Kriminalität

Polizei und Kriminelle: Wie das Rennen von Hase und Igel?

Die Kriminalität im Internet stellt die Allgäuer Polizei immer wieder vor große Herausforderungen. Denn die Täter agieren vielfach von Asien oder Osteuropa aus.

Die Kriminalität im Internet stellt die Allgäuer Polizei immer wieder vor große Herausforderungen. Denn die Täter agieren vielfach von Asien oder Osteuropa aus.

Bild: Symbolfoto: Benedikt Siegert

Die Kriminalität im Internet stellt die Allgäuer Polizei immer wieder vor große Herausforderungen. Denn die Täter agieren vielfach von Asien oder Osteuropa aus.

Bild: Symbolfoto: Benedikt Siegert

Cyber-Kriminalität macht Allgäuer Polizei zu schaffen, zuletzt Attacken auf Firmen. Wie Präsidentin Claudia Strößner damit umgeht und wie sich G7-Gipfel auswirkt.
26.06.2022 | Stand: 16:30 Uhr

Dr. Claudia Strößner ist seit 2020 Präsidentin des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in Kempten. Zuvor war sie Vize-Präsidentin des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz. Im Interview spricht sie über aktuelle Themen ihrer Arbeit.

Polizeibeamte sind bei ihren Einsätzen nach wie vor vielen Aggressionen ausgesetzt. Wie nehmen Sie dieses Problem innerhalb des Präsidiums wahr?

Strößner: Wir hatten 2020 die bislang höchsten Fallzahlen, die aktuelle Statistik wird das bayerische Innenministerium in Kürze veröffentlichen. Im Jahr 2021 blieben die Zahlen auf einem ähnlich hohen Niveau. Trotz dieser Situation sind es bei uns Einzelfälle, wenn Beamtinnen und Beamte gravierend verletzt werden. Vielfach geht es in diesen Fällen um Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen, oft sind dabei Alkohol oder Drogen im Spiel. Auch bei Partys häufen sich diese Vorfälle. Bei Versammlungen anlässlich der Corona-Pandemie war zum Teil ein hohes Aggressionspotenzial spürbar, das sich aber mittlerweile gelegt hat. Die Zahl der Demonstrationen ist nicht zurückgegangen, dafür aber spürbar die der Versammlungsteilnehmer.

Was kann die Polizei tun, um schwierige Situationen schon im Vorfeld zu vermeiden?

Strößner: Es gibt Situationen oder Einsatzorte, bei denen wir von vornherein mit mehreren Streifen anrücken. Da zeigt eine große Präsenz sofort Wirkung. Auch die Bodycams, mit denen Beamte Einsätze aufzeichnen können, haben eine große abschreckende Wirkung. Dabei genügt oft die Androhung, die Kameras einzusetzen.

Die Polizei hat ständig mit neuen Kriminalitätsfeldern zu tun, speziell im Internet. Ist das nicht wie das Rennen zwischen Hase und Igel?

Strößner (schmunzelt): Ein bisschen schon. Es ist leider ein Dauerzustand, dass wir mit neuen Entwicklungen konfrontiert werden. Wir halten hier aber gut mit und reagieren unsererseits mit gezielten Strategien. Beispielsweise haben wir bei der Cyber-Kriminalität sehr gute Experten in unseren Reihen. In jeder unserer Kripo-Inspektionen sind fünf bis sieben Beamte für die Strafverfolgung solcher Fälle zuständig. Es gibt inzwischen auch eine Art schnelle Eingreiftruppe bei der Polizei, die bei betroffenen Firmen beispielsweise umgehend Daten sichert. Wir werden uns hier noch weiter spezialisieren und sind dafür immer auf der Suche nach guten Fachleuten.

Wie lassen sich die jüngsten Cyber-Attacken auf Allgäuer Unternehmen wie Fendt und Champignon erklären?

Strößner: Wir haben hier im Schnitt weniger als zehn Fälle pro Jahr. Die jüngste Häufung ist nach unseren Erkenntnissen eher Zufall. Zielscheiben dieser Art von Erpressung sind fast immer große, weltweit agierende Firmen. Die werden gezielt angegangen, weil die Täter sich hier eine große Beute erhoffen. Dabei gibt es wohl ein großes Dunkelfeld, weil etliche Firmen direkt auf die Forderungen eingehen, um größeres Aufsehen zu vermeiden.

Wie hoch ist die Aufklärungsquote?

Lesen Sie auch
##alternative##
Niederraunau

Tödliche Stiche auf Verwandten: Das ist über den Totschlag in Krumbach bekannt

Strößner: In diesen Fällen mit sehr hoher krimineller Energie ist es oftmals schwer, den Tätern beizukommen. Sie operieren in der Regel nicht von Deutschland aus, sondern sitzen in Asien oder Osteuropa. Außerdem ist meist eine komplexe Verschlüsselungs-Software im Einsatz.

Wie sieht es im Bereich der Kinderpornografie aus? Hier haben die Fälle bundesweit enorm zugenommen.

Strößner: Das stimmt, die Zahl hat sich bei uns von 2020 auf 2021 nahezu verdoppelt, von 237 auf 409 Fälle. Hier sind die Ermittlungen mühsam, denn es müssen unglaubliche Datenmengen gesichtet werden: Wer ist Urheber, wer ist Beteiligter, wo hat das einzelne Delikt stattgefunden, über welche Kanäle wurde es verbreitet? Das übernehmen spezialisierte Beamtinnen und Beamte der Kriminalpolizei, in enger Abstimmung mit Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft. Was die Kollegen da zu sehen bekommen, ist verstörend und belastend. Oft ist bei den Beteiligten kein Unrechtsbewusstsein vorhanden, obwohl es sich hier um schwerwiegende Straftaten handelt. Wir sind deshalb intensiv an Schulen unterwegs, um Kinder und Eltern zu sensibilisieren.

Die erkennungsdienstliche Behandlung von Tatverdächtigen und DNA-Analysen werden aus Sicht des Präsidiums in Kempten immer wichtiger. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Strößner: Zu den „Klassikern“ gehören die Wohnungseinbrüche, bei denen viele DNA-Spuren an Gegenständen gesichert werden, die der Täter angefasst haben könnte. Dies kann später dabei helfen, etwa eine ganze Serie an Einbrüchen aufzuklären. Mithilfe von DNA-Spuren wurde in Memmingen ein Täter überführt, der Steine auf die Autobahn geworfen hatte. Auch bei der erkennungsdienstlichen Behandlung geht es darum, Daten zu sammeln, die später wichtig werden könnten. Das können Fingerabdrücke und Körpermaße sein oder ein Foto von einem Tattoo. Eine erkennungsdienstliche Behandlung ist zur Gefahrenabwehr oder im Strafverfahren möglich, aber auch wenn jemand bei einer Kontrolle den Ausweis nicht vorzeigen kann und die Aussagen zu seiner Identität nicht glaubhaft sind.

Der Krieg in Osteuropa hat auch Auswirkungen auf die Arbeit der Allgäuer Polizei. So wurde eine „Koordinierungsgruppe Ukraine“ gebildet. Was ist darunter zu verstehen?

Strössner: Flüchtlinge werden registriert und erkennungsdienstlich behandelt, das geschieht an den beiden Erfassungsstellen in Memmingen und Marktoberdorf. Diese Arbeit ist wichtig für die bundesweite Verteilung der Geflüchteten und dafür, dass Menschen aus der Ukraine hier staatliche Leistungen bekommen.

Beeinflusst der Flüchtlingsstrom aus der Ukraine auch darüber hinaus die Arbeit der Polizei?

Strössner: Nein, es gibt keine größeren polizeilichen Probleme. Die Zahl der Geflüchteten, die hier ankommen, ist ja auch schon stark zurückgegangen.

Ein Großereignis für die Polizei ist aktuell der G 7-Gipfel auf Schloss Elmau. Wie viele Beamte des Kemptener Polizeipräsidiums werden dabei sein?

Strössner: Bei der Vorbereitung und Bewältigung dieses Einsatzes handelt es sich um eine große Kraftanstrengung für die gesamte bayerische Polizei, die mit Unterstützung außerbayerischer Einsatzkräfte für die Sicherheit der Veranstaltung sowie der Bevölkerung sorgt. Die genaue Anzahl der beteiligten Kräfte aus unserem Präsidiumsbereich kann man vorab nicht genau beziffern. Das hängt immer auch von der Lageentwicklung, insbesondere von der Mobilmachung der G7-Gegner, ab. Diese Abstellungen werden nicht zuletzt durch eine Urlaubssperre weitestgehend kompensiert, so dass sich alle Bürger auch während des G7-Gipfels darauf verlassen können, dass die Polizei in Schwaben Süd/West für alle Aufgaben uneingeschränkt zur Verfügung steht.

Interview: Markus Raffler und Helmut Kustermann