200 Jahre Kneipp

„Kneipp als Marke funktioniert“ - Wasserdoktor lässt Kassen in Gemeinden klingeln

Kneippverein Scheidegg

Die Lehren von Sebasian Kneipp spielen in der Gesundheitsbranche auch heute eine wichtige Rolle.

Bild: Matthias Becker

Die Lehren von Sebasian Kneipp spielen in der Gesundheitsbranche auch heute eine wichtige Rolle.

Bild: Matthias Becker

Noch heute hat Sebastian Kneipp eine große Bedeutung für Kurorte im Unterallgäu. Das wirkt sich auch auf den Tourismus im Ober- und Ostallgäu aus.
12.07.2021 | Stand: 21:36 Uhr

Kneipp als Marke funktioniert“: Ottobeurens Bürgermeister German Fries ist stolz auf „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp. Nicht nur, weil der im heutigen Ottobeurer Teilort Stephansried vor 200 Jahren geboren wurde. Sondern auch wegen dessen positiver „Strahlkraft“ bis in die Gegenwart. Die macht sich auch heute noch bezahlt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das zeigen beispielhaft die drei Unterallgäuer Kneipp-Orte Ottobeuren, Bad Grönenbach und Bad Wörishofen

Kneipp hat nicht nur aus medizinischer Sicht immer noch Bedeutung – sondern auch als Wirtschaftsfaktor. Entsprechend wirbt das Unterallgäu seit den 1990er Jahren mit dem geschützten Begriff „Kneippland“. Wie sähe Bad Wörishofen als größter Unterallgäuer Kurort heute aus, wenn es Kneipp nicht gegeben hätte? Der Pfarrer und sein Naturheilverfahren seien „der elementare Faktor für eine prosperierende Entwicklung der Stadt“, sind sich Bürgermeister Stefan Welzel und Kurdirektorin Petra Nocker einig.

Und Bad Grönenbach? „Dann hätten wir unter anderem kein Kurhaus und wären wohl eine normale Marktgemeinde“, sagt Bürgermeister Bernhard Kerler und schmunzelt: Viele Veranstaltungen würde es nicht geben, der Ort wäre nicht so schön gestaltet und auch ein Stück „Weltoffenheit“ würde fehlen, die die jährlich über 34.000 Gäste in die Unterallgäuer 5700-Seelen-Gemeinde mitbringen, sagt der Rathauschef. Allein 18 7.000 Übernachtungen zählte das Tourismusamt im Spitzenjahr 2019. Oft sind das Besucher der drei Bad Grönenbacher Reha-Kliniken. Diese bieten nicht nur etwa 600 der insgesamt 850 Betten vor Ort an, sondern nutzen auch Kneipp-Anwendungen etwa im psychosomatischen Bereich.

Kneippen bringt Ottobeuren 13,8 Millionen Euro pro Jahr ein

Die Kliniken, deren Mitarbeiter und auch die Gäste lassen natürlich auch Geld im Ort – in Geschäften, aber vor allem auch in Hotels, Pensionen und der Gastronomie. Eine Summe, die er nicht beziffern könne, sagt Kerler. Sein Ottobeurer Amtskollege rechnet das mutiger hoch und nennt die Summe von 13,8 Millionen Euro, die Tages- und Übernachtungsgäste in einem normalen Jahr in der Gemeinde ließen. Fries nennt beispielhaft das Jahr 2019, in dem es in Ottobeuren etwa 103.000 Übernachtungen und etwa 160.000 Tagesgäste gab.

Über den Tourismus werden zudem Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, Steuergeld kommt der Kommune zugute. Fries hofft wie auch sein Amtskollege aus Bad Grönenbach, dass Gesundheitsvorsorge – wozu im weiteren Sinne auch die Kneipp-Anwendungen gehören – von den Krankenkassen wieder bezahlt wird. Wovon wiederum das gesamte Umfeld profitieren würde.

Wie wichtig der Medizinbereich auch für das Unterallgäu ist, belegen die starken Übernachtungsrückgänge in den 1990er Jahren. Eine Reform des damaligen Bundesgesundheitsministers Horst Seehofer (CSU) führte beispielsweise in Ottobeuren zur Schließung einiger kleinerer Kurbetriebe und Hotels, 2003 sogar zur Schließung der Kurklinik am Bannwald mit 120 Betten, sagt Fries. Erst ab 2007 sei es wieder aufwärts gegangen. Damals eröffnete das Parkhotel Maximilian, 2009 das Hotel Hirsch und 2018 kam der Campingplatz dazu.

Menschen bleiben für Glücks- und Kneipp-Wanderwege sowie die „Radrunde Allgäu“ im Unterallgäu

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„2019 hatten wir erstmals seit 1992 wieder mehr als 100.000 Übernachtungen“, sagt der Bürgermeister. Daran habe auch Kneipp nicht nur wegen des runden Geburtstags seinen Anteil. Auch bei den Tagestouristen gebe es eine positive Entwicklung. Diesen Trend beobachtet auch Kerler. Durch die Glücks- und Kneipp-Wanderwege sowie die „Radrunde Allgäu“ würden immer mehr Leute im Unterallgäu bleiben („im Schnitt fünf Tage – das liegt deutlich über dem bayerischen Durchschnitt“) oder dort starten. Das entzerre den Overtourism im Ober- und Ostallgäu, sagt Kerler.

Diese Angebote des „sanften Tourismus“ sollen weiter ausgebaut werden. Kerler kann sich zum Beispiel vorstellen, dass im Hohen Schloss in Bad Grönenbach nicht nur ein Vier-Sterne-Hotel entsteht, sondern auch Angebote in Kneipps Sinne etabliert werden. Aktuell gibt es die auch in Ottobeuren in vielen Bereichen – zum Beispiel in der Jugendherberge mit speziellen Sportangeboten für die Kneipp-Säule „Bewegung“, in den Kneipp-Wassertretanlagen, im Kräutergarten oder in der Basilika als spirituelles Zentrum.