Wallenstein 2022

Wallenstein zieht in Memmingen ein: Rund 15.000 Zuschauer waren dabei

Den Einzug des Feldherrn Wallenstein stellen beim Umzug mehr als 4000 Mitwirkende des Fischertagsvereins nach: Allein 400 Mitglieder zählt die Gruppe der Pikeniere – benannt nach ihrer bis zu fünf Meter langen Waffe, der Pike.

Den Einzug des Feldherrn Wallenstein stellen beim Umzug mehr als 4000 Mitwirkende des Fischertagsvereins nach: Allein 400 Mitglieder zählt die Gruppe der Pikeniere – benannt nach ihrer bis zu fünf Meter langen Waffe, der Pike.

Bild: Martina Diemand

Den Einzug des Feldherrn Wallenstein stellen beim Umzug mehr als 4000 Mitwirkende des Fischertagsvereins nach: Allein 400 Mitglieder zählt die Gruppe der Pikeniere – benannt nach ihrer bis zu fünf Meter langen Waffe, der Pike.

Bild: Martina Diemand

Mehr als 4000 Mitwirkende waren beim Auftakt der Wallenstein-Woche auf den Straßen unterwegs. Das Ereignis lockte rund 15.000 Besucher nach Memmingen.
26.07.2022 | Stand: 18:17 Uhr

Seit über einem Jahrzehnt wütet im Land der Dreißigjährige Krieg. Mit sich bringt er auch in der Region beispiellose Verwüstungen und Gräueltaten: auf den Schlachtfeldern und abseits davon. Ganze Landstriche werden entvölkert, denn auch Hunger und Pest raffen die Menschen dahin. Inmitten dieser Schreckenszeit geschieht in Memmingen am 30. Mai 1630 etwas, das für die Reichsstadt eine etwa viermonatige Atempause einläutet: Der Feldherr Wallenstein zieht ein, macht die Stadt zu seinem Quartier und zu einem Schauplatz europäischer Geschichte. Dieses Kapitel lassen mehr als 4000 Mitwirkende vom Fischertagsverein am Sonntag beim Einzug Wallensteins, dem Auftakt zur inzwischen elften historischen Woche seit 1980, wieder aufleben.

Winken ist tabu: Wallensteins Einzug sorgte damals für Ängste

Anfangs sorgen Gaukler, Moriskentänzer und Feuerkünstler für Unterhaltung, doch in den rund anderthalb Stunden danach ziehen die Mitwirkenden mit ernster Miene und ohne zu winken vorbei. Mit Blick auf die Geschehnisse von 1630 sei dies kein fröhlicher Umzug, erklärt Moderator Jürgen Kolb den Zuschauern auf dem Marktplatz: „Die Bürger hatten damals große Bedenken und fragten sich: Was widerfährt uns jetzt?“ Die Obrigkeit der Stadt habe damals angeordnet, dass die Bürger in ihren Häusern bleiben (alle News, Fotos und Infos zum Wallenstein-Programm finden Sie aktuell hier im Newsblog).

Viele solcher Hintergrundinfos zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), dem Fischertagsverein sowie den einzelnen Gruppen hat Kolb auf Lager und überbrückt damit auch eine längere Pause, bis es mit dem Eintreffen der schweren Reiterei weitergeht. Wie angsteinflößend der Anblick der gepanzerten Kürisser vor Jahrhunderten gewesen sein muss, lässt sich nur erahnen. Zwar nutzte Wallenstein seinen Aufenthalt in Memmingen für diplomatische Verhandlungen und in der Dochtermann-Chronik heißt es, zu dieser Zeit sei in der Stadt „Glück und Heil gewest“, doch zweifellos sei der Feldherr „einer der größten Kriegsgewinnler“ im Dreißigjährigen Krieg gewesen, macht Kolb klar. Sich kritisch mit all diesen Facetten auseinanderzusetzen, gehört nach Kolbs Worten für den Fischertagsverein zur Wallenstein-Woche dazu.

Soldatengruppen im Dreißigjährigen Krieg: Unterwegs mit Pike und Muskete

Über welche Schlagkraft und welchen Einfluss Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein als „Generalissimus“ verfügte, zeigen beim Umzug die zahlreichen Soldatengruppen und das große Gefolge des Feldherren. Reihe um Reihe ziehen etwa Pikeniere am Publikum vorbei: Sie zählen rund 400 Mitglieder und sind damit die größte Wallenstein-Gruppe im Fischertagsverein (alle Infos zum Fischertag 2022 hier). Die bis zu fünf Meter langen Piken der Fußsoldaten stellten zu Beginn des Dreißigjährigen Kriegs eine der wichtigsten Waffen dar. Um eine andere Waffe richtig zu beherrschen, mussten deren Träger – die Musketiere – 143 Handgriffe erlernen: Auch das erfahren die Zuhörer von Kolb: „Mehr als sechs bis acht Schuss in der Stunde konnte ein Musketier gar nicht abgeben.“ Die Feuerpausen waren die Gelegenheit für den Einsatz der Rontartschiere, die als jüngste Gruppe bei Wallenstein dabei sind. Mit ihren Rundschilden und Schwertern richteten die häufig aus Spanien und Italien stammenden Söldnertruppen allerlei Unheil an.

Im Gefolge Wallensteins sind auch die Kaufleute zu finden.
Im Gefolge Wallensteins sind auch die Kaufleute zu finden.
Bild: Martina Diemand

Humorvoller Seitenhieb für den Schirmherrn Markus Söder

Das gilt auch für einen absoluten Hingucker: Sechs Kaltblüter ziehen die sogenannte „Nachtigall“, das schwerste Geschütz in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Sie ließ bei Belagerungen 30 Pfund schwere Kugeln bis zu 1200 Meter weit in Burg- oder Stadtmauern fliegen. Seine Ausführungen lockert Kolb immer wieder mit humorvollen Kommentaren auf. Als etwa die Leibgarde Wallensteins auf den Marktplatz marschiert, berichtet er, dass sie einst 600 Soldaten umfasste. Dann wendet er sich augenzwinkernd der Tribüne zu, auf der Schirmherr Markus Söder Platz genommen hat: „Dagegen ist unser Ministerpräsident mit seinen vier Personenschützern ein kleines Licht.“ Auch der Generalissimus höchstselbst, den bei dieser Auflage Robert Junger verkörpert, bleibt nicht verschont. Als er in seiner prachtvollen Kutsche, einem Eigenbau des Fischertagsvereins, vorfährt, ist deutlich ein Winken zu sehen – prompt gibt’s dazu einen Seitenhieb vom Moderator.

Auch das ist 1630: Marodeure und Bettler ziehen durch Memmingen

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Das Gefolge des Feldherren bilden nicht nur die Soldaten, die von ihren Frauen und Familien sowie der Marketenderei begleitet werden. Einige der über 40 Wagen gehören beispielsweise zu den Tross-Gruppen, deren Aufgabenfeld im Krieg Logistik und Versorgung umfasste. Oder zu den Kaufleuten, die für ihre Geschäfte die Nähe und den Schutz des Feldherren schätzten. Mit Wallenstein reist überdies ein Hofstaat – entstammten doch Generäle und ebenso Verwandte des Feldherren adligen Kreisen.

Bilderstrecke

Bilder vom Wallenstein-Umzug 2022 in Memmingen

Den Abschluss und einen absoluten Kontrast zu diesen „modebewussten Herrschaften“ bilden jene, die mit Kolbs Worten am unteren Ende der damaligen gesellschaftlichen Ordnung stehen: Dem „Fahrenden Volk“ schließen sich Bettler an, die beim Publikum so manche Münze erhaschen – wohlgemerkt nicht für sich selbst, sondern für ein Kinderhilfswerk. Waffen hinter sich her schleifend, taumelnd und zerschunden nahen zuletzt jene, die ebenfalls zu einem Bild aus dem Dreißigjährigen Krieg gehören: die Marodeure, ein Sammelbecken für „Deserteure, Plünderer, Vergewaltiger und Verwundete“. Den Auftakt der Wallenstein-Woche erleben nach Schätzung des Fischertagsvereins etwa 15.000 Besucher mit.