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Zehn Jahre nach Fukushima: Memminger Hilfe für japanische Tsunami-Opfer

MM Japan

Ein Schutzwall sichert die japanische Küstenregion, an der vor zehn Jahren ein Tsunami für Zerstörungen sorgte.

Bild: Peter Huber

Ein Schutzwall sichert die japanische Küstenregion, an der vor zehn Jahren ein Tsunami für Zerstörungen sorgte.

Bild: Peter Huber

Der Serviceclub „Round Table“ lud 20 schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche ein. Auch zehn Jahre nach der Katastrophe haben die Teilnehmer Kontakt.
11.03.2021 | Stand: 12:55 Uhr

Nach dem Beben kam die Welle: Zehn Jahre liegt die Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und dem nuklearen Super-GAU in Japan zurück. Peter Huber vom Serviceclub Round Table 34 Memmingen erinnert sich dabei nicht nur an die schrecklichen Bilder der Zerstörung, sondern auch an ein ganz besonderes Hilfsprojekt für Kinder und Jugendliche, das Memmingen mit Japan immer noch verbindet.

Der Serviceclub lud dazu 20 schwer traumatisierte junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren nach Memmingen ein, um ihnen wieder neuen Mut und Hoffnung zu geben. „Als wir die Bilder von der Zerstörung des 500 Kilometer langen Küstenstreifens sahen, war uns klar, dass wir helfen müssen“, sagt Peter Huber zu Anfang des selbstgedrehten Films auf „YouTube“. Mit diesem dokumentierte der Serviceclub das 14-tägige Programm des Besuchs der japanischen Gäste. „Es war ein Projekt, dessen Durchführbarkeit und Erfolg sich keiner vorstellen konnte“, sagt Huber heute.

Zehn Jahre nach Fukushima: Memminger Hilfe für japanische Tsunami-Opfer

Direkt nach der Katastrophe am 11.März 2011 sammelte der „Round Table Deutschland“ Geld, um betroffene Bewohner zu unterstützen, die ihre Lebensgrundlage verloren hatten. Nach zweijähriger Vorarbeit, Organisation und Planung gelang es geeignete Partner aus Schulen und Universitäten zu finden, welche junge Menschen für die Reise nach Europa auswählten.

Peter Huber und Phillip Neumann reisten dazu selbst in die Krisenregion, um sich vor Ort ein Bild zu machen, das sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. „Bei unserem ersten Besuch im Oktober 2012 erzählte uns eine Schülerin eine Geschichte, in der das japanische Wort Kizuna vorkam, was übersetzt ’von Mensch zu Mensch’ bedeutet. Darauf haben wir uns entschieden, das Projekt Kizuna zu nennen“, erklärt Huber.

In Memmingen hatten die Mitglieder des Serviceclubs für die Teilnehmer ein Programm zusammengestellt, das touristische Highlights und Exkursionen mit Infos aus dem Wirtschaftsleben verband. „Teilnehmerin Atsumi Oikawa zum Beispiel fasste nach dem Besuch des Memminger Klinikums den Beschluss, Krankenschwester zu werden, was heute ihr Beruf ist“, erzählt Huber. Die meisten der jungen Erwachsenen leben heute nicht mehr in ihren Heimatorten, da dort die Chancen auf Arbeit nicht gut sind oder sie in größeren Städten studieren. (Lesen Sie auch: Japan will gefiltertes Kühlwasser aus Atomruine ins Meer ableiten)

Auch zehn Jahre nach der Katastrophe haben die Teilnehmer Kontakt

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Seit dem Besuch der Jugendlichen ist der Kontakt nie ganz abgerissen, auch weil die Teilnehmer bei verschiedenen Familien der Round Table-Mitglieder lebten. Daraus ist ein sehr individueller und persönlicher Kontakt entstanden, der überwiegend über Social Media-Kanäle gehalten werden konnte. „Es gab auch einen Austausch im Nachgang mit Deutschland, wo teilweise Praktika stattfanden und seit eineinhalb Jahren gibt es auch schon den ersten Nachwuchs aus der Gruppe“, weiß Huber. Drei weitere Male besuchte er die Küstenorte Otsuchi, Kamaishi, Ofunto und Rikuzentakata im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit. „Bei meinen Besuchen muss ich immer Gefro-Suppe mitbringen, die wird dort verehrt“, sagt Huber.

Bis heute sieht man die Narben der Natur – wie auch die Baustellen. Der Wiederaufbau gehe zwar voran, werde aufgrund der Wucht der Zerstörung aber noch viele weitere Jahre dauern. Zudem herrsche in den Regionen eine hohe Überalterung.

Ein Tsunami sorgte vor zehn Jahren an der japanischen Küste für Zerstörungen.
Ein Tsunami sorgte vor zehn Jahren an der japanischen Küste für Zerstörungen.
Bild: Peter Huber

Der Serviceclub „Round Table“ lud 20 schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche ein

Auch die persönlichen Wunden sind noch nicht verheilt. Gerade bei Erdbebenwarnungen, die in Japan keine Seltenheit sind, kommt die Angst wieder hoch. Dabei fällt Peter Huber Masato ein, der damals als 13-Jähriger nach Memmingen kam. Er war sehr verschlossen, hatte nie gelacht und kaum noch gesprochen. Sein Haus war von den riesigen Wellen des Tsunami weggespült worden, sein Hund ertrank in den Fluten und seine Violine ging in den Trümmern verloren. Zum ersten Mal nach der Katastrophe griff der Junge beim damaligen Kizuna-Osterfest auf Gut Westerhart wieder zur Geige und berührte so die Herzen der Anwesenden.

„Das Projekt hat die Mitglieder von Round Table und alle, die behilflich waren, auf eine besondere Art zusammengeschweißt und emotional belohnt. Dass der Kontakt zu den Teilnehmern nach den langen Jahren noch so lebendig ist, bestätigt alles“, sagt Peter Huber.

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