Wanderreiter

Mit dem Pferd von der Mongolei nach Memmingen - im Allgäu gab es dann einen Kniefall

Wanderreiter

Luisa Mayr und Pete Breidahl mit Hund Jilly und ihren Pferden Marengo (links) und Smokey. Das Foto ist in Buxheim entstanden, wo die beiden Pferde bis zum nächsten Trip untergebracht sind.

Bild: Andreas Berger

Luisa Mayr und Pete Breidahl mit Hund Jilly und ihren Pferden Marengo (links) und Smokey. Das Foto ist in Buxheim entstanden, wo die beiden Pferde bis zum nächsten Trip untergebracht sind.

Bild: Andreas Berger

Luisa Mayr aus Memmingen und Pete Breidahl haben eine 12.000-Kilometer-Tour auf Pferderücken hinter sich. Am Ende wartete ein Gänsehautmoment.
22.11.2021 | Stand: 08:16 Uhr

„Von super-romantisch kann es ganz schnell ganz scheiße werden.“ Eine Erkenntnis, die Luisa Mayr (26) aus Memmingen gewonnen hat – während ihrer Tour von der Mongolei nach Deutschland auf einem Pferd. Zwei Jahre war sie unterwegs, 12.000 Kilometer, davon 7.000 auf Pferden. Im Oktober kam sie in Memmingen an – mit dem Australier Pete Breidahl (43).

  • Der Start: Juli 2019, Luisa saß auf einer Parkbank in der Mongolei und überlegte, wie es weitergehen soll. Vor einigen Monaten hatte sie ihre Ausbildung zur Köchin in Berlin abgeschlossen. Das hatte sie ihren Eltern versprochen. Und die wiederum versprachen ihr, dass sie danach die Pläne ihrer Tochter unterstützen werden. „Für mich war schon früh klar, dass mir das normale Leben mehr Angst macht als allein auf Reisen zu gehen. Unter der Woche aufs Wochenende freuen und auf den Urlaub im Sommer hinfiebern: Das fand ich ganz schrecklich.“ Also zog sie mit ihrer Hündin Jilly los.
    Nun saß sie auf der Parkbank und wurde angesprochen. Von Pete Breidahl. Der hatte sich gewundert, was ein Australian Cattle Dog – also Jilly – hier in der Mongolei macht. Diese Rasse kommt aus Australien. Genau wie Pete. So lernten sich Luisa und Pete kennen. Eigentlich wollte Luisa weiter nach Australien. Um Jilly so wenig Flug wie möglich zuzumuten, gingen die beiden dem roten Kontinent auf dem Landweg entgegen. Doch an der Grenze zu China war Schluss, Luisa durfte nicht mit Hund einreisen.
    Pete war ebenfalls auf Wanderschaft. Oder eher auf der Flucht – vor gesellschaftlichen Konventionen und fragwürdigen Erlebnissen in seiner Familie. „Der einzige Platz, an dem er sich zu diesem Zeitpunkt wohl und sicher gefühlt hat, war bei seinen Pferden in der Mongolei.“ Drei eigene Pferde hat er noch heute dort. Doch eine innere Unruhe trieb ihn weiter. Er wollte Richtung Westen reiten. Als Luisa ihm an diesem Tag im Park erzählte, dass sie in den Wochen zuvor schon durch die Mongolei geritten ist, zeigte er ihr sein Handgelenk. Ein Pferd ist darauf tätowiert. Bei einem zweiten Treffen fragte Pete Luisa, ob sie ihn auf seiner Reise begleiten wolle. Die Antwort: Ja.

  • Cognac-Frühstück mit der Polizei: Luisa und Pete beschlossen, in jedem Land Pferde zu kaufen und sie vor der nächsten Grenze wieder zu verkaufen. Denn mit Pferden über Grenzen zu wandern, sei gerade in Asien teils äußerst schwierig. Und so planten sie, in Kasachstan zu starten. Im August 2019 kauften Luisa und Pete dort Pferde, zwei zum Reiten, eines als Packpferd. „Wir haben so schlecht gepackt, dass das Packpferd umgefallen ist.“ Und so endete der erste Tag nach 20 Metern. Die beiden schlugen ihr Camp auf, um nachzudenken, wie es weitergehen kann. Am nächsten Morgen stand die Polizei vor ihnen. „Die haben uns ganz fröhlich mit Cognac begrüßt – den haben die dann zum Frühstück mit uns getrunken. Das war eine Super-Stimmung.“

  • Das Desaster: Als die beiden Wanderreiter wenig später aufbrachen, erschreckten sich Luisas Pferd und das Packpferd, das die Memmingerin am Zügel hielt, vor einem Büschel trockener Äste, der über den Weg geweht wurde. Als in diesem Moment auch noch die Packtaschen platzten, ging alles ganz schnell: Beide Tiere rissen aus, Luisa fiel vom Pferd, das Gepäck wurde über den Boden verteilt. Als Pete die flüchtenden Tiere verfolgen wollte, riss sein neuer Sattelgurt. Er fiel zu Boden, lag plötzlich unter seinem Pferd, das aber vorsichtig über ihn hinwegstieg. Später gelang es den beiden, ein Pferd einzufangen. Das andere blieb verschwunden.

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  • Minimalistisch: Die erste Lektion dieser Reise hatten Luisa und Pete gelernt: Mit weniger Gepäck lässt es sich leichter reisen. Noch an Ort und Stelle sortierten sie radikal aus und verteilten den Rest auf die nun zwei Pferde. Am Ende waren sie so minimalistisch, dass sie zusammen eine Tasse, eine Gabel, ein Messer und einen Löffel benutzten. Gegessen wurde aus dem Kochtopf. „Dann hatten wir eine wunderschöne Zeit in Kasachstan. Diese zwei Monate waren die romantischste Zeit des gesamten Trips. Es war ein Traum. Die Landschaft, endlose Weiten, jeden Tag Lagerfeuer, wir wurden zu Leuten nach Hause eingeladen zum Essen, zum Trinken, alles wie in einem Film. Eine unbeschwerte Zeit.“ In der sich Luisa und Pete ineinander verlieben.
Als dieses Foto während der Tour entstand, hatten sich Luisa und Pete schon auf ein Minimum an Gepäck reduziert.
Als dieses Foto während der Tour entstand, hatten sich Luisa und Pete schon auf ein Minimum an Gepäck reduziert.
Bild: Luisa Mayr

  • Wölfe – Gefahr und Spannung: In Kasachstan waren Wölfe ihre ständigen Begleiter. „Wir haben sie gehört, Pete hat sie teilweise gerochen, wir haben die Pfotenabdrücke gesehen.“ Zwar hatte Pete Pfeil und Bogen dabei, mit denen er als professioneller Jäger auch umgehen kann. Und die Pferde können sich gegen Wölfe wehren, sagt Luisa. Dennoch waren sich die Wanderreiter der ständigen Gefahr bewusst. „Das ließ uns auch intensiver leben.“ Doch es blieb beim Beobachten, die Wölfe griffen nicht an.

  • Eines der schlimmsten Dinge: Immer wieder die Pferde vor Grenzübergängen zu verkaufen, „das war eines der schlimmsten Dinge auf dieser Reise, schließlich wird man ein Team und wir hatten zu all unseren Pferden eine besondere Verbindung. Allerdings konnten die Pferde so in ihrem Ursprungsland bleiben, in ihrer gewohnten Umgebung. Fast alle Pferde im Osten leben im Vergleich zu denen in Europa frei. Heute glauben wir, dass es so am besten war und die Pferde hier weder mit dem Futter noch mit den Gegebenheiten glücklich gewesen wären.“ Ein Vorteil für Luisa und Pete: „Wir lernten so als Pferdemenschen, uns auf verschiedene Tiere einzustellen, mit ihnen zu trainieren.“

  • „Es war so herzzerbrechend“: In Aserbaidschan lief es nicht gut. „Das war eines der wenigen Länder, mit denen wir nicht so gute Erfahrungen gemacht haben“, sagt Luisa. „Wir sind an die falschen Leute gekommen, als wir Pferde kaufen wollten. Da wird mir jetzt noch schlecht, wenn ich dran denke, welche Reitpferde die uns angeboten haben. Etwa eine trächtige, abgemagerte Stute, die wegen vieler Geburten schon einen Hängerücken hatte. Dafür wollten die dann 1000 Euro haben. Es war so herzzerbrechend, das hätten wir nicht übers Herz gebracht.“ Also entschieden sie sich, auf Esel umzusteigen. Weil die aber nur langsam vorankamen, gaben sie sie nach drei Tagen wieder ab.

  • Corona: Im Januar 2020 erreichten sie Georgien. „Dann kam Corona.“ Neun Monate durften Luisa und Pete Georgien nicht verlassen. Mit Jobs auf Pferdehöfen hielten sie sich über Wasser. Dann wurden die Grenzen wieder geöffnet. Und trotzdem gab es Probleme. Zum Beispiel an der Grenze von der Türkei nach Bulgarien. Hier hatten sie eigentlich die Pferde mitnehmen wollen. Denn innerhalb Europas ist es leichter, die Grenzen zu passieren. Auch mit Pferden. Diese Tiere nun hatten aber mehrere verschiedene Identifikations-Chips im Hals, was einen Grenzübertritt nach Bulgarien gewaltig erschwerte. „Eigentlich wollten wir frei sein. Und alles, was wir bekamen, waren diese bürokratischen Hürden.“ Also kauften sie zwei andere Pferde. Es waren die beiden, mit denen Luisa und Pete danach die innereuropäischen Grenzen passierten. Rumänien, Ungarn, Österreich, Deutschland. Alles wesentlich leichter als in Asien. Marengo ist Petes Pferd, Wallach, sechs Jahre alt, eine Kreuzung aus Kabardiner und Araber. Smokey ist Luisas Pferd: sechs Jahre alt, Wallach, reinrassiger Araber.
Antrag am Ende der Reise: Als die beiden Wanderreiter nach tausenden Kilometern in Memmingen eintrafen, hielt Pete um Luisas Hand an.
Antrag am Ende der Reise: Als die beiden Wanderreiter nach tausenden Kilometern in Memmingen eintrafen, hielt Pete um Luisas Hand an.
Bild: Luisa Mayr

  • Die Ankunft und der Kniefall: So viel die heute 26-Jährige unterwegs auch erlebt hat, so sehr ist es doch vor allem ihre Erzählung von der Ankunft in Memmingen, die für Gänsehaut sorgt. Als Luisa, Pete, Hund Jilly und die beiden Pferde auf die Chemnitzer Straße ritten, standen sie plötzlich vor einer Menschenmenge. Familie, Freunde, Bekannte. Während Luisa einem nach dem anderen in die Arme fiel, ging Pete zu ihrer Mutter, umarmte sie. Dann zu ihrem Vater – und fragte ihn, ob er die Erlaubnis bekommt, seine Tochter heiraten zu dürfen.
    „Pete ist sehr traditionell“, sagt Luisa. Schon in den Wochen zuvor hatte er per Telefon und Mails Luisas Mutter und die Geschwister gefragt. Und nun, von Angesicht zu Angesicht, ihren Vater, der als Einziger nicht eingeweiht war. Er gab Pete sein Einverständnis. Der ging zu Luisa, kniete vor ihr nieder und machte ihr einen Antrag. „Das war überwältigend.“
  • So geht es weiter: Luisa und Pete wollen noch in Deutschland heiraten. Dann steht das nächste Ziel an: Auf Marengo und Smokey und mit Hund Jilly nach Singapur reiten. Sie wollen alles daran setzen, die beiden Pferde über alle Grenzen zu bekommen. Von Singapur wollen sie nach Australien fliegen, dann den Kontinent mit Pferden umrunden.

Wenn sie sich einmal niederlässt, dann könnte das in Australien sein, sagt Luisa. Doch bis dahin werde wohl noch viel Zeit vergehen. In spätestens einem Jahr wollen sie aufbrechen. Bis dahin wohnen sie im Haus von Luisas Eltern. Dort baut Pete gerade zwei Sattel, Satteltaschen und andere Hilfsmittel. Das Zubehör aus dem Handel sei für Wanderreiter, die mehrere Tausend Kilometer zurücklegen, nicht so gut geeignet. Solche Spezialanfertigungen wollen Luisa und Pete auch verkaufen. Das könnte ein Standbein werden. Auch mit Büchern über ihre Reisen und das Wanderreiten wollen sie ihr freies Leben finanzieren. Das erste Buch handelt von der Tour von der Mongolei nach Memmingen und ist im Internet auf Englisch erhältlich, bald auch auf Deutsch.

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