"Bergwelt" am Grünten polarisiert

Schon wieder eine Demo: Wie steht es um das Projekt der "Grünten Bergwelt"?

Ein Bild aus vergangenen Tagen: 1.100 Menschen ziehen eine rote Linie gegen den Ausbau der Liftanlagen am Wächter des Allgäus. Am Wochenende ist eine weitere Demo geplant.

Ein Bild aus vergangenen Tagen: 1.100 Menschen ziehen eine rote Linie gegen den Ausbau der Liftanlagen am Wächter des Allgäus. Am Wochenende ist eine weitere Demo geplant.

Bild: Ralf Lienert

Ein Bild aus vergangenen Tagen: 1.100 Menschen ziehen eine rote Linie gegen den Ausbau der Liftanlagen am Wächter des Allgäus. Am Wochenende ist eine weitere Demo geplant.

Bild: Ralf Lienert

Seit einem Jahr kämpft eine Bürgerinitiative gegen eine neue "Bergwelt" im Allgäu. Die Debatte um den Grünten ist dramatisch und es gibt eine weitere Demo.
17.07.2020 | Stand: 20:28 Uhr

Ein dubioser Investor, ein insolventer Betreiber und eine lokale Unternehmerfamilie, die mit viel Geld in die Bresche springt: Die jüngere Geschichte der Lifte am Grünten im Allgäu bot viel Dramatik, aber auch die Möglichkeit eines glücklichen Endes - zumindest aus wirtschaftlicher Sicht.

Doch seit einem Jahr tobt ein Streit um die Pläne für die neue "Bergwelt" am "Wächter des Allgäus", wie der 1.738 Meter hohe Gipfel wegen seiner exponierten Lage genannt wird. Es geht um die Frage, wie der Tourismus am Berg künftig aussehen soll.

Schon 2012 stellte sich diese Frage: Damals präsentierte ein Schweizer Investor Pläne für ein Hotel, ein Panorama-Drehrestaurant und eine Sommerrodelbahn. Die entpuppten sich letztlich aber als "Luftnummer", wie ein Mitglied der Alpgenossenschaft Grünten sagt. "Die haben uns Honig ums Maul geschmiert." Nicht einmal die Lifte habe der Investor betankt. 2017 meldeten die Betreiber der Grüntenlifte stattdessen Insolvenz an.

Unternehmerfamilie Hagenauer betreibt auch die "Alpsee-Bergwelt"

Ein neuer Interessent meldete sich: die Allgäuer Unternehmerfamilie Hagenauer, Betreiberin der "Alpsee-Bergwelt" knapp 20 Kilometer vom Grünten entfernt. Im Sommer 2019 stellte sie ihr Konzept für eine zweite "Bergwelt" vor. Dazu gehörten neue Beschneiungsanlagen für den Winterbetrieb, eine neue Hütte, eine Zehner-Gondelbahn und eine Walderlebnisbahn als sogenannter Rollglider.

Obwohl diese Pläne weniger protzig als die des vermeintlichen Schweizer Investors erschienen, regte sich Widerstand. Gegner des Projekts befürchteten einen "Rummelplatz" auf dem Berg und gründeten im Juli 2019 die Bürgerinitiative "Rettet den Grünten". Es folgten Debatten und Proteste, im Oktober bildeten Demonstranten eine "rote Linie" gegen ein Zuviel an Tourismus.

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 Was am Grünten geplant ist

Im Frühjahr 2019 stellte Familie Hagenauer aus dem Oberallgäuer Rettenberg ein Projekt vor, das die Region bis heute stark polarisiert. Es geht um eine Erneuerung der Grüntenlifte. Diese laufen seit 1960, allerdings bislang nur im Winter. 30 Millionen Euro sollten in die „Grünten Bergwelt“ – ein Ganzjahresprojekt mit Zehner-Gondelbahn – investiert werden. Bislang gibt es keine Neubauten. Dennoch machen die Gegner in der Bürgerinitiative „Rettet den Grünten“ seit einem Jahr immer wieder mobil, auch mit spektakulären Demonstrationen.

 

Was die Aktion "Rote Linie" am Grünten bewirken soll(te)

Im Herbst 2019 gab es beispielsweise die Aktion „Rote Linie – bis hierhin und nicht weiter“. Über 1.100 Unterstützer waren gekommen und bildeten – alle in Rot gekleidet – eine Menschenkette am grünen Berghang. Am heutigen Samstag gibt es wieder eine Demonstration am Grünten, wegen der Corona-Pandemie aber nur im kleinen Kreis. 100 Menschen wollen sich an den Berghang stellen und in Rot ein Fragezeichen auf grünem Grund „zeichnen“. Sie vermissen ein offizielles Gesamtkonzept für die „Grünten Bergwelt“. Der Investor hatte zwar angekündigt, die umstrittene „Walderlebnis-Bahn“ aus dem Vorhaben zu streichen. Aber bei vielen Gegnern bleibt die Sorge, dass der „Rollglider“ später doch noch kommen könnte. Sie fürchten auch, dass ein Ganzjahresprojekt mit neuer Hütte und Gondelbahn aus dem ohnehin schon beliebten und gut besuchten Grünten einen „Rummelplatz“ macht.

 

Wie viele Menschen verträgt der Grünten?

Gegen ein Zuviel an Tourismus wird im Allgäu nicht erst seit der Corona-Krise diskutiert. Bei einer Befragung der Bevölkerung zum Thema durch die Hochschule Kempten stimmten 2019 knapp 50 Prozent der Aussage zu: "Es ist gut so, wie es ist - wir brauchen nicht mehr und nicht weniger Tourismus". Weitere knapp 22 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass künftig weniger Tourismus im Allgäu nötig sei.

Die geplante "Bergwelt" am Grünten werde sicherlich zu einem Anstieg der Tagestouristen führen, sagt Tourismus-Professor Alfred Bauer. "Da wird die Frage diskutiert: Muss es immer höher, schneller, weiter sein?" An einem anderen Allgäuer Berg, dem Riedberger Horn, hatten Proteste 2019 den Bau eines Lifts verhindert, der zwei Skigebiete miteinander verbinden sollte. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kassierte das Projekt im Landtagswahlkampf ein und verkündete mit den Kommunen den Verzicht.

 

Einheimische nennen den 1.738 Meter hohen Grünten „Wächter des Allgäus“. Nahe des Gipfels, der nur zu Fuß erreichbar ist, steht eine markante Sendeanlage des Bayerischen Rundfunks.
Einheimische nennen den 1.738 Meter hohen Grünten „Wächter des Allgäus“. Nahe des Gipfels, der nur zu Fuß erreichbar ist, steht eine markante Sendeanlage des Bayerischen Rundfunks.
Bild: Mathias Wild

 

Was sagen der Rettenberger Bürgermeister und die Oberallgäuer Landrätin zum Projekt am Grünten?

Bedenken wegen eines möglichen "Rummelplatzes" am Grünten hat Rettenbergs Bürgermeister Nikolaus Weißinger (CSU) nicht. Er steht zum Projekt, wie auch die Bürgerinitiative „Zukunft Grünten – Wir für den Berg“, die sich zum Schutz der Natur eine Besucherlenkung wünscht. Insbesondere für die Infrastruktur der Gemeinde erhofft sich der Rathauschef „wichtige Impulse“. Zwar kommen insbesondere im Sommer viele Tagestouristen, und es gibt auch kleine Gasthöfe, aber kein Hotel. Viele Läden haben zudem in den vergangenen Jahrzehnten zumachen müssen. Das gilt für den Ortsteil Kranzegg (Talstation der Grüntenlifte), aber auch für Rettenberg selbst. Erst vor Kurzem schloss die letzte Metzgerei. Dort ist nun ein Bioladen eingezogen.

Die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler) möchte keine Stellungnahme zum geplanten Projekt abgeben. Es habe bislang verschiedene Gespräche mit den Fachstellen im Landratsamt gegeben, aber Antragsunterlagen für den Neubau der Liftanlagen liegen noch nicht vor, heißt es in der Pressestelle am Landratsamt. Auch die Investorenfamilie Hagenauer äußert sich zum Stand der Planungen nicht.

 

Demo: Rotes Fragezeichen am Wochenende

Am Grünten hat sich ein Jahr nach der Gründung der Bürgerinitiative wenig verändert. Der Rollglider ist nach Angaben der Investoren "derzeit" nicht mehr Teil des Konzepts, schriftlich auf Dauer abgesichert ist das aber nicht. Mit einem "roten Fragezeichen" wollen die Gegner am Wochenende darauf aufmerksam machen, dass aus ihrer Sicht ein fixes Gesamtkonzept für die "Bergwelt" fehlt. Der Rollglider könne sonst einfach später gebaut werden, fürchten sie.

Der Bürgermeister der Gemeinde Rettenberg, Nikolaus Weißinger (CSU), steht trotzdem hinter der "Bergwelt" am Grünten. Er erhoffe sich "wichtige Impulse für unsere schöne Gemeinde", teilt er schriftlich mit. Die Planungen würden derzeit konkretisiert, für sachliche Gespräche mit den Projektgegnern sei er offen.

Aber die Kritik der Bürgerinitiative richtet sich auch gegen die Dimension der Pläne. "Man kann Tourismus auch mal anders denken", sagt Sprecher Max Stark. Der Winterbetrieb sei mit Blick auf den Klimawandel nicht nachhaltig und nicht wirtschaftlich. Das habe auch die jüngste Skisaison mit Hilfe der alten Beschneiungsanlagen am Grünten gezeigt. "Viele Betreiber setzen jetzt im Sommer auf Abenteuerspielplätze, damit die roten Zahlen nicht so hoch sind", sagt Stark. "Wie soll sich das Projekt am Grünten rechnen?"

 

Die Grüntenhütte soll neu gebaut werden

Das erste anvisierte Bauprojekt betrifft die Grüntenhütte. Der Rettenberger Gemeinderat hat im März dem Neubau grundsätzlich zugestimmt. Jetzt ist der Oberallgäuer Kreistag am Zug. Die Grüntenhütte steht in einem 9.500 Hektar großen Landschaftsschutzgebiet. Die entsprechenden Auflagen gelten folglich auch für den Neubau mit 42 Betten, 100 Sitzplätzen in der Gaststätte und 300 auf der Terrasse. Er soll neben dem jetzigen Standort entstehen. Besitzer ist die Alpgenossenschaft, aber Familie Hagenauer hat sich ein Erbbaurecht auf viele Jahrzehnte gesichert. Hagenauers betreiben auch die „Alpsee Bergwelt“ bei Immenstadt mit einer Sommerrodelbahn, die ein großer Anziehungspunkt ist. Gegner befürchten, dass auch am Grünten ein ähnlicher Hotspot entsteht.

Zuvor hatte auch die Alpgenossenschaft Grünten über die Voraussetzungen für den Neubau diskutiert. Grund war eine 1904 erlassene Satzung, laut der ein Beschluss darüber einstimmig erfolgen musste. Doch das Oberlandesgericht München empfahl letztlich deren Aufhebung, das Grundbuchamt kam dem nach. Damit musste der Neubau der Hütte nur noch mehrheitlich bewilligt werden. "Bei uns wird das aber immer noch heiß diskutiert", sagt einer der Alpgenossen. "Der Grünten ist einfach im Fokus."

Die Pläne der Familie Hagenauer böten der Alpgenossenschaft mehrere Vorteile: Durch die Sanierung der Wanderwege würden Besucherströme besser gelenkt, ein Gesamtkonzept mache die Dimensionierung der neuen Hütte leichter. Die Bürgerinitiative sieht genau da aber Nachholbedarf: "Fix ist da noch gar nichts", sagt Sprecher Max Stark. "Da müssen wir weiter ein Auge drauf haben."

 

Bilder von 2019: Demo am Grünten

Bilderstrecke

"Rote Linie" am Grünten: Demo gegen geplante Lift-Anlagen