Politik

Wie Corona den Start des neuen Landrats  erschwert hat

Landrat Alex Eder in seinem Büro in Mindelheim – hier bei der Lektüre der Memminger Zeitung.

Landrat Alex Eder in seinem Büro in Mindelheim – hier bei der Lektüre der Memminger Zeitung.

Bild: Thomas Schwarz

Landrat Alex Eder in seinem Büro in Mindelheim – hier bei der Lektüre der Memminger Zeitung.

Bild: Thomas Schwarz

Alex Eder ist seit 100 Tagen im Amt. Warum er beim Bäcker angesprochen wird, was er mit Memmingen beim Klinikneubau bereden will und welche Ideen er sonst hat.

08.08.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Alex Eder ist am 9.August exakt 100 Tage im Amt des Unterallgäuer Landrats. Über seinen Start in Corona-Zeiten, wichtige Themen wie Kliniken und Schulen sowie sein neues Leben mit Chauffeur sprachen Johann Stoll, Redaktionsleiter derMindelheimer Zeitung, und Thomas Schwarz, Redaktionsleiter derMemminger Zeitung, mit dem 37-Jährigen, der im März zum Nachfolger von Hans-Joachim Weirather gewählt wurde.

 

Wenn Sie beim Bäcker Brezen oder Semmeln kaufen – werden Sie da als Landrat erkannt?

Alex Eder: Ja – trotz Maske!

 

Wie reagieren die Leute, wenn sie dem Landrat begegnen – einfach nur mit „Hallo“ oder auch „Machen Sie mal etwas für mich“?

Eder: Gemischt. Ich werde auch auf Themen angesprochen, für die ich gar nicht zuständig bin. Es ist aber klar, dass das nicht jeder Bürger wissen kann.

 

Wie halten Sie den Kontakt zu den Bürgern?

Eder: Eine Bürgersprechstunde habe ich bisher nicht. Es kommen aber Anfragen – bisher etwa im mittleren zweistelligen Bereich. Allerdings kann ich nicht jedem Wunsch nachkommen. Hausintern kläre ich das jeweilige Thema ab, ob wir da überhaupt etwas machen können. Wenn’s Aussicht auf eine Lösung gibt, bringe ich alle Beteiligten an einen Tisch. Wenn ein Thema keine Aussicht auf Erfolg hat, will ich den Leuten aber keinen Hoffnungsschimmer bieten. Das wäre unfair.

 

Corona hat einiges durcheinander gewürfelt – auch Ihren Start. Wie haben Sie die ersten 100 Tage im Amt erlebt?

Eder: Der Start war besonders spannend. Als Landrat steht man da natürlich in der Verantwortung. Wobei wir im Unterallgäu mit Corona bisher fast nach Glück hatten. Da war auch schon viel vorbereitet, als ich kam. Trotz der insgesamt 14 Toten im Unterallgäu gab es bald schon keine Neuinfektionen mehr. Die Situation hatte für mich das Positive, dass es kaum öffentliche Termine gab und ich daher ganz viel Zeit für andere Dinge hatte – zum Beispiel mich in Themen einzuarbeiten und die Mitarbeiter hier in der Kreisverwaltung kennenzulernen. Alle Namen kenne ich aber noch nicht...

 

Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Eder: Ich bin so gegen 7 Uhr im Büro. Je nach Arbeitspensum bin ich gegen 18.30 Uhr wieder zuhause. Wegen Corona habe ich derzeit noch abends fast immer frei und sehe meine Frau und unsere beiden Kinder. Mir fehlen aber schon die Termine wie beispielsweise das Bezirksmusikfest, bei dem man ja auch viele Leute trifft.

 

Was nehmen Sie aus der Corona-Krise mit?

Eder: Das Thema Homeoffice. Da müssen wir uns weiter Gedanken machen. Corona hat gezeigt, dass das geht. Aber ich kann niemanden fünf Tage in der Woche ins Homeoffice schicken, weil sie oder er dann keine Verbindungen mehr hier zum Haus hat. Maximal zwei Tage pro Woche halte ich für machbar.

 

Eine Neuerung für Sie ist, dass Sie nun einen Fahrer haben...

Eder: Das war schon eine Umgewöhnung. Ich bin aber dankbar, dass ich die Zeit im Auto zum Arbeiten nutzen kann – im Gegensatz zu meinem Vorgänger, dem dabei schlecht wurde und der deswegen die Fahrten zwischen Terminen überwiegend nur zum Telefonieren nutzen konnte.

Wie erkunden Sie das Unterallgäu als Ihr neues Zuständigkeitsgebiet?

Eder: Das ist in Corona-Zeiten schwierig. Das geht vor allem über Termine – weil es da jetzt wenige gibt, wird das Kennenlernen wohl etwas länger dauern. Immerhin kenne ich schon viele Bürgermeister der 52 Unterallgäuer Kommunen.

 

Sind durch Corona Themen in den Hintergrund gerutscht?

Eder: Zum Beispiel die Eröffnung des nächsten Flexibus-Knotens in Bad Wörishofen, die auf Anfang 2021 verschoben wurde und wir im Oktober jetzt nur Ottobeuren eröffnen. Durch das Eingespanntsein durch Corona ist bei mir leider bisher auch liegen geblieben, so etwas wie langfristige Visionen für den Landkreis zu entwickeln – basierend auf meinen Ideen im Wahlkampf. Das werde ich aber nicht aus den Augen verlieren.

 

Im Wahlkampf haben Sie unter anderem vom „Grenzen überwinden“ gesprochen. Wo sehen Sie Grenzen – und wie wollen Sie die überwinden?

Eder: Das zeigt sich beispielsweise darin, dass ich versuche, zum Oberbürgermeister von Memmingen ein gutes Verhältnis zu haben und die Verwaltungsgrenze zwischen der kreisfreien Stadt und dem Landkreis für die Bürger möglichst wenig spürbar ist. Der Blick geht dabei auch weiter nach Baden-Württemberg – da haben wir beispielsweise einen gemeinsamen regionalen Planungsverband, was total sinnvoll ist. Denn Themen wie Verkehr machen an der Landesgrenze ja nicht halt.

 

Mit den Allgäu-Kliniken und dem Krankenhauszusammenschluss hat Ihr Vorgänger schon eine Grenze abgeschafft. Dabei kann man den Eindruck bekommen, Herr Weirather gibt noch den Takt an – zum Beispiel, als er Dr. Max Kaplan aus Pfaffenhausen als Aufsichtsratsmitglied durchdrückte...

Eder: Durchgedrückt ist so nicht richtig. Natürlich gibt es immer andere Meinungen – das ist Teil der Demokratie. Wir haben uns um die Besetzung des Postens sehr viele Gedanken gemacht und auch diskutiert. Mit Dr. Kaplan kann ich gut zusammen arbeiten – er war der beste Kandidat und wurde uns auch von der Ärzteschaft empfohlen.

 

In Sachen „Kliniken“ war das Verhältnis zwischen Memmingen und Ihrem Vorgänger sehr angespannt. Ist es Ihr Ziel, das Memminger Krankenhaus doch noch in den Allgäuer Klinikverbund zu bekommen?

Eder: Bei meinem Antrittsbesuch bei Oberbürgermeister Schilder waren wir einhellig der Meinung, dass die Tür für eine Zusammenarbeit oder sogar eine Fusion zwischen Memmingen und dem Unterallgäu nicht zu sein darf. Dafür sind wir einfach zu eng vernetzt. Eine Zusammenarbeit mit Memmingen liegt auf der Hand. Aber wir sind uns alle bewusst, dass jeder jetzt erst einmal viele Hausaufgaben zu erledigen hat. Das ist bei uns im Unterallgäu der Fusionsprozess und für Memmingen die Frage nach einem Klinik-Neubau.

 

Möchten Sie da als Landrat mitreden?

Eder: Wenn es um grundlegende Fragen der medizinischen Ausrichtung geht, sollten wir im Vorfeld die Köpfe zusammen stecken. Denn bei der räumlichen Nähe zum Klinikum Ottobeuren muss man überlegen, ob sich die Memminger in ihrem Neubau etwas sparen können, was wir in Ottobeuren anbieten. Da muss ja nicht alles doppelt und dreifach vorhanden sein. Bei der Fülle unserer jetzigen Aufgaben werden wir aber sicher keine neuen Fusionsversuche mit Vollgas vorantreiben.

 

Die Landwirtschaftsschule in Mindelheim soll geschlossen werden. Sie haben das Thema zur Chefsache gemacht. Am 8. September soll es ein Gespräch mit der zuständigen Ministerin Michaela Kaniber geben. Fühlen Sie sich als Neuling im Politikgeschäft solchen „großen Tieren“ gewachsen?

Eder: Angst habe ich nicht. Mir hilft es, dass ich die Ministerialverwaltung gut kenne.

 

Sind Sie zufrieden mit der Unterstützung vor Ort zum Erhalt der Landwirtschaftsschule? Immerhin hat MdL Klaus Holetschek nicht unterschrieben und auch Ihre Amtskollegen aus Günzburg und Neu-Ulm tragen Ihr Schreiben nicht mit.

Eder: Einigen reichte die Zusage für einen Gesprächstermin und sie haben deswegen nicht unterschrieben. Bei der Verkündung der Schließung durch das Ministerium hat es aber kommunikative Defizite gegeben – ich habe davon erst aus der Zeitung erfahren. Ich halte die Schließung für eine falsche Entscheidung.

 

Ist die Schließung noch zu verhindern?

Eder: Das kann ich schwer einschätzen. Weil ich nicht weiß, inwieweit eine einmal getroffene politische Willensbekundung überhaupt noch zurückgenommen werden kann. Denn wenn jeder mit guten Argumenten seine Schließung verhindern könnte, stehen von den 27 Standorten am Ende wieder 27 – und nicht 20 wie jetzt geplant. Ob es da noch Spielräume gibt, weiß ich nicht. Ich glaube aber, dass wir gute Argumente zum Erhalt in Mindelheim haben – aber ich weiß, dass die Chancen wohl überschaubar sind. An dem Gespräch in München sollten neben mir unsere drei Landtagsabgeordneten Klaus Holetschek, Franz Pschierer (beide CSU) und Bernhard Pohl (Freie Wähler) teilnehmen sowie Mindelsheims Bürgermeister Winter – aber auch die drei betroffenen Bauernverbände.

 

Gab es in den ersten 100 Tagen Ihrer Amtszeit besonders erfreuliche oder besonders schockierende Erlebnisse?

Eder: Positiv angetan bin ich von der Stimmung im Kreistag! Das ist sehr kollegial und konstruktiv. Auch zu meinen Gegenkandidaten Michael Helfert und Daniel Pflügl habe ich ein prima Verhältnis.

Nicht so gut fand ich, dass die Besetzung des Aufsichtsratspostens fürs Klinikum so viel Zeit in Anspruch genommen hat – das wäre fachlich und sachlich einfacher zu klären gewesen. Da kommen schon ein paar Dinge des politischen Lebens bei mir an, bei denen ich merke, dass ich in dem Bereich bisher noch nicht zuhause war. Ich habe mir aber vorgenommen, ein sachlicher und kein politischer Landrat zu sein. Und meinen Idealismus zu behalten. Alles was ich anstoße, möchte ich aus fachlicher Überzeugung machen. Parteipolitische Aspekte sollen keine Rolle spielen.

 

Werfen wir noch einen Blick nach vorne. Welche Themen stehen für die nächsten Monate auf Ihrer Agenda?

Eder: Viele! In der Kreisverwaltung beschäftigt uns das Thema „Digitalisierung“. Da ist jetzt eine neue Stelle ausgeschrieben. Es geht unter anderem darum, dass wir nach dem Onlinezugangsgesetz bis zum Jahr 2023 für alle Bürgerinnen und Bürger auch online-offen erreichbar sein müssen. Auch einen „Kümmerer“ für die Digitalisierung unserer Schulen im Unterallgäu schließe ich nicht aus.

Zudem brennen mir die Themen „Energieversorgung“ und „Energiewende“ unter den Nägeln. Da sind wir noch im Findungsprozess, vieles ist schon angedacht: Es geht dabei nicht nur um Strom, sondern auch um Wärme und um Mobilität.

Auch „Gesundheitsversorgung“ und „Schulen und Bildung“ sind Riesenthemen. Aktuell diskutieren wir beispielsweise, ob und wenn ja wie wir die Turnhalle in Babenhausen sanieren.

Beim Gesundheitsbereich haben wir das Problem, dass viele unserer niedergelassenen Hausärzte schon über 60 sind. Ein Weg ist da sicher die Landarztquote für Medizinstudienplätze in Bayern. Eine mögliche Lösungsvariante wären aber auch Ärztezentren auf dem Land. Das würde das wirtschaftliche Risiko, die ärztliche Belastung und organisatorische Dinge auf mehrere Schultern verteilen.

 

Zur Person:

  • Geburtstag Alex Eder wurde am 26. August 1983 geboren.
  • Geburtsort München
  • Wohnort Türkheim
  • Beruflicher Werdegang Alex Eder studierte Bauingenieurwesen an der Technischen Universität (TU) München. Anschließend war er an verschiedenen Staatlichen Bauämtern sowie am Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr in München tätig. Zuletzt arbeitete der Baudirektor als Abteilungsleiter am Staatlichen Bauamt in Krumbach.
  • Landrat des Unterallgäus seit Mai 2020. In der Stichwahl setzte er sich mit 80,1 Prozent gegen Rainer Schaal (CSU) durch.
  • Familienstand Verheiratet
  • Kinder Zwei Söhne im Alter von sieben und vier Jahren
  • Parteizugehörigkeit Alex Eder gehört keiner Partei an. Er ist Mitglied des Vereins „Freie Wähler Unterallgäu“
  • Politischer Werdegang Eder engagierte sich bei der Jungen Union und der CSU in München. Seit vergangenem Jahr ist er beim Verein der Freien Wähler Unterallgäu.
  • Hobbys Handwerken, Wandern, Joggen, Radfahren, Skifahren, Fitnessstudio. (vog)