Memmingen

Wilhelm Holderied setzt magische Zeichen in Memmingen

Normalerweise eröffnet der Künstler Wilhelm Holderied (im Bild) seine Ausstellungen mit einer szenischen Aktion. Weil es diesmal keine Vernissage zur Schau in der Memminger KunstMühle gab, läuft die Performance dort auf Video.

Normalerweise eröffnet der Künstler Wilhelm Holderied (im Bild) seine Ausstellungen mit einer szenischen Aktion. Weil es diesmal keine Vernissage zur Schau in der Memminger KunstMühle gab, läuft die Performance dort auf Video.

Bild: Harald Holstein

Normalerweise eröffnet der Künstler Wilhelm Holderied (im Bild) seine Ausstellungen mit einer szenischen Aktion. Weil es diesmal keine Vernissage zur Schau in der Memminger KunstMühle gab, läuft die Performance dort auf Video.

Bild: Harald Holstein

Der Künstler feiert seinen 80. Geburtstag etwas verspätet mit einer Ausstellung in der Galerie „KunstMühle“. Worauf er bis heute wartet.

09.08.2020 | Stand: 13:50 Uhr

Am 11. April ist der Maler und Bildhauer Wilhelm Holderied 80 Jahre alt geworden. Wie vielen seiner Künstlerkollegen hat auch ihm Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auf eine große Feier musste er verzichten und geplante Ausstellungen wurden abgesagt. Der gebürtige Kaufbeurer hat sein Atelier südlich von München in Geretsried und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Professor Josef Oberberge. Jetzt zeigt er in der Galerie für zeitgenössische Kunst „VonderAlm KunstMühle“ in der Donaustraße eine Einzelausstellung mit Malerei.

Holderied verzichtete zwar auf eine Vernissage, jedoch nicht auf eine szenische Aktion. Denn seit nun schon 40 Jahren führt der umtriebige Künstler bei der Eröffnung von Ausstellungen oder bei der Einweihung seiner großen Landart-Kunstwerke – wie seinem berühmten riesigen Erdzeichen „eine Insel für die Zeit“ am Münchner Flughafen – Aktionen durch. Mal schwebt er hoch in der Luft und lässt Federn auf Besucher regnen, mal führt er in schamanisch anmutenden Gewändern einen Strom von Besuchern an. Oft spielt er Flöte dabei und trägt einen überdimensionierten, bunten Kopfschmuck.

Langsame, getragene Flötentöne

In Memmingen trägt er eine rote, kantige Maske aus Metall auf seinen Schultern. Sein Kopf verschwindet ganz darin. Vor einer Öffnung fächert sich eine feingliedrige Metallplastik auf, die sein Gesicht verdeckt. Mit der Flöte spielt er lange, getragene Töne, während er den futuristischen Aufsatz, an dem Lichter leuchten und lange Drahtantennen wippen, langsam an seinen Bildern vorbeiträgt. Galeriebetreiberin Nicole Stehr filmt mit, denn dieser Auftritt soll sowohl in der Ausstellung als auch auf der Homepage und der Facebook-Seite der Galerie zu sehen sein. „Wenn wegen Corona weniger Leute zu uns kommen, dann gehen wir eben zu den Leuten“, sagt sie.

Mit von der Partie bei der Aufnahme der Performance ist auch Wolfgang Berends. Er ist Lyriker und leitet die Bibliothek der Stiftung Lyrik Kabinett in München und hat zu den wiederkehrenden Formen in Holderieds Werken einen Text geschrieben, den er für das Video einliest. Unter dem schönen Titel „Das Licht macht nachts die Schatten an“ geht der Lyriker auch auf das Zeichen des Kreuzes ein, das sich auf fast allen Bildern in der Ausstellung und auch auf Holderieds roter Maske wiederfindet. Darin erklärt der Dichter, dass das Kreuz bei Holderied nicht für ein religiöses Zeichen steht. „Sein X markiert die Position des Kindes in Raum und Zeit, um uns auf den Prozess zurückzuführen, eben dort wieder anzukommen“, schreibt er.

Kindliche Lust am Spiel

Wilhelm Holderied hat sich bis heute eine kindliche Lust am Spiel bewahrt. Er wirkt mit seinen 80 Jahren wesentlich jünger und hat noch einige Pläne für Projekte. Mit Humor und Begeisterung erzählt er, dass er in seiner Jugend nur Zukunftsromane gelesen habe. Er dachte, er brauche nur auf eine Allgäuer Wiese zu gehen und würde dann von Außerirdischen aufgenommen. „Aber ich bin bis heute nicht abgeholt worden“, sagt er scherzend.

Bald darauf zieht er einen kleinen Stein hervor und zeigt ihn Stehr. Das Grau ist von wenigen feinen weißen Spuren durchzogen, die ein Muster ergeben. „Den habe ich auf dem Hof gefunden, die weißen Linien sind schon eine Idee für ein Bild“, sagt er. Auch die jüngsten Werke in der Ausstellung haben markante Muster, die plastisch auf die Bildoberfläche aufgebracht sind. Sie sehen wie Linien einer Landschaft von oben aus oder erinnern an Grundrisse von Städten. Typische Holderieds eben, dessen Zeichen ebenso magisch und geheimnisvoll sind, wie die Titel seiner Werke, die er etwa „Sternläufer“, „Magnetisches Gewicht“ oder „Mit den Augen des Windes“ nennt.

Zu sehen ist die Ausstellung in der „VonderAlm Kunstmühle“ bis Ende Oktober 2020. Öffnungszeiten: Samstag 11 bis 14 Uhr und nach Voranmeldung unter Telefon (08331) 994920.