Gesundheitstrend aus Japan

Was macht man eigentlich beim Waldbaden?

Rasten gehört beim Waldbaden ebenfalls dazu, denn zur Ruhe kommen ist eine der grundlegenden „Zutaten“.

Rasten gehört beim Waldbaden ebenfalls dazu, denn zur Ruhe kommen ist eine der grundlegenden „Zutaten“.

Bild: Theresa Osterried

Rasten gehört beim Waldbaden ebenfalls dazu, denn zur Ruhe kommen ist eine der grundlegenden „Zutaten“.

Bild: Theresa Osterried

Waldbaden liegt im Trend. Herbert Wölfel möchte Leuten bei seinen Kursen helfen, zur Ruhe zu kommen und Achtsamkeit zu lernen. Welche Übungen er anbietet.
06.09.2022 | Stand: 09:08 Uhr

„Die Füße schulterbreit aufstellen, die Fußspitzen zeigen leicht nach außen“, weist Herbert Wölfel an. Die Hände liegen ineinander verschränkt auf dem Unterbauch. „Und jetzt die Augen schließen und einfach die Atmung spüren“, sagt Wölfel. Wir stehen auf einem weichen Moosboden im Niederriedener Gemeindewald. In der Ferne braust der Wind durch die Baumkronen und erzeugt ein beruhigendes Hintergrundrauschen.

Achtsamkeit stärken und Stress abbauen

Die Atemübung soll dabei helfen, Achtsamkeit zu stärken, erklärt Wölfel. Der 66-Jährige arbeitet seit 2020 als, von der „Deutschen Akademie für Waldbaden und Gesundheit“ zertifizierter, Kursleiter. Er bietet entweder wöchentliche Einheiten an, die etwa eineinhalb Stunden dauern oder Wochenendkurse. „Die Leute fragen mich manchmal, ob wir uns ausziehen und richtig zum Baden gehen“, sagt Wölfel mit einem Schmunzeln. Aber eigentlich beschreibe das Wort „Auftanken“ seine Tätigkeit viel besser. Mit allen fünf Sinnen sollen die Teilnehmenden den Wald erleben, Entschleunigen und Abstand zum stressigen Alltag gewinnen.

Am Anfang seines Kurses mache Wölfel eine theoretische Einführung mit den Teilnehmenden und erkläre ihnen, woher das Waldbaden komme. Seinen Ursprung hat es in den achtziger Jahren in Japan, wo es als Shinrin Yoku bezeichnet wird. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schwappte der Trend aus Asien in die USA über und etablierte sich auch in Deutschland.

Die Umgebung mit den Augen eines kindlichen Entdeckers sehen

Wölfel greift in seinen Rucksack und holt mehrere kleine Lupen heraus. „Beim Waldbaden soll man seine Umgebung mit den Augen eines kindlichen Entdeckers sehen“, sagt Wölfel. Die Lupen seien dafür gute Hilfsmittel. Wie sieht eine Moosflechte eigentlich aus der Nähe betrachtet aus? Wie ist die Struktur von Rinde aufgebaut? Der Grundgedanke dahinter: So in der Betrachtung versinken, dass man den stressigen Alltag hinter sich lässt. „Achtsamkeit ist ein wichtiges Stichwort“, sagt Wölfel.

Herbert Wölfel lädt beim Waldbaden dazu ein, dem kindlichen Entdeckerdrang nachzugehen. Mit dem Stethoskop könne man manchmal hören, wie die Flüssigkeit im Baum nach oben fließt.
Herbert Wölfel lädt beim Waldbaden dazu ein, dem kindlichen Entdeckerdrang nachzugehen. Mit dem Stethoskop könne man manchmal hören, wie die Flüssigkeit im Baum nach oben fließt.
Bild: Theresa Osterried

Denn das Waldbaden könne unter anderem Erkrankungen vorbeugen. „Es kann unterstützend wirken beispielsweise bei Depressionen, Burn-Out und Angststörungen“, erklärt der ehemalige Realschullehrer.

Waldluft wirkt sich positiv auf den Organismus aus

Generell helfe der Aufenthalt im Wald dabei, Stress abzubauen. „Das liegt an den Terpenen“, erklärt Wölfel. Das seien Duftstoffe, mit denen die Bäume untereinander kommunizierten und die sich positiv auf unseren Organismus auswirkten. Die meisten seiner Kursbesucher seien weiblich und etwa 30 Jahre oder älter.

„Viele Männer sagen: Ich mache doch einen Waldspaziergang, das ist genauso gut“, sagt der 66-Jährige. Das stimme in seinen Augen aber nicht. „Ein Waldspaziergang ist gut, aber Waldbaden ist eine Gesundheitskur.“ Diese werde sogar teilweise als Präventionsmaßnahme von den Krankenkassen übernommen. „Heilung darf man aber nicht versprechen“, betont Wölfel.

Möglichst wenig Störfaktoren beim Waldbaden: Das Handy bleibt weg

Wir gehen weiter. Wobei gehen nicht der richtige Begriff ist, gemächliches Schlendern mit gelegentlichem Stehenbleiben trifft es besser. Unter unseren Füßen knirscht der Kies, es riecht erdig nach Moos und Fichtennadeln. „So langsam zu gehen wie möglich: Diese Übung mache ich immer zu Beginn mit meinen Kursteilnehmern“, sagt Wölfel.

Um richtig im Wald und im Moment anzukommen. Manche hätten zu Beginn Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen, sagt er. Generell sollten elektronische Geräte im Auto bleiben, um möglichst wenig Störfaktoren zu haben. Denn die Ruhe im Wald sei ein essenzieller Bestandteil beim Waldbaden.

Meistens die Sauerstoff-Sättigung im Blut nach dem Waldbaden höher

In seinem Rucksack hat Wölfel aber dennoch ein paar technische Geräte dabei. An seine Teilnehmer verteilt er Pulsoxymeter, die man sich an den Mittelfinger steckt. Damit wird die Sauerstoff-Sättigung im Blut und der Puls gemessen. „Da können sich die Teilnehmenden dann selbst vergewissern, was das Waldbaden bei ihnen bewirkt.“ Meist sei nach dem Kurs der Sauerstoffgehalt im Blut höher und der Puls niedriger als davor.

Beliebt sei außerdem eine Partnerübung, bei der man seinen Gegenüber mit geschlossenen Augen zu einem Baum führt. „Der Stamm wird dann blind abgetastet, dann wird man wieder zurückgeführt und muss erraten, welchen Baum man gerade berührt hat“, beschreibt Wölfel den Ablauf.

Und ist das Klischee vom Bäume-Umarmen ebenfalls Teil des Kurses? „Daran kommt man nicht vorbei“, sagt Herbert Wölfel und lacht. Ob man das tun möchte, könne jeder für sich selbst entscheiden.

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