Wirtschaft

Strom- und Gaspreisbremse: Was bedeutet das für die Allgäuer Industrie?

Auch wenn die Geschäfte bei der Plansee Group – hier das Kemptener Ceratizit-Werk – derzeit gut laufen, macht sich die Geschäftsführung Sorgen wegen der hohen Energiekosten und der Inflation.

Auch wenn die Geschäfte bei der Plansee Group – hier das Kemptener Ceratizit-Werk – derzeit gut laufen, macht sich die Geschäftsführung Sorgen wegen der hohen Energiekosten und der Inflation.

Bild: Martina Diemand (Archiv)

Auch wenn die Geschäfte bei der Plansee Group – hier das Kemptener Ceratizit-Werk – derzeit gut laufen, macht sich die Geschäftsführung Sorgen wegen der hohen Energiekosten und der Inflation.

Bild: Martina Diemand (Archiv)

Wie die Allgäuer Wirtschaft auf die angekündigte Strom- und Gaspreisbremse der Bundesregierung reagiert und wo Firmen ihre Schmerzgrenze sehen.
30.09.2022 | Stand: 18:00 Uhr

„Heuer zahlen wir 190.000 Euro für Strom. Weil unser Liefervertrag aber Ende des Jahres ausläuft, wären es nach einem neuen Abschluss etwa 750.000 Euro pro Jahr – das würde meine Firma in den Ruin treiben“, sagt ein Allgäuer Unternehmer, der anonym bleiben möchte. Denn weder seine Mitarbeiter noch die Kunden des Familienbetriebs, der mit rund 50 Mitarbeitern vor allem Bauteile für die Industrie zuliefert, wissen etwas von der prekären Lage.

Hilft die jetzt von der Bundesregierung beschlossene Strom- und Gaspreisbremse?

„Das geht in die richtige Richtung“, reagiert der Firmenchef auf die Ankündigung der Ampel-Koalition vom Donnerstagabend. Dennoch dränge für ihn die Zeit. Sein Stromvertrag läuft Ende des Jahres aus, einen neuen hat er wegen der aktuellen Unsicherheiten noch nicht abgeschlossen. „Ich muss bald Klarheit haben, wer wann wie viel Unterstützung bekommt“, sagt er in Richtung Politik. Dann hätte er eine Planungssicherheit. Bis zu 400.000 Euro an Stromkosten könne er jährlich für die benötigten 1,2 Millionen Kilowattstunden stemmen, ohne größere Verluste zu schreiben, rechnet der Unternehmer vor. Die Mehrkosten an die Kunden weiterzugeben, sei nur bedingt möglich. „Die haben ja dieselben Probleme wie wir“, sagt der Allgäuer Firmenchef. „Ich habe große Angst, mein Unternehmen, das ich in der dritten Generation führe, vor die Wand zu fahren – und das unverschuldet und trotz voller Auftragsbücher.“

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Auch die Industrie- und Handelskammern als Interessenvertreter der Firmen hatten Alarm geschlagen: Von einer drohenden Pleitewelle war jüngst die Rede. Die angekündigten Maßnahmen der Regierung sieht Andrea Thoma-Böck, Regionalvorsitzende der IHK Memmingen-Unterallgäu, aber als „gutes Signal“. Es gebe jedoch noch viele Fragezeichen, was die konkrete Umsetzung angehe. Sie fordert ein schnelles und unbürokratisches Handeln: „Die Details dürfen nicht erst Ende Oktober feststehen – das wäre für viele Firmen zu spät.“ Sonst drohten Produktionsstillstände oder sogar Standortschließungen.

Bei einer aktuellen IHK-Umfrage kam heraus, dass 25 Prozent der Unternehmen ihr Geschäftsmodell gefährdet sehen. Ganz so dramatisch sieht es Björn Athmer nicht. Der Regionalgeschäftsführer der IHK Kempten-Oberallgäu spricht von vollen Auftragsbüchern, zudem hätten viele Firmen langfristige Energielieferverträge. Wenn die jedoch auslaufen, könne es kritisch werden. „Die Perspektive ist schlecht“, räumt Athmer ein.

Auch Vorstandssprecher Karlheinz Wex von der Plansee Group mit Sitz in Reutte (Tirol) mit weltweit 11.200 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von etwa zwei Milliarden Euro bereitet die aktuelle Lage sorgen. Das Unternehmen ist auf Hochleistungswerkstoffe spezialisiert. Zu seinen Tochterfirmen gehört der Hartmetallspezialist Ceratizit, der allein in Kempten zwei Standorte hat und am dritten baut. „Aktuell laufen die Geschäfte noch gut. Aber wir wissen nicht, wohin die Reise geht“, sagt der 57-Jährige und ergänzt: „Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der die Unsicherheit so groß war wie jetzt.“ Die drastisch gestiegenen Energiepreise und die hohe Inflation beträfen den gesamten mitteleuropäischen Raum. „Das ist in Deutschland nicht anders als in Österreich.“ Demgegenüber stünden die USA und China mit geringeren Energiekosten beziehungsweise niedrigerer Inflation als Wirtschaftsstandorte aktuell besser da.

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Franz Pasta, Werksleiter von Hawe Hydraulik mit 700 Mitarbeitern in Kaufbeuren, sagt: „Derzeit planen wir keinen Abbau von Arbeitsplätzen.“ Bisher sei man von Lieferschwierigkeiten weitestgehend verschont geblieben. Das erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit. Das Unternehmen stattet nach und nach seine Produktionshallen im Gewerbepark Kaufbeuren mit Photovoltaik-Anlagen zur Eigenstromerzeugung aus. „Es ist geplant, 25 Prozent des Eigenbedarfs des Werkes Kaufbeuren damit zu decken.“

„Wir sind nicht im Normal-, aber auch nicht im Panikmodus“, sagt Bernd Buhmann, Vorstand des IT-Unternehmens Idkom mit 70 Mitarbeitern in Kempten. Für die Rechenzentren der Firma werden etwa eine Million Kilowattstunden Strom pro Jahr benötigt. Bis Jahresende bestehe noch ein alter Liefervertrag mit einem Anbieter. Danach müsse neu verhandelt werden. Inwieweit die Strompreisbremse Entlastung bringt, werde sich erst noch zeigen: „Noch ist ja nichts konkret genannt worden.“ Kurzarbeit scheide für Idkom aus. „Entweder unsere Rechenzentren sind an oder aus.“ Sollten sie und die von anderen IT-Firmen nicht betrieben werden können, sei das „der Tod der Digitalisierung“ in Deutschland.

Die wichtigsten Nachrichten aus dem Allgäu, kommentiert von Redaktionsleiter Uli Hagemeier und seinem Team: Mit unserem "Weitblick"-Newsletter werden Sie einmal pro Woche schnell und kostenlos per E-Mail informiert. Abonnieren Sie den "Weitblick"-Newsletter hier.