Kühe dicht an dicht

Tierskandal Bad Grönenbach: Heimlich gedrehtes Video aufgetaucht

Bad Grönenbach Bauernhof Polizei

Mehrere Großbetriebe im Allgäu waren vor etwa eineinhalb Jahren Schauplatz umfangreicher Polizeirazzien. Die Gerichtsverfahren gegen die Hauptverdächtigen stehen immer noch aus. Gegen einen Beschuldigten sind jetzt neue Vorwürfe bekannt geworden.

Bild: Ralf Lienert (Archivfoto)

Mehrere Großbetriebe im Allgäu waren vor etwa eineinhalb Jahren Schauplatz umfangreicher Polizeirazzien. Die Gerichtsverfahren gegen die Hauptverdächtigen stehen immer noch aus. Gegen einen Beschuldigten sind jetzt neue Vorwürfe bekannt geworden.

Bild: Ralf Lienert (Archivfoto)

Ein Video zeigt die beengten Zustände in Bad Grönenbacher Stall. Aufsichtsbehörde setzt Bauer Frist. Gegen den Landwirt wird seit 2019 ermittelt.
08.03.2021 | Stand: 19:53 Uhr

Über eineinhalb Jahre nach Bekanntwerden des Allgäuer Tierskandals sind es erneut Bilder aus Bad Grönenbach (Unterallgäu), die für Schlagzeilen sorgen. In einem Video ist ein offensichtlich überfüllter Stall zu sehen, in dem sich Rinder dicht an dicht drängen. Frigga Wirths, Tierärztin und Agrarwissenschaftlerin von der Akademie für Tierschutz in Neubiberg bei München , hat die Videoaufnahmen analysiert: „Das ist nicht artgerecht.“ Auch trächtiges Jungvieh, das kurz vor dem Abkalben ist, sei von den sehr beengten Verhältnissen betroffen. Wirths spricht von einer „Überbelegung“ des Gesamtbetriebs um 15 Prozent. Das heißt: Für 186 Tiere steht kein Liegeplatz zur Verfügung. Eine solche Liegebox sei eigentlich vorgeschrieben. Die Akademie, für die Wirths arbeitet, gehört zum Deutschen Tierschutzbund.

Pikant: Bei dem betroffenen Betrieb handelt es sich um einen von drei Höfen, gegen deren Betreiber bereits seit 2019 ermittelt wird. Damals sorgte der Tierskandal bundesweit für Schlagzeilen. Gedreht hat das jetzt veröffentlichte Video Philipp Hörmann von der Tierschutzorganisation „Black Hood“. „Ich habe die Aufnahmen nur vom öffentlichen Raum aus gemacht“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er habe also kein Privatgelände betreten und unmittelbar nach den Aufnahmen Behörden und Polizei verständigt.

Bad Grönenbacher Tierskandal: Betrieb sechsmal kontrolliert

Kontrolliert wird der Betrieb in Bad Grönenbach seit Juli 2020 von der bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit (KBLV). Sechs Mal hätten seitdem unangemeldete Kontrollen stattgefunden, sagt Behördensprecher Henning Brinkmann. Während die Anzahl der Tiere in dem Betrieb zunächst abgenommen habe, sei zuletzt eine Überbelegung von 15 Prozent festgestellt worden. Dem Landwirt wurde eine Frist bis Ende Februar eingeräumt, um den Rinderbestand zu reduzieren. Die ist mittlerweile abgelaufen, die Verhängung eines Bußgeldes daher wahrscheinlich. Dabei kann der geforderte Betrag pro Rind den Zeitwert einer Kuh durchaus überschreiten.

„Das Verhalten des Betriebs ist nicht hinnehmbar. Ich erwarte ein konsequentes Handeln durch die zuständigen Behörden“, sagte der bayerische Verbraucherschutz-Minister Thorsten Glauber (Freie Wähler) am Montag. Sein Ministerium verweist darauf, dass im Jahr 2018 insgesamt 90 neue Stellen für die KBLV geschaffen worden seien. Die Behörde kontrolliert „komplexe Betriebe“ mit Teams, zu denen beispielsweise Veterinäre und Agraringenieure gehören.

Nochmals 70 neue Stellen

Und im Zuge der aktuellen Tierschutz-Reform habe die Veterinärverwaltung nochmals 70 neue Stellen bekommen, sagt ein Ministeriumssprecher. Diese verteilten sich auf KBLV, Veterinärämter und Bezirksregierungen. Zudem wurde vor einigen Monaten eine KBLV-Außenstelle in Buchloe eröffnet. Doch vor Ort besteht offensichtlich immer noch Nachholbedarf. Für das Unterallgäuer Veterinäramt habe es noch „keine spürbare Entlastung“ gegeben, heißt es in einer Stellungnahme des dortigen Landratsamtes. Demnach bräuchte das Unterallgäu „mindestens acht Veterinäre“. Tatsächlich seien es aber nur sechs und zwei davon hätten noch nicht die vollständige Ausbildung absolviert.

Gutachten stehen noch aus

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Im Zuge des Allgäuer Tierskandals vom Sommer 2019 ermittelt die Memminger Staatsanwaltschaft immer noch gegen den jetzt erneut auffällig gewordenen Landwirt. Nach Angaben eines Sprechers der Ermittlungsbehörde stehen noch Gutachten aus. Demgegenüber sind die Ermittlungen gegen Verantwortliche von zwei weiteren landwirtschaftlichen Betrieben abgeschlossen. Wegen Tierquälerei müssen sich ein 63-jähriger Landwirt und ein 30 Jahre alter Bauer aus Bad Grönenbach sowie zwei weitere Landwirte (66 und 23 Jahre) verantworten. Ebenfalls Anklage erhoben hat die Staatsanwaltschaft gegen vier landwirtschaftliche Angestellte. Wann die Verfahren stattfinden, ist laut Landgerichtssprecher Ivo Holzinger noch unklar. Aber: „Wohl erst in der zweiten Jahreshälfte.“ Das hänge auch mit coronabedingten Verzögerungen zusammen.

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