Nachgefragt in der Region

"Gute Idee" bis "Einschnitt in die Lebensgestaltung": Meinungen zum sozialen Pflichtdienst im Allgäu

Junge Menschen engagieren sich derzeit freiwillig in Einrichtungen wie Pflegeheimen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nun eine Debatte über einen verpflichtenden Dienst angestoßen. Wie beurteilt man das in der Region?

Junge Menschen engagieren sich derzeit freiwillig in Einrichtungen wie Pflegeheimen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nun eine Debatte über einen verpflichtenden Dienst angestoßen. Wie beurteilt man das in der Region?

Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Junge Menschen engagieren sich derzeit freiwillig in Einrichtungen wie Pflegeheimen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nun eine Debatte über einen verpflichtenden Dienst angestoßen. Wie beurteilt man das in der Region?

Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Sich verpflichtend in den Dienst der Gesellschaft stellen? Im Allgäu gehen die Meinungen auseinander: Von "gute Idee" bis "Einschnitt in die Lebensgestaltung".
14.06.2022 | Stand: 18:47 Uhr

Sollen sich junge Menschen in den Dienst der Gesellschaft stellen müssen? Beispielsweise eine Zeit lang in der Pflege oder bei der Feuerwehr arbeiten? Seit dem Ende von Wehrpflicht und Zivildienst im Jahr 2011 kommt die Diskussion darüber immer wieder auf. Jüngst hat sich auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Debatte darüber gewünscht. Im Allgäu erntet er für seinen Vorstoß Zustimmung, aber auch Kritik.

„Ich finde die Idee gut“, sagt Marianne Baur, Geschäftsführerin des Heinzelmannstifts in Kaufbeuren. Sie könnte sich vorstellen, dass einige junge Leute über einen Pflichtdienst den Weg in einen sozialen Beruf finden – so, wie es auch zu Zeiten des Zivildienstes der Fall war. „Unabhängig davon wächst man an der Erfahrung.“ Aktuell gibt es zwar die Möglichkeit, im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes oder eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) in der Einrichtung zu arbeiten, die Nachfrage sei aber überschaubar. „Es gibt Jahre, in denen sich niemand bewirbt“, sagt Marianne Baur.

Billiger Ersatz für Fachkräfte?

Christiane Blumrich von der Regionalstelle Kempten des Paritätischen Wohlfahrtsverbands dagegen sagt: „Wir beobachten im Allgäu ein anhaltend großes Interesse junger Leute, sich sozial und gesellschaftlich zu engagieren, sei es in Krankenhäusern, Altenheimen oder im pädagogischen Bereich.“

Einem Pflichtdienst steht der Verband generell kritisch gegenüber, stattdessen wirbt er für eine attraktive Ausgestaltung der Freiwilligendienste. „Die Vorstellung, ungelernte Kräfte könnten den Pflegenotstand in Deutschland mildern, unterschätzt die Anforderungen an die Arbeit der Pflegekräfte“, sagt Dr. Annette Firsching, Leiterin des Referats Freiwilligendienste beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern. Junge Menschen dürften nicht zum billigen Ersatz für fehlende Fachkräfte werden.

Bei der Feuerwehr in Füssen befürwortet man den Vorschlag

Bei der Feuerwehr in Füssen befürwortet man den Vorschlag. „Verkehrt fände ich das nicht“, sagt Kommandant Thomas Roth. Man brauche nach wie vor Kräfte und bringe den Jugendlichen so auch bei, welche Dinge für die Gesellschaft wichtig sind. „Und mancher bleibt danach vielleicht auch bei uns“, hofft Roth. „Jede Frau und jeder Mann bei der Feuerwehr, dem Rettungsdienst oder dem Technischen Hilfswerk tut gut.“

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Auch der Geschäftsführer der Sektion Allgäu-Kempten des Alpenvereins, Michael Turobin-Ort, sieht Vorteile: „Ich finde es grundsätzlich ganz gut, mein Zivildienst war für mich eine tolle Zeit.“ Es sei sinnvoll, etwas für die Gemeinschaft zu tun. „Manchmal braucht das vielleicht auch Druck.“ Auf eine Pflicht angewiesen ist man beim Alpenverein aber offenbar nicht. „Wir haben bisher keine Probleme, Freiwillige für ein FSJ zu finden.“ Die jungen Leute kämen auch ohne Zwang.

Lernen, was soziale Berufe ausmacht

Und was denken die jungen Menschen selbst? „Ich fände es gut, wenn jeder Eindrücke im sozialen Bereich sammeln müsste“, sagt Annalena Waßmann. Die 19-jährige Oberallgäuerin absolviert gerade ein FSJ bei „Körperbehinderte Allgäu“ und will im September eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin beginnen. „Ich könnte mir vorstellen, dass viele in den sozialen Bereich gehen würden, wenn sie sehen, was diese Berufe ausmacht.“ Eine ihrer Freundinnen wollte beispielsweise immer in die technische Richtung gehen – und habe sich nach einem FSJ nun für die Krankenpflege entschieden.

Leonie Vogler (20) aus Kempten sieht das anders. Eine Dienstpflicht sei ein gravierender Einschnitt in die Lebensgestaltung junger Menschen, warnt das Mitglied der Jungen Liberalen. Sie sei auch keine Lösung, um gegen Personalnot in sozialen Berufen vorzugehen. „Stattdessen sollten diese Berufe, genauso wie das FSJ oder der Bundesfreiwilligendienst, attraktiver gestaltet werden“, fordert sie. Dass die Debatte um ein soziales Jahr immer wieder entfacht werde, „macht sie weder besser noch sinnvoller“.

Lesen Sie auch: Wäre ein Pflichtdienst für junge Menschen eine Lösung? Unsere Autoren sind geteilter Meinung.

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