Vermittlung in ein gutes Zuhause – darunter neben Hunden und Katzen auch Kleintiere und Exoten wie Schildkröten, Kaninchen und Vögel.

Etwa 120 Tiere warten im Tierheim in Memmingen auf eine Vermittlung in ein gutes Zuhause – darunter neben Hunden und Katzen auch Kleintiere und Exoten wie Schildkröten, Kaninchen und Vögel.

Bild: Maike Scholz

Etwa 120 Tiere warten im Tierheim in Memmingen auf eine Vermittlung in ein gutes Zuhause – darunter neben Hunden und Katzen auch Kleintiere und Exoten wie Schildkröten, Kaninchen und Vögel.

Bild: Maike Scholz

Wolfgang Courage vom Tierheim Memmingen blickt auf ein schwieriges Jahr zurück. Und jetzt kommen auch noch mehr Herausforderungen auf ihn zu.
02.12.2022 | Stand: 18:01 Uhr

Es ist 14 Uhr. Vor dem Tierheim Memmingen warten einige Leute. Das lautstarke Bellen von Hunden ist schon zu hören. Die Tür wird geöffnet. Die Gassigänger machen sich auf den Weg zu ihren derzeitigen Schützlingen. Ein anderes Paar ist gekommen, weil es sich für eine Katze interessiert, dieser ein neues Zuhause geben möchte. Derzeit warten etwa 120 Tiere auf Vermittlung – darunter gut 70 Katzen, zwölf Hunde. Der Rest besteht aus Kleintieren wie Hühnern, Vögeln, Kaninchen sowie Bartagamen.

2022 als anstrengendes Jahr für das Tierheim Memmingen

Hinter Wolfgang Courage, seinem Team und den Ehrenamtlichen liegt ein anstrengendes Jahr. Der Ausblick wirkt wenig rosig. Viele Herausforderungen stehen bevor. Auf diese schauen Wolfgang Courage (75, gebürtiger Memminger und seit zwölf Jahren Vorsitzender des Tierschutzvereins Memmingen, der das Tierheim betreibt) sowie Teamassistentin Jennifer Gebhardt (33), die seit dem Jahr 2019 fest angestellt ist.

Die gelernte Altenpflegerin war schon als Kind im Tierheim aktiv. „Das ist auch so geblieben“, sagt sie und erklärt, warum sie ihren Job so gerne macht: „Kein Tag gleicht einem anderen. Es ist so abwechslungsreich und es ist schön, zu sehen, wenn Tiere bei uns aufblühen und dann vermittelt werden.“

Vermittlung der Tiere geht derzeit zurück

Vermittlung sei ein gutes Stichwort. Courage: „Die Vermittlung ist von elementarer Bedeutung, ging bis Mitte des Jahres ganz vernünftig, wird jetzt aber zunehmend schwieriger.“ Seine Vermutung: der finanzielle Druck in allen Lebensbereichen, der derzeit auf der Bevölkerung liegt. Bisher sei es aber noch nicht so, dass Tiere aus dieser finanziellen Not heraus abgegeben wurden. Das könne sich aber noch wandeln – auch bei Tieren, die in der Corona-Pandemie angeschafft wurden.

Welche Tiere „landen“ im Tierheim? Da gebe es die Fundtiere, die beschlagnahmten Tiere und die Abgabetiere. Bei der Abgabe müsse eine Gebühr bezahlt werden. Die würde so mancher Tierbesitzer sparen – und das Tier letztlich aussetzen.

Tierpflegerin Nadja Röder zeigt eine der Bartagamen in die Kamera.
Tierpflegerin Nadja Röder zeigt eine der Bartagamen in die Kamera.
Bild: Maike Scholz

Das Tierheim in Memmingen kämpfe derzeit an vielen Stellen. Corona hatte für erhebliche Einschränkungen gesorgt; zuletzt auch im Februar, als wegen Corona-Erkrankungen nur noch ein Tierpfleger übrig blieb. „Aber auch das haben wir gemeistert“, sagt Gebhardt. Courage nickt und ergänzt: „Wir hatten die unterschiedlichsten Maßnahmen, die auch gut funktioniert haben – wie etwa die Terminvergabe oder auch ein großes Zelt im Eingangsbereich, um mehr Abstand zu schaffen, die Leute aber nicht im Regen stehen zu lassen.“ Derzeit gebe es keinen Einschränkungsdruck mehr.

Pilzerkrankung bei Katzen machte zu schaffen

Dafür hätte im September eine Pilzerkrankung bei Katzen sehr beschäftigt. „Sobald diese bei einem Tier festgestellt wurde, wird geschaut, ob es sich fortgesetzt hat. Das heißt zwingend Quarantäne für die Tiere, deren ganzer Allgemeinzustand leidet. Personal geht nur noch in Ganzkörperanzügen zu den Tieren. Es gilt ein sehr hoher Hygienestandard, damit sich die Pilzerkrankung nicht auf den Menschen überträgt“, zeigt der Vorsitzende auf. Vier bis acht Wochen könne eine Quarantäne anhalten. „Das ist nicht nur sehr aufwändig, sondern hat unmittelbar Auswirkungen auf die Vermittlung, die stockt.“

Positiv sei hingegen der Fortgang einer Baustelle: Für die Schildkröten soll eine neue Unterkunft gebaut werden. „Das wächst jetzt. Die Tiere können im März oder April, wenn sie wieder wach sind, einziehen. Diese Baustelle hat sich gut gemacht, obwohl sie sehr arbeitsintensiv ist“, freut sich Courage darüber.

Für die Schildkröten wird derzeit an einer neuen Anlage gebaut.
Für die Schildkröten wird derzeit an einer neuen Anlage gebaut.
Bild: Maike Scholz

Sein Gesichtsausdruck wird ernst, als er auf die nun letzte Jahreshälfte und das kommende Jahr schaut. Die Spendenbereitschaft sei rückläufig. „Wir beißen hier finanziell derzeit wirklich richtig“, sagt er und ergänzt: „Dieses Jahr werden wir vielleicht noch mit einem kleinen Plus abschließen, aber kommendes Jahr haben wir etwa 33.000 Euro Minus. Das zieht sich fort. Im Jahr 2025 werden es möglicherweise über 100.000 Euro sein, die uns fehlen“, prognostiziert er. Courage: „Wir brauchen definitiv mehr Geld.“

Das Tierheim Memmingen braucht mehr finanzielle Unterstützung

Dabei blickt er auf die Basispauschalverträge mit der Stadt Memmingen und den Gemeinden. Memmingen steuere 1,40 Euro pro Einwohner/Jahr bei. Bei den Umlandkommunen handele es sich um 50 Cent pro Einwohner/Jahr. Da müsse aufgestockt werden. Da führe kein Weg dran vorbei. „Die nächsten Monate werden für das Tierheim von enormer Bedeutung, um zu sehen, wie wir die Finanzierung aufstellen können.“ Da gehe es um das Anpassen von Gehältern, um Erhöhungen bei Futter- und Energiekosten sowie Tierarztkosten.

Wolfgang Courage und Jennifer Gebhardt gehen davon aus, dass die Tierarztkosten um 20 Prozent steigen. Derzeit betrage dieser Posten 40.000 Euro. „Und da dürfen keine großen Sachen wie aufwändige Operationen dazukommen“, merkt der 75-Jährige an. Das Thema Energie beschäftigt das Team ebenso. Hohe Temperaturen würden derzeit über eine Öl-Heizung generiert. „Wir müssen davon weg“, sagt Courage, denke dabei an eine Wärmepumpe. Das Haus müsse energetisch neu aufgestellt werden. Ein Teil an Photovoltaik gibt es schon. „Es wird ein Schwerpunkt, den wir in den kommenden ein oder zwei Jahren angehen müssen.“

Dankeschön an Ehrenamtliche und das Team

Wolfgang Courages Miene entspannt sich etwas, als er an sein Team und die Ehrenamtlichen denkt. Gassigänger, Katzenstreichler, eine Dame für die Hasen: Die Helfer seien enorm wichtig und kommen auch bei Aktionen wie dem Tag der offenen Tür sowie Flohmarkt zum Einsatz.

Dankbar ist er außerdem für das Personal: „Das Team erkennt selbst, was es tun muss. Ich bin da sehr zufrieden.“ Das Team sei eingespielt und wisse auch mit exotischen Tieren wie Skorpion, Gecko, Schwarzer Witwe, Schlangen oder auch mal einem Nasenbären umzugehen. Da agiere man gemeinsam Hand in Hand sowie mit viel Engagement und Herz.

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