Theater und Corona

Theaterregisseur im Interview: „Wir müssen nun improvisieren“

Hans Kalopp bei den Proben mit seiner Theatergruppe Wald - im Januar 2020, als dies noch möglich war.

Hans Kalopp bei den Proben mit seiner Theatergruppe Wald - im Januar 2020, als dies noch möglich war.

Bild: Alfred Michel

Hans Kalopp bei den Proben mit seiner Theatergruppe Wald - im Januar 2020, als dies noch möglich war.

Bild: Alfred Michel

Wie gehen Theatervereine mit der Corona-Krise um? Hans Kalopp, Regisseur im Ostallgäuer Dorf Wald, erzählt von Enttäuschungen, einer fast leeren Kasse - und neuen Ideen.
15.02.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Herr Kalopp, eigentlich wollten sie mit Ihrer Theatergruppe Wald an Ostern das Stück „Die wahre Geierwally“ aufführen. Doch Sie haben es schon abgesagt und die Vorstellung auf 2022 verschoben. Warum?

Hans Kalopp: Schon im Oktober war uns klar: Es wird um Ostern herum nichts werden. Man braucht ja nur eins und eins zusammenzuzählen! Und wir wollten nicht mehr in die selbe Bredouille kommen wie an Ostern 2020. Da haben wir zwei Wochen vor der Premiere alles abblasen müssen. Die Inszenierung der „wahren Geierwally“ ist viel zu aufwendig, als dass wir dies noch einmal erleben möchten.

War die Enttäuschung groß, als Sie das Stück letztes Jahr kurzfristig absagen mussten?

Kalopp: Sie war riesengroß. Wir hätten unser 110-jähriges Jubiläum mit etwas Besonderem, eben der „wahren Geierwally“ feiern wollen. Ein Wahnsinns-Stück mit einer Wahnsinns-Hauptrolle.

Wie wirkt sich die erzwungene Pause für Sie und die Walder Spieler aus?

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Mit wachsender Leidenschaft

Kalopp: Wir haben kaum noch persönliche Kontakte. Es fehlt alles, was uns verbindet: Gerade während der Proben und Aufführungen sind wir wie eine große Familie. Neulich sagte jemand: Mir fehlt auch der ganze Blödsinn, den man während der Probenarbeit macht.

Künftig in jedem Sommer Freilichttheater?

Stürzt die Zwangspause Sie und Ihre Mitspieler in eine Art Sinnkrise?

Kalopp: Nein, wir halten das gut aus. Weil wir wissen, dass wir wieder spielen werden. Außerdem überlegen wir, ob wir für den Sommer Open-Air-Aufführungen planen können und dazu etwas Neues einstudieren wollen. Dazu gibt es auch Überlegungen, wie eine Freilichtbühne realisiert werden könnte.

Hätte es dieses Sommertheater auch ohne Corona gegeben?

Kalopp: Nein, diese Idee ist aus der Corona-Krise heraus geboren. Aber vielleicht können wir künftig jeden Sommer Freilichttheater machen. Wir stehen noch am Anfang unserer Überlegungen und schauen jetzt, was aus der Idee wird.

Mit den Proben müssten Sie ja nach Ostern beginnen. Wird das klappen?

Kalopp: Ich bin der Meinung, dass wir in Coronazeiten völlig umdenken müssen. Alles, was wir bisher gemacht haben, funktioniert so nicht mehr – zumindest so lange wir mit Corona beschäftigt sind. Das heißt: Wir müssen improvisieren, spontan sein und ganz neue Wege gehen. Deshalb werde ich der Gruppe dann vorschlagen, was wir spontan und mit wenig Aufwand einstudieren könnten.

Ihre Leute ziehen bei dieser Idee mit?

Kalopp: Nicht alle. Aber wir haben das Glück, dass wir eine sehr große Truppe sind, etwa 35 Leute. Zudem haben wir vergangenes Jahr eine Jugendgruppe gegründet. Wenn es eine Freilichtbühne und Aufführungsmöglichkeiten im Sommer gibt, werden wir fragen, wer Lust zum Mitmachen hat. Dann legen wir los. Allerdings nur, wenn es die Corona-Auflagen zulassen.

Freilichttheater nur, wenn die Auflagen nicht zu hoch sind

Was meinen Sie damit genau?

Kalopp: Wenn wir viele und hohe Auflagen erfüllen müssten, dann lassen wir’s lieber. Wir machen keine Doktorarbeit daraus.

Wie beurteilen Sie und Ihre Spieler die Corona-Beschränkungen und Auftrittsverbote? Halten Sie sie für angemessen?

Kalopp: In der Spielerschaft gibt es viele verschiedene Meinung, und ich kann nur für mich sprechen. Ich selbst habe anfangs sehr bedauert, dass wir nicht spielen konnten, aber es war dann schnell klar: Es macht keinen Sinn. Als man im vergangenen Sommer unter Auflagen vor einer kleinen Zuschauerzahl spielen konnte, haben wir einen Konsens im Verein gehabt, dass wir das nicht tun. Weil das Feeling nicht rüberkommt. Wir Laien spielen ja nicht für Geld, sondern für Applaus. Wir brauchen die Reaktionen des Publikums. Ob die Corona-Maßnahmen gerechtfertigt sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich denke, wir sollten lieber vorsichtig sein.

Geht durch die Zwangspause die Kontinuität verloren? Oder sehen Sie sogar die Theatertradition in Wald in Gefahr?

Kalopp: Definitiv nein! Wir haben eine sehr rührige Gruppe. Viele sind heiß darauf zu spielen.

Fehlt Ihnen das Kulturleben generell?

Kalopp: Ja, total. Aber das fehlt nicht nur uns Akteuren, sondern auch dem Publikum.

Die Dorfkultur geht ohne Blaskapellen, Chöre und Theater verloren

Geht durch die Corona-Krise ein Stück weit die Dorfkultur verloren?

Kalopp: Ich glaube schon. Es gibt ja gar keine Veranstaltung mehr. Weder Blaskapellen, Chöre noch Theater dürfen auftreten. Da frage ich mich, ob die nach Corona alle wieder zurückkommen.

Haben bei Ihnen Theaterspieler aufgehört?

Kalopp: Nein, kein einziger.

Was machen Sie in dieser Zeit ohne Proben und Aufführungen?

Kalopp: Ich habe die Zeit genutzt und sehr viele Theaterstücke gelesen, um mir Anregungen zu holen, was wir in den nächsten Jahren spielen könnten. Da bin ich jetzt gut präpariert. Außerdem arbeite ich immer wieder an einem Musical, das wir in den nächsten Jahren aufführen wollen. Mir wird also nicht langweilig.

Schauen Sie sich Theaterstücke im Internet an – als Ersatz für das Live-Erlebnis?

Kalopp: Ich schaue mir Opern und Theaterstücke an, um mir Inspirationen zu holen, wie Profis Bühnenbilder gestalten und Rollen besetzen. Oder um zu sehen, wie sie Klassiker in die Moderne übertragen. Das mache ich aber nur, weil ich Regisseur bin; ansonsten interessiert mich das nicht so. Im Familienkreis schauen sich manche von uns eigene Aufführungen an, die wir auf Video haben.

Die Rücklagen sind aufgebraucht, die Kasse ist fast leer

Bringt die Zwangspause die Theatervereine in finanzielle Schwierigkeiten?

Kalopp: Ich weiß nicht, wie es bei anderen aussieht. Normalerweise haben wir sehr viele Kontakte zu anderen Gruppen, besuchen deren Aufführungen, tauschen uns aus. Aber die Kontakte sind jetzt total abgerissen.

Und wie sieht es in Wald aus?

Kalopp: Wir haben in den letzten Jahrzehnten immer vor mehr oder weniger vollem Haus gespielt und konnten deshalb Rücklagen bilden. Die haben wir jetzt aber aufgebraucht. Das liegt vor allem daran, dass wir die „wahre Geierwally“ im letzten Jahr wegen des Lockdowns nicht spielen konnten. Ich sehe uns zwar nicht in finanzieller Gefahr. Aber der Verlust ist enorm.

Können Sie ihn beziffern?

Kalopp: Für die Geierwally-Inszenierung haben wir rund 10 000 Euro ausgegeben. Einnahmen hatten wir wegen der Absage keine. Nur das Geld der Sponsoren blieb uns. Dies sowie die Rücklagen haben uns geholfen. Aber nun ist die Kasse weitgehend leer.