Kaufbeuren/Dresden

Noch einmal ganz nach oben

Volleyball Lenka Dürr tritt überraschend aus der Nationalmannschaft zurück. Jetzt will sich die Kaufbeurerin beim Dresdner SC voll auf den Titelkampf in der Bundesliga konzentrieren

08.06.2020 | Stand: 14:38 Uhr

„Ja, ich führe seit Jahren ein Leben aus der Tasche“, sagt Lenka Dürr und lacht. Wieder einmal telefoniert sie zwischen Umzugskartons und Koffern mit dem Reporter in der Heimat. Aserbaidschan, Polen, Rumänien. Die letzten Jahre waren international geprägt. Dann folgte eine schwere Zeit, in der die 28-Jährige fast eine gesamte Spielzeit vereinslos war. Jetzt zieht es die Kaufbeurerin zurück in die deutsche Volleyball-Bundesliga zum Dresdner SC. Für Dürr ein Glücksfall: „Ich habe jetzt endlich wieder Planungssicherheit und genieße in Dresden auch den gewissen Komfort. Man spricht deutsch, man kennt die Sitten.“ Bei all diesen Worten ist spürbar: Lenka Dürr hat viel Aufregendes erlebt und sehnt sich gegen Ende ihrer Laufbahn als Profisportlerin nach ruhigerem Fahrwasser. Sie unterstreicht das, wenn sie sagt: „Ich weiß ja nicht, wie lange ich das noch mache.“

Fast 15 Jahre Leistungssport haben ihre Spuren hinterlassen. Physisch und psychisch. Aus dem kessen Nesthäkchen von damals ist eine Frau geworden, die nachdenklich wirkt. Jahrelang hat Dürr die Doppelbelastung aus Verein und Nationalmannschaft erfolgreich gemeistert. Nach der Saison ging es meist nahtlos weiter und mit der deutschen Auswahl auf Turnierreisen rund um den Globus. „Ich habe nie richtig Pause gemacht. Eine Woche Urlaub hatte ich zum letzten Mal nach dem Abitur. Jetzt muss ich auch einmal Zeit in mich selbst investierten“, sagt die 28-Jährige. Sprich: Die Libera konzentriert sich fortan auf ihre Aufgaben beim Dresdner SC. Für viele überraschend erklärte sie vor Kurzem ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft(wir berichteten)– nach 217 Länderspielen und zwei Mal Silber bei den Europameisterschaften 2011 und 2013. Den Zeitpunkt fanden die Verantwortlichen des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) nicht ideal. Sportdirektor Christian Dünnes sagt: „Lenka Dürr war für die Nationalmannschaft eine wichtige Stütze, die nicht so einfach zu ersetzen ist.“ Zumal demnächst die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio ansteht. „Natürlich ist Olympia für einen Sportler das A und O. Aber ich habe den Zeitpunkt meines Rücktritts ganz bewusst so gewählt. Das war keine Hau-Ruck-Entscheidung, das war das Ergebnis eines langen Prozesses“, erklärt Dürr. Sie sei angeschlagen zum Team gekommen, der Start in der Nations League sei „körperlich holprig gewesen“. Die 28-Jährige erklärt: „Es war nicht leicht, wieder auf den Damm zu kommen. Das ist ein langer Prozess, der viel Energie kostet. Da habe ich dann auf meinen inneren Ruf gehört.“

Tränenreich war der Abschied von den Mitspielerinnen. Dürr spricht von „ganz wilden Tagen“, die mit einem gemeinsamen Grillfest im Mannschaftskreis zu Ende gingen. „Danach war ich sehr erleichtert und emotional befreiter“, erzählt sie. Kurz darauf standen schon die ersten Pflichttermine in Dresden an. Unter anderem ein außergewöhnliches Fotoshooting mit dem neuen Team. Für den Jahreskalender des Dresdner SC, der in Fankreisen seit über 20 Jahren Kultstatus genießt, ging es im Wellnessbereich eines Hotels mit Bademode ins Wasser. „Ich habe erst einmal in meinem Leben für einen Kalender vor der Kamera gestanden. Das war mit 14 in Straubing“, erinnert sich Dürr lachend. Es wird mit Sicherheit nicht die einzige Herausforderung in der neuen Wahl-Heimat bleiben: Der DSC, immerhin fünffacher deutscher Meister, will ganz vorne angreifen.