Artenvielfalt in den Bergen

Unglaubliche Zahl! So viele Tiere- und Pflanzenarten leben auf dem Einödsberg in Oberstdorf

Bunte Vielfalt herrscht am Einödsberg.

Bunte Vielfalt herrscht am Einödsberg.

Bild: Schuhwerk

Bunte Vielfalt herrscht am Einödsberg.

Bild: Schuhwerk

Was glauben Sie, wieviele Tier- und Pflanzenarten auf einem Berg im Allgäu leben? So um die 100? Weit gefehlt. Zumindest am Einödsberg in Oberstdorf.
20.09.2020 | Stand: 07:12 Uhr

Der Einödsberg bei Oberstdorf hat die Menschen seit jeher fasziniert. Davon zeugen Sagen früherer Generationen und die Erzählungen all jener, die an diesem besonderen Blumenberg arbeiteten oder ihn als Wanderer besuchten.

Auch die Wissenschaft staunt über diesen Berg. Denn er ist ein Beispiel für verblüffende Artenvielfalt.

An diesem Berg leben sage und schreibe 1.271 Arten!

647 Gefäßpflanzenarten und 624 Tierarten.

Der Gratrücken des Einödsbergs hebt sich mit seinem sanften grün von vielen anderen Bergen ab.
Der Gratrücken des Einödsbergs hebt sich mit seinem sanften grün von vielen anderen Bergen ab.
Bild: Hubert Hoefer

Das ergaben mehrjährige Untersuchungen im Rahmen des interdisziplinären "Projekts Einödsberg". Beteiligt waren Botaniker der Arbeitsgemeinschaft Vegetation der Alpen (AVEGA) sowie Zoologen vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe (SMNK) und dem Büro Arten-Biotope-Landschaften in Freiburg und Naturschützer vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV).

Die Liste reicht von der Wühlmaus bis zum Rothirsch, von der Kreuzotter bis zum Steinadler, um ein paar bekannte Wirbeltiere herauszugreifen. Die meisten Tierarten am Einödsberg - nämlich den "Wirbellosen" - dürfte indes kaum einer jemals gehört haben. Außer Ihnen sagt eine Hornmilbe namens Brachychothoniidae oder ein Schmetterling mit dem schönen Namen Augentrost-Kapselspanner etwas...

Auch Blumenfreunde dürften an die Grenze ihres Wissens kommen: Alpen-Fettkraut, Nesselblättriger Ehrenpreis oder Gestielter Kronenlattich wachsen nun auch nicht gerade in jedem Garten.

Auf dem Einödsberg dagegen ist für alle Platz. Zwischen 2003-2008 nahmen die Wissenschaftler die Tier- und Pflanzenwelt auf dem 100 Hektar großen Gebiet der Einödsberg Alpe in Augenschein; ihre Ergebnisse sind hier für die Öffentlichkeit dokumentiert.

Das beweidete Gebiet der Alpe Einödsbach reicht östlich bis zum Grat vom Schmalhorn (1952 m) im Norden und Wildengundkopf (2238 m) im Süden. Von diesem Gratrücken ziehen sich die beweideten steilen Grasflanken abwärts nach Westen zur nördlich gelegenen Vorderen Einödsberg-Alpe (1647 m) bzw. zur südlichen Hinteren Einödsberg-Alpe (1555 m).

Selbst die erfahrenen Experten bewerten das Ergebnis als „beeindruckende Zahl.“ Mit dieser war nicht unbedingt zu rechnen. Denn bis 1999 war der Einödsberg jahrzehntelang von einem Schäfer mit weit über 1000 Schafen bewirtschaftet worden. "Die langjährige intensive Beweidung hat sicher die Artenzahlt im Gebiet und einige Arten in ihrer Häufigkeit negativ beeinflusst", sagt Diplom-Biologe Dr. Hubert Höfer vom Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe.

120 Jungrinder grasen im Sommer auf Einödsberg Alpe.
120 Jungrinder grasen im Sommer auf Einödsberg Alpe.
Bild: Schuhwerk

Um das Jahr 2000 herum kam es jedoch zu einem Wandel am Einödsberg. Der neue Eigentümer Manfred Kurrle setzte wieder auf klassischen Alpbetrieb mit Jungrindern. Und das ist bis heute so geblieben. Derzeit werden etwa 120 Tiere von Alphirten Patrick Schuster betreut. Zu "Schafszeiten" war es fast zehn Mal so viele.

Der Einödsberg auf dem Gebiet der von Manfred Kurrle gegründeten Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen ist längst wieder jener prächtige Blumenberg, für den er schon in früheren Generationen bekannt war. "Die kontrollierte Beweidung stellt ein geeignetes Mittel dar, um eine zunehmende Verbuschung durch Grünerlen zu verhindern und ein Mosaik verschiedener Vegetationstypen, Störungsintensitäten und Kleinshabitate als Grundlage einer hohen Artenvielfalt zu erhalten", sagt Dr. Höfer.

Für den Experten ist klar, dass alle Arten einen funktionellen Wert im Ökosystem und die allermeisten auch für den Menschen haben. "Artenreiche Systeme sind gegen Veränderungen besser gepuffert und reaktionsfähig." So gesehen dürfte der Einödsberg bestens gerüstet sein für die Zukunft.