Freiraum-Messe

Personalnot treibt Allgäuer Hoteliers um

Freiraum Messe in Memmingen

Bei der Freiraum-Messe kam Letizia Korda (von links) mit Sebastian Reisigl vom Hotel Oberstdorf ins Gespräch, während Marc Traubel vom Balderschwanger Haus Hubertus sich mit ihrem Freund Gottfried Engel austauschte.

Bild: Matthias Becker

Bei der Freiraum-Messe kam Letizia Korda (von links) mit Sebastian Reisigl vom Hotel Oberstdorf ins Gespräch, während Marc Traubel vom Balderschwanger Haus Hubertus sich mit ihrem Freund Gottfried Engel austauschte.

Bild: Matthias Becker

Um Jobangebote und berufliche Perspektiven ging es bei der Freiraum-Messe am Samstag in Memmingen. Arbeitgeber räumen dabei mit Vorurteilen auf.
05.09.2021 | Stand: 18:02 Uhr

Käme es erneut zu einem Lockdown, er müsste seinen Beschäftigten raten, sich etwas anderes zu suchen – aus Gewissensgründen, sagt Sebastian Reisigl, Geschäftsführer des Hotel Oberstdorf. Doch er und sein Kollege Marc Traubel vom Haus Hubertus in Balderschwang (Kreis Oberallgäu) sind überzeugt, dass es dazu nicht kommt. In Memmingen rühren sie darum bei der fünften Freiraum-Messe für Job, Bildung und Unternehmensgründung die Werbetrommel für Ausbildungen und Stellen in der Hotellerie. „Weil die Not so groß ist“, sagt Reisigl.

Wie insgesamt 70 Unternehmen, Bildungsanbieter und Netzwerkpartner sind Traubel und Reisigl in der Stadthalle dabei. Viele langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten ihren Häusern in der Corona-Pandemie „die Stange gehalten und dabei auch auf Geld verzichtet“, sagt Reisigl. Er führt dies bei seinem Team auf ein über Jahre hinweg entstandenes Vertrauen, einen fairen Umgang miteinander und die familiäre Atmosphäre zurück. Doch einige seien auch gezwungen gewesen zu wechseln – etwa aus wirtschaftlichen Gründen. 25 Prozent der Mitarbeiter hat Reisigl über die Lockdowns hinweg verloren, er sucht derzeit fünf bis sechs Fachkräfte. Auch Quereinsteigern stünden die Türen prinzipiell offen, sagt der einstige Bäckermeister.

Der "Myhtos" Überstunden

Um für ihre Branche zu werben, wollen die beiden Hoteliers mit Negativbildern aufräumen. „Unser Mindestlohn liegt zum Beispiel bereits bei zwölf Euro pro Stunde“, sagt Reisigl über die Oberstdorf Resort-Gruppe. Und Wochenend- und Feiertagsarbeit seien zwar nicht wegzudiskutieren, aber Beschäftigte bekämen im Gegenzug auch an Wunschterminen frei. Marc Traubel spricht mit Messe-Besucherin Letizia Korda (18) über den „Mythos“, dass massenweise Überstunden anfallen: „Das war zu meiner Lehrzeit noch so, aber das hat sich wahnsinnig verändert.“ Überstunden würden zudem genau erfasst und vergütet.

Was nach ihrem Abitur im kommenden April folgen soll, weiß Letizia noch nicht. „Ich will keinen Bürojob, bei dem ich den ganzen Tag vor dem Computer sitze“, sagt die Illertisserin. Was sie sich wünscht, sind Abwechslung und Kontakt mit Menschen, vielleicht auch im Hotel oder der Gastronomie: „Es ist hier ja auch eine schöne Gegend, in der man arbeitet.“ Reisigl und Traubel haben einiges anzufügen – ihre Häuser gehören zum Verbund der Allgäuer „Azubi Top Hotels“, der verschiedene Anreize bietet: etwa eine Azubi-Akademie, Belohnungen für gute Berufsschulnoten und 100 Euro, die monatlich zusätzlich zum Ausbildungslohn gezahlt werden.

Flexible Arbeitszeiten sind gefragt

Ebenfalls bei der Messe unterwegs sind der 14-jährige Vincent und sein Vater Michael Seifert aus Sonthofen. Noch besucht Vincent die Wirtschaftsschule, doch ihn beschäftigt bereits die Frage nach seiner Berufsausbildung. Ein spannendes Aufgabenfeld soll sie bieten – und gerne „ein bisschen Action“. Der Schüler hat sich an diesem Vormittag schon Infostände der Bundeswehr und der Bundespolizei angeschaut und sieht gerade einem Roboter von „TQ-Systems“ bei der Arbeit zu. Das Technologie-Unternehmen mit 15 Standorten und rund 1700 Beschäftigten hat in Durach laut der dortigen Personalleiterin Sabrina Kober etwa 35 Stellen zu besetzen. Wegen des Fachkräftemangels müssen Unternehmen auch ihrerseits bei Interessierten punkten: Nach Kobers Beobachtung achten diese vermehrt auf einen sicheren Arbeitsplatz und flexible Arbeitszeiten. Eine weitere häufige Nachfrage: Ob es in der Vergangenheit beim Unternehmen Kurzarbeit gab. Dies kann Kober verneinen – „TQ-Systems“ befasse sich mit Zukunftstechnologien für viele Bereiche. „Durch Corona ist die Luftfahrt eingebrochen, dafür boomt die Medizintechnik.“

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