Allgäuer Gesundheitsämter sind überlastet

Positiv getestet: “Sie können Ihre Kontakte ja schon mal selbst informieren”

Die Gesundheitsämter in der Region kommen an ihre Grenzen - es gibt zu viele Neuinfektionen. Für Personen, die mit Covid-19 infiziert sind, bedeutet das aber, dass sie länger als geplant auf Informationen und Anweisungen warten müssen.

Die Gesundheitsämter in der Region kommen an ihre Grenzen - es gibt zu viele Neuinfektionen. Für Personen, die mit Covid-19 infiziert sind, bedeutet das aber, dass sie länger als geplant auf Informationen und Anweisungen warten müssen.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Die Gesundheitsämter in der Region kommen an ihre Grenzen - es gibt zu viele Neuinfektionen. Für Personen, die mit Covid-19 infiziert sind, bedeutet das aber, dass sie länger als geplant auf Informationen und Anweisungen warten müssen.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Eine Ostallgäuerin ist Corona-positiv. Was dann geschieht, ist eigentlich geregelt. Doch die Behörden reagieren unzureichend - weil sie nicht hinterher kommen.
08.12.2020 | Stand: 14:05 Uhr

Wenn eine Person positiv auf Covid-19 getestet wird, gibt es einen klaren Ablauf, was danach passiert - das Gesundheitsamt klärt die betroffene Person auf, meldet sich zeitnah bei den Kontaktpersonen, ordnet möglicherweise Corona-Tests und Quarantäne an. Eigentlich. Die Fotografin Angela Schulz aus Irsee erlebte das Gegenteil.

"Ich hätte nicht gedacht, dass das Gesundheitsamt so überfordert wirkt", schildert die 30-Jährige. Anfang November wurde sie positiv auf Corona getestet. Statt schneller Aufklärung gab es tagelange Unklarheiten und nur unzureichende Informationen vom Ostallgäuer Gesundheitsamt.

Hausärztin informierte schnell

Dass Schulz überhaupt positiv auf Corona getestet wurde, war für sie ein Schock. Ihre Hausärztin hatte den Test angeordnet, weil die 30-Jährige über Halsschmerzen klagte. Das war für sie in der Schnupfenzeit und mit kleinen Kindern aber "irgendwie normal". Zudem hatte sie sich an Konaktbeschränkungen gehalten, hielt Hygienekonzepte ein. "Dass ich selbst infiziert bin, hätte ich nie erwartet", sagt sie.

Von dem Testergebnis erfuhr sie an jenem Freitagmorgen aus der Corona-Warn-App, kurz danach rief sie auch ihre Hausärztin an und gab ihr erste Informationen mit - dass Schulz sich spätestens jetzt in Quarantäne begeben solle (was sie sowieso schon gemacht hatte) und dass sich das Gesundheitsamt mit weiteren Anweisungen melden werde. Und dass ihr Mann, ihr Schwager und ihre Schwägerin direkt noch zum Corona-Test zur Hausärztin kommen sollten, weil sie mit diesen Personen in den Tagen zuvor Kontakt hatte und diese auch über Symptome wie Müdigkeit und ebenfalls Halsschmerzen klagten.

Weil keine Infos kamen, rief sie selbst beim Gesundheitsamt an

Die 30-Jährige hing sich dann direkt ans Telefon und informierte Freunde und Familie, die sie in der Woche noch gesehen hatte, über ihre Corona-Infektion. "Mich hat das schlechte Gewissen geplagt", erzählt sie. Ihr war klar, dass sie den Personen irgendwie das Wochenende und die kommenden Tage vermiese. "Sie sind alle in eine Situation gekommen, die ich gar nicht wollte." Sie warnte die Kontaktpersonen zudem schon einmal vor, dass diese möglicherweise auch zum Test gehen und für eine bestimmte Zeit in Quarantäne bleiben müssten.

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"Die meisten haben schon verständnisvoll reagiert", erzählt sie. Aber man habe schon gemerkt, dass es für alle eher eine doofe Situation ist. "Und immer kam die Frage, wo du es her hast - und du sagst, du weißt es nicht." Das habe sie sehr belastet. Weitere Fragen prasselten auf sie ein: "Muss ich jetzt auch in Quarantäne? Wenn ja, wie lange? Und muss auch ein Test gemacht werden? Wo darf ich überhaupt zum Testen gehen?" Fragen, auf die die Fotografin selbst nicht sofort Antworten hatte. Das Gesundheitsamt hatte sich ja mit offiziellen Informationen noch nicht bei ihr gemeldet.

Am Freitagnachmittag und Samstagvormittag hatte die 30-Jährige nichts vom Gesundheitsamt gehört. Am Samtagmittag rief sie dann selbst bei der Infohotline an, um endlich weitere Informationen zu bekommen. Wirklich weiterhelfen konnte man ihr aber nicht - ein zuständiger Mitarbeiter würde sich noch bei ihr und den Kontaktpersonen melden, hieß es weiter.

Das Ostallgäuer Gesundheitsamt meldete sich dann am Sonntagnachmittag erstmals telefonisch bei der Fotografin und ordnete ihr offiziell Quarantäne an. Ebenso sollte ihr Mann zuhause bleiben, weil er im Gesundheitswesen arbeitet. Laut dem Mitarbeiter hätten die beiden Kinder aber weiter in die Kita gehen können, weil diese keine Symptome zeigten. "Wir haben selbst beschlossen, dass das überhaupt keinen Sinn macht und sind natürlich alle zuhause geblieben", sagt Schulz.

Bei einer Untersuchung im Krankenhaus: Angela Schulz kämpft noch heute mit den Nachwehen der Corona-Infektion.
Bei einer Untersuchung im Krankenhaus: Angela Schulz kämpft noch heute mit den Nachwehen der Corona-Infektion.
Bild: privat

Gesundheitsamt: "Sie können Ihren Kontaktpersonen ja schon mal selbst Bescheid sagen"

Offen blieb zudem, wie sich die Kontaktpersonen der Kategorie 1 weiter verhalten sollten. Als "KP1" werden alle Personen eingstuft, die Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatten. "Also alle Personen, die ich seit dem Auftreten der ersten Symptome mindestens 15 Minuten gesehen und mit denen ich ohne Mundschutz gesprochen hatte oder mit denen ich zum Beispiel zusammen beim Essen saß." Das waren auch die Personen, die sie am Vortag schon selbst informiert hatte und die sich alle freiwillig in häusliche Isolation begeben hatten. Der Anrufer hatte weder die Namen der Personen abgefragt noch genauere Informationen zum weiteren Vorgehen gegeben. Sie sollte eine Liste mit allen Kontaktdaten erstellen und wann wie lange sie diese Personen gesehen hatte. Das Amt würde sich dann wiederum bei diesen mit weiteren Anweisungen zu Test und Quarantäne melden. Auf die Frage, wann sich das Gesundheitsamt melden würde, meinte der Anrufer, das solle noch am selben Tag geschehen, wenn die ausgefüllte Liste von ihr vorliege. "Sie können den Kontaktpersonen aber ja schon mal selbst Bescheid geben", hieß es weiter. Das hatte sie ja bereits getan - verwundert war sie dennoch über diese Aussage.

Den Kontakt-Bogen, den sie am Sonntagabend per Mail zugeschickt bekam, füllte die 30-Jährige dann direkt aus und gab ihn am Montagmorgen gleich zurück. Doch am gleichen Tag meldete sich das Ostallgäuer Gesundheitsamt nicht bei den Kontaktpersonen. Auch nicht am Tag darauf.

Fehlende Informationen für Kontaktpersonen

Was in dieser Zeit für Angela Schulz besonders anstrengend ist: Dass sie ständiger Ansprechpartner für Freunde und Familie war, weil es vom Amt keine Informationen gab. Wer soll denn nun zum Test? Wird der Test beim Hausarzt oder im Testzentrum gemacht? Müssen weitere Personen informiert werden? Wie lange dauert die Quarantäne? Alles Fragen, die nicht die 30-Jährige, sondern das Gesundheitsamt beantworten muss. Sie macht sich die Arbeit, recherchiert im Internet, durchforstet Beschlüsse beim Ministerium fragt selbst beim Amt nach - und gibt dann wiederum Infos an alle Kontaktpersonen weiter. Sie fühlte sich verantwortlich, Informationen zu liefern und weiterzuhelfen - "keiner wusste so richtig, wie man sich verhalten soll". Erschwerend kam hinzu, dass es so viele widersprüchliche Aussagen gibt, weil es auch regelmäßig neue Beschlüsse gibt, schildert sie die Lage. Auf einem Infoflyer, der ihr gegeben wurde, stand beispielsweise, dass alle mit ihr im Haushalt lebenden Personen in Quarantäne bleiben sollten, solange sie selbst Symptome habe. Der Mitarbeiter sagte ihr am Telefon aber, dass sie das nicht müssten. Was stimmt denn nun? Richtig ist, dass auch die Kinder in Quarantäne bleiben müssen - egal ob mit oder ohne Symptome -, weil sie als Kontaktpersonen der Kategorie 1 eingestuft werden. Diese Aufklärung kam dann einen Tag später von einem anderen Mitarbeiter.

Die Klagen über den fehlenden Informationsfluss wurden von Tag zu Tag lauter. Erst am sechsten Tag, nachdem die 30-Jährige das positive Testergebnis bekommen hatte, wurden die Kontaktpersonen vom Gesundheitsamt angerufen und aufgeklärt. Der Großteil musste - wenn nicht schon geschehen - einen Corona-Test machen. "Selbst meine Kinder, die symptomfrei waren", berichtet sie. Anfangs hieß es, symptomfreie Personen müssten nicht zum Test. "Wieder so ein Wirrwarr."

Dennoch fühlte sie sich erleichtert, als sich das Gesundheitsamt endlich mit konkreten Vorgaben und Beschlüssen bei den Kontaktpersonen gemeldet hat. "Endlich wusste man, wie genau es weitergeht." Und noch mehr Erleichterung gab es, als nach und nach die negativen Test-Ergebnisse herein kamen. "Ich hatte niemanden aus der Familie oder von meinen Freunden angesteckt."

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Quarantäne-Regeln: "Das ist alles andere als logisch"

Doch nicht nur der unzureichende Informationsfluss sorgte für Kopfschütteln bei den Beiteiligten. Auch so manche Corona-Regeln. Unter anderem der Startpunkt und die Dauer der Quarantäne.

Die Fotografin hatte beispielsweise am 2. November noch eine Freundin getroffen, diese musste dann bis einschließlich 16. November in häuslicher Isolation bleiben. Ein negativer Corona-Test beendet die Quarantäne aber nicht vorzeitig - auch das ist schon mal anders gewesen. Für Familienmitglieder, die mit einer positiv getesten Person in einem Haushalt leben, gilt aber eine andere Quarantäne-Regelung: Sie müssen zwei Wochen in Quarantäne bleiben ab dem Tag, wo bei der getesten Person Symptome aufgetreten sind. Das bedeutet, dass die Quarantäne der Familienmitglieder in der Regel immer früher endet als die der Kontaktpersonen, obwohl sie mit einer positiv getesten Person in einem Haushalt leben. "Das ist so unlogisch - zumal ich noch Symptome hatte, als mein Mann und meine Kinder aus der Quarantäne entlassen wurden", beklagt die 30-Jährige. Dass diese Regel "nicht logisch" sei, bestätigte ihr sogar eine Mitarbeiterin des Amts am Telefon. Aber das sei eben so geregelt und daran könne man nichts ändern.

Immer noch Nachwehen von der Corona-Infektion

Angela Schulz wurde nach zwei Wochen auch aus der Quarantäne entlassen. Nachwehen der Corona-Infektion hat sie aber teilweise immer noch: "Mir gehts gut. Aber es gibt Tage, da bin ich extrem schlapp und müde, dazu kommen Übelkeit und Kopfschmerzen." Ihre Hausärztin habe sie schon darauf eingestellt, dass das noch eine Weile dauern könnte, bis sie sich wieder ganz fit fühle.

Die Fotografin ist von der Kontaktaufnahme des Ostallgäuer Gesundheitsamts enttäuscht. Sie fühlte sich "hilflos" und "allein gelassen", obwohl sie niemandem persönlich einen Vorwurf macht. "Die müssen ja auch ihr Protokoll abarbeiten". Sie ergänzt: "Aber irgendwie war klar, dass da ein Schema fehlt. Der eine weiß nicht, was der andere macht."

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Das sagt das Gesundheitsamt zu dem Fall

Die Redaktion der Allgäuer Zeitung hat Kontakt zum Gesundheitsamt Ostallgäu aufgenommen und den Fall geschildert. Auf die Frage, ob es normal sei, dass Corona-Fälle ihre Kontaktpersonen selbst informieren und sie bitten sollen, sicherheitshalber schon einmal in Quarantäne zu gehen, gab es die Antwort: "Aufgrund der Menge der nachzuverfolgenden Fälle ist es dem Gesundheitsamt in der derzeitigen Lage nicht mehr möglich, eine umgehende Verständigung aller Kontaktpersonen zu gewährleisten. Daher ist es durchaus sinnvoll, wenn die dem Betroffenen bekannten näheren Kontaktpersonen von diesem vorab informiert werden und sich in Quarantäne begeben." Ein Anruf des Gesundheitsamts erfolge, sobald wie möglich, heißt es weiter.

"Die gesamte Gesundheitsverwaltung in Deutschland arbeitet derzeit am Limit", sagt der Sprecher des Landratsamtes Ostallgäu. Seit Wochen werde das Gesundheitsamt Ostallgäu von der zweiten Pandemiewelle „wie von einem Tsunami überrollt“, berichtete die Leiterin des Gesundheitsamtes Ostallgäu Dr. Michaela Hoffmann vor kurzem.

Weil es derzeit so viele Neuinfektionen in der Region gibt, kommt das Amt nicht hinterher, alle Corona-Fälle und Kontaktpersonen in kürzester Zeit zu kontaktieren. Je mehr Fälle es gibt, umso mehr zu ermittelnde Kontaktpersonen gibt es auch. "Mitarbeiter versuchen unter hoher Arbeitsbelastung und nicht immer einfachen Telefonaten möglichst schnell auf die Fälle zu reagieren. Dabei können aufgrund neuer permanent auflaufender Fälle, die nicht planbar sind, die Zeiten nicht immer eingehalten werden."

Das Gesundheitsamt appelliert in diesem Zusammenhang nochmal an alle: "In der aktuellen Pandemie ist auch die Verantwortung jedes Einzelnen gefragt. Wer eindeutig Kontaktperson zu einer positiv getesteten Person ist, soll sich umgehend in Quarantäne begeben. Wir versuchen, jeden so schnell als möglich zu verständigen."