NS-Diktatur

Schreckliche Kaufbeurer Familiengeheimnisse

Mindestens 2650 Krankenmorde werden während der NS-Zeit mit der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in Verbindung gebracht. Das Bild zeigt das Haupthaus der Kaufbeurer Psychiatrie kurz nach dem zweiten Weltkrieg.

Mindestens 2650 Krankenmorde werden während der NS-Zeit mit der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in Verbindung gebracht. Das Bild zeigt das Haupthaus der Kaufbeurer Psychiatrie kurz nach dem zweiten Weltkrieg.

Bild: Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren

Mindestens 2650 Krankenmorde werden während der NS-Zeit mit der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in Verbindung gebracht. Das Bild zeigt das Haupthaus der Kaufbeurer Psychiatrie kurz nach dem zweiten Weltkrieg.

Bild: Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren

Ein Gedenkbuch gibt dem Grauen der Krankenmorde in Verbindung mit der Psychiatrie in Kaufbeuren und Irsee Gesichter und Namen. Das war lange Zeit nicht so.
11.12.2020 | Stand: 17:58 Uhr

Während der NS-Zeit wurden etwa 230 000 Menschen, die in psychiatrischen Einrichtungen im Deutschen Reich untergebracht waren, ermordet. Mindestens 2650 deser Krankenmorde stehen im Zusammenhang mit der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, deren Direktor Valentin Faltlhauser eine treibende Kraft des NS-„Euthanasie“-Programms war. Während die historische Forschung in den vergangenen Jahren ein immer umfassenderes wissenschaftliches Bild dieser Geschehnisse gezeichnet hat, gab es auch vermehrt Bemühungen, dieses Grauen konkret und individuell greifbar zu machen. Robert Domes’ inzwischen verfilmter und für die Theaterbühne bearbeitete Roman „Nebel im August“ über den mit 14 Jahren in der Irseer Anstalt umgebrachten Ernst Lossa ist wohl das bekannteste Beispiel dafür. Eine Neuerscheinung bringt nun diese beiden Erinnerungsansätze zusammen.

"Jahrzehntelang verschwiegen"

Michael von Cranach, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses (BKH) Kaufbeuren, und ein Vorreiter bei der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“, Petra Schweizer-Martinschek, Betreuerin des Historischen Archivs des BKH, und Petra Weber, Leiterin des Stadtmuseums Kaufbeuren, haben ein „Gedenkbuch“ verfasst, dass das Grauen genau verorten und ihm Gesichter und Namen geben will. Unter dem Titel „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen“ haben die Autoren die Kranken- und Ermordungsgeschichte von 21 Psychiatriepatienten aus Kaufbeuren rekonstruiert. Zwar hätten einige Wenige kritisch nachgefragt, nachdem sie die zumeist überraschenden Nachrichten über den Tod ihrer in der Psychiatrie untergebrachten Angehörigen erhalten haben. „Viele aber sprachen nicht über den Verstorbenen, und so geriet dieser in Vergessenheit oder wurde als Familiengeheimnis jahrzehntelang verschwiegen“, heißt es im einleitenden Kapitel.

Er spät aktive Auseinandersetzung in der deutschen Psyichiatrie

Diese nicht zuletzt von der NS-Ideologie geförderte Scham, einen psychisch Kranken in der Familie gehabt zu haben, sei sicher ein Faktor dafür gewesen, dass die Krankenmorde nach einer ersten, eher halbherzigen Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg lange verschwiegen, ja geleugnet wurden, sind die Autoren überzeugt. Erst in den 1980er-Jahren setzte – auch im Zuge der allgemeinen Reformen in der deutschen Psychiatrie – eine aktive Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Medizingeschichte ein. Zeugnis von diesen Fortschritten gibt auch eine Zusammenstellung der seither in Kaufbeuren und Irsee entstandenen Gedenkstätten im Buch – inklusive dem Foto einer Tafel für die Opfer, die der Anstaltsgeistliche, Pater Roman Chromik, 1974 in der BKH-Kirche anbrachte und die damals sofort wieder entfernt wurde.

Darstellung des aktuellen Forschungsstandes

Das Buch bietet dazu eine kompakte, aber dennoch fundierte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zum NS-„Euthanasie“-Programm allgemein und zu dessen Umsetzung vor Ort. Dazu erläutern die Autoren, welche Eintragungen in den Patientenakten auf Krankenmorde hindeuten, auch wenn dort durchweg ganz andere oder gar keine Todesursachen angegeben sind. In Wirklichkeit wurden die Patienten zu Beginn des „Euthanasie“-Programms in den Vernichtungsanstalten Hartheim bei Linz und Grafeneck auf der Schwäbischen Alb vergast.

Tödliche Medikamente, Hungerkost, medizinische Versuche

Nach Protesten aus der Bevölkerung erfolgten die Krankenmorde später „dezentral“ durch die Überdosierung von Medikamenten, durch Vernachlässigung, durch medizinische Experimente und durch die vom Kaufbeurer Anstaltsdirektor Faltlhauser entwickelte „E-Kost“, durch die Patienten systematisch verhungerten. So beispielsweise Agnes Wassermann, die 1936 wegen Depressionen in Irsee eingewiesen wurde und zu diesem Zeitpunkt 78 Kilogramm wog. Sie starb am 28. Dezember 1942 – mit 45 Kilogramm.

Das Buch

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Das Buch „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen“ von Michael von Cranach, Petra Schweizer-Martinschek und Petra Weber ist im Verlag Ph.C.W. Schmidt erschienen. Herausgeber sind der Bezirk Schwaben, die Bezirkskliniken Schwaben und die Stadt Kaufbeuren. Der für 12 Euro im Buchhandel erhältliche Band hat 102 Seiten.