Kultur

Wenn nicht nur 1528 Pfeifen gereinigt werden müssen

LG Orgel

Organistin Dorothea Ewadinger am frei stehenden Spieltisch der Orgel in der Wallfahrtskirche Maria Steinbach. Er ist ein Markenzeichen von Ebauers Joseph Gabler. Als einer von Süddeutschlands wichtigsten Orgelbauer der Barockzeit schuf er 1756 die Steinbacher Orgel, die nach der Sanierung am 4. Juli wieder erklingen soll.

Bild: Isolde Göppel

Organistin Dorothea Ewadinger am frei stehenden Spieltisch der Orgel in der Wallfahrtskirche Maria Steinbach. Er ist ein Markenzeichen von Ebauers Joseph Gabler. Als einer von Süddeutschlands wichtigsten Orgelbauer der Barockzeit schuf er 1756 die Steinbacher Orgel, die nach der Sanierung am 4. Juli wieder erklingen soll.

Bild: Isolde Göppel

Gabler-Orgel in Wallfahrtskirche Maria Steinbach soll am 4.Juli wieder erklingen. Woher man weiß, dass die letzte Sanierung schon 110 Jahre zurück liegt.
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Von Isolde Göppel
01.07.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Sie gilt als „Königin der Instrumente“ und heuer ist sie sogar zum Instrument des Jahres 2021 erklärt worden: die Orgel. Ein ganz besonderes Exemplar davon besitzt die Wallfahrtskirche in Maria Steinbach. Obwohl sie die kleinste der drei noch existierenden Gabler-Orgeln ist, deren große Schwestern in Ochsenhausen und Weingarten stehen, ist die kleinere Ausführung in Maria Steinbach auch etwas ganz Besonderes.

Ungeachtet dieser Ehre schweigt derzeit die berühmte Orgel, die von Joseph Gabler (1700-1771) aus Ochsenhausen erbaut und am 4. Juli 1756 eingeweiht worden ist. Grund dafür sind die Arbeiten zur Generalsanierung der Blasebalg-Anlage und im Nachgang eine Gesamtreinigung.

Nur schmaler Zugang

Hoch oben im Turm, rund 13 Meter über der Orgelempore und nur über einen schmalen Treppenaufgang zu erreichen, ist Orgelbauer Hermann Weber aus Leutkirch seit einigen Wochen mit der Neubelederung des Blasebalgs beschäftigt. Vor allem die Eintragung durch Kerzenruß in Verbindung mit dem Wind des Gebläses sei schlecht für das Leder und führe zu Schäden, erklärt der Experte und schneidet streifenweise Schafsleder zurecht. Dieses werde, im Gegensatz zu früher, mit einem Streifen Pergament unterlegt, womit dann der Blasebalg beklebt beziehungsweise abgedichtet wird, „damit die Lunge der Orgel wieder funktioniert und sie für die nächsten Generationen fit gemacht wird“.

Immerhin ist die letzte Sanierung des Blasebalgs 110 Jahre her. So genau weiß der Orgelbauer das, weil er bei seiner Arbeit auf einen alten Bahnzettel stieß, der am einer Holzleiste angeleimt ist. Dieser lieferte den entscheidenden Hinweis, dass im Jahre 1912 (Holz-)Bauteile zur Erneuerung des Blasebalgs mit der „Königlich Bayerischen Staatseisenbahn“ geliefert wurden. Wie man damals die drei mal 1,3 Meter messenden Holzrahmen für den Blasebalg, der aus 1912 erhalten geblieben ist, über den schmalen Zugang so hoch in den Turm bringen konnte, findet Weber „eine erstaunliche Kunst.“

Zeitgeist sorgte für größere Veränderungen

Dass im 19. und 20. Jahrhundert vieles an der Orgel, die heute über zwei Manuale, Pedal und 26 Register mit 1528 Pfeifen verfügt, stark verändert wurde, weil auch ein gewisser Zeitgeist wirkte, hält Weber für bedauerlich, aber nachvollziehbar. So waren über die Jahrhunderte verschiedene namhafte Orgelbauer am Werk, etwa Johann Nep. Holzhey (1741-1809 Ottobeuren) oder Johann Nep. Kiene (1812-1902 Amtzell), der Maria Steinbach vermutlich das zweite Manual beschert hat, sowie die damals jungen Orgelbauer Carl Schuster und Magnus Schmid (ca. 1920-1974 München).

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Für Weber haben besonders letztere 1926 „gute Arbeit gemacht und für die damalige Zeit Exquisites und Pietätvolles geliefert“. Auch in der Kirchenchronik ist erwähnt, dass Schuster und Schmid nach „manchem vorherigem Herumgepfuschere das Gabler’sche Orgelwerk wieder in seinen ‚alten Stand’ zurückrenoviert“ hätten, so wie es der große Meister geschaffen habe.

Orgel erklingt am Sonntag in zwei Gottesdiensten

Dennoch bleibt letztlich von Gabler selbst neben einem einzigen Register mit 49 Pfeifen – die allermeisten historischen Pfeifen wurden leider 1926 bis 1928 ersetzt – hauptsächlich nur der kunstvoll-verschnörkelt gestaltete frei stehende Spieltisch mit Sicht auf den Hochaltar. Dieser bildet im Ensemble mit dem weitgehend originalen Gehäuse voller musizierender Putti, das zugunsten des Lichtdurchlasses um das Westfenster herumgebaut wurde, ein einzigartiges Gesamtkunstwerk, das Klang und Architektur im barocken Kirchenraum meisterhaft verbindet.

Pünktlich zum Ulrichsfest am 4.Juli, 265 Jahre nach der Einweihung, wird die Königin der Instrumente den Kirchenraum in der Wallfahrtskirche wieder mit ihren großartigen Klangkaskaden erfüllen – konkret in den Gottesdiensten um 9 und um 11.30 Uhr. Dafür ist eine Anmeldung im Pfarrbüro unter Telefon 08394-9240 nötig.

1528 Pfeifen – dick und hoch, schmal und zierlich – werden von Organistin Dorothea Ewadinger über zwei Manuale/Pedal angesteuert und bilden das Orchester, das mit 26 Registern verschiedene Tonhöhen und Klangfarben erzeugt. Machtvoll die Basspfeifen, leicht und anmutig die Flötenpfeifen, dazu die herrlichen Geigen- und kraftvollen Posaunen- und Trompetentöne: Welch ein Genuss für Herz und Ohr, vereint in einem einzigen Instrument, das als einziges alle Tonlagen unseres Hörbereiches erreicht. Gabler als meisterlicher Orgelbauer gab dieser Orgel Gestalt und Charakter; die Genialität von Komponisten verleiht ihr Leben; die Organisten sorgen für den Ausdruck und die Zuhörer werden von ihren Klängen verzaubert.