Fischen

Urlauber stören die meisten Allgäuer nicht

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Bild: Ulrich Weigel

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Sind es zu viele Urlauber im Allgäu oder geht noch was? Ein gern genutztes Schlagwort ist der „Overtourism“, ein Begriff für das Konfliktpotenzial zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen. Die gute Nachricht: Touristen sind für die meisten Allgäuer kein Störfaktor. Das vermittelt eine Studie, die Professor Alfred Bauer (Hochschule Kempten) bei einer Podiumsdiskussion der Grünen in Fischen vorstellte: Nur acht Prozent fühlen sich durch Touristen gestört, knapp 74 Prozent nicht.

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Von Ulrich Weigel
30.05.2019 | Stand: 15:28 Uhr

Dazu wurden bis Mitte Mai 1854 Allgäuer befragt – laut Bauer eine repräsentative Umfrage, bei der sich die Antworten in den verschiedenen Regionen nicht groß unterscheiden. Allerdings sagt knapp ein Viertel der Befragten auch: „Wir brauchen nicht mehr Touristen.“ Für Bauer ist es daher eine wichtige Frage, wie man damit umgeht, damit sich Touristen und Einheimische noch wohlfühlen. „Das brennendste Thema für die Zukunft ist der Verkehr.“ Und: „Jeder, der im Allgäu lebt, ist selbst Ausflügler“, sagt Sybille Wiedenmann, Geschäftsführerin der Pro Allgäu GmbH, dem Zusammenschluss der Allgäu-Tophotels.

Auch wenn der Begriff Overtourism gerade populär sei, sehen Experten wie Bauer und Bernhard Joachim (Allgäu GmbH) eine Urlauberflut im Allgäu höchstens in Einzelbereichen. Bauer: „Seien sie froh, dass Schloss Neuschwanstein nicht in Oberstdorf steht.“ Der Philosoph und Bergführer Professor Jens Badura (Ramsau) sagt, der Begriff Overtourism sei ein Mülleimer für alles mögliche, in den jetzt die „gesammelte, gewachsene Unzufriedenheit reingespiegelt“ werde. Badura sagt aber auch, dass es zu wenig Austausch mit Bürgern gab. Man müsse fragen, wie sie leben wollen. Ähnlich Bauer: „Wenn sie sich hier wohlfühlen, fühlen sich die anderen auch wohl.“

Hotelier Jürnjakob Reisigl aus Oberstdorf verneint einen Über-Tourismus, sieht höchstens „punktuell schlecht gesteuerten Massentourismus“. Doch wie steuert man Touristen? Zum Beispiel über Preise und Nebenzeiten, sagt Bauer. Besucherlenkung ist für Bernhard Joachim ein Zauberwort. Nur: „Einheimische lassen sich nicht lenken.“

Das Reden vom sanften Tourismus stoße da an Grenzen, wo ihn alle wollen, findet Professor Badura. Warum? „Sanfter Tourismus ist extensiv, ist also viel stärker rauminvasiv.“ Badura: „Also ist eigentlich der, der lieber allein für sich ist, das Problem.“ Er rät, die „Stakeholder“ (örtliche Akteure und Interessenvertreter) in die Pflicht zu nehmen. Man müsse Besucher lenken, mancherorts vielleicht die Frequenz senken oder auch mal ein Gebiet sperren. Für ihn sind die Sorgen der Alpbauern wichtig: „Wenn wir wollen, dass die Almwirtschaft Bestand hat, müssen wir sie ernst nehmen.“

Auch Grünen-Landtagsabgeordneter Thomas Gehring (Blaichach) fordert, mit den Menschen in Dialog zu treten und mehr zu hinterfragen. Kommunalpolitiker sollten intensiv diskutieren, wo sie mit dem Tourismus hinwollen.

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Kulturphilosoph Badura bringt noch einen Gedanken ins Spiel: „Schlagbilder“ nennt er die Motive, mit denen die Werbung das Bild der Berge beeinflusst und bei Menschen Erwartungen auslöst, die sie dann befriedigen wollen. Mit einer Bildsprache, die sich wenig von Gemälden unterscheidet, wie sie etwa der 1840 gestorbene Maler Caspar David Friedrich schuf. Vielleicht sollte eine Tourismusregion gut überlegen, mit welchen Bildern und Aussagen sie in Zukunft arbeiten will. Ein Beispiel: Den Drang von immer mehr Menschen, wild zu zelten (Probleme gibt es nicht nur am Schrecksee) verknüpft Badura mit entsprechenden Fotos von Outdoor-Ausrüstern und alpinen Vereinen.

Stichwort Großprojekte, und dabei als Beispiel Bergbahn-Baupläne: Joachim betont, dass es sich um keine neuen Bahnen handle. Die Unternehmen investierten in Qualität, damit Gäste beispielsweise nicht wie Fliegen in einer Großkabine kleben, sondern Fahrt und Sicht genießen können. Einwurf von Gehring: „Aber eine neue Erlebnislandschaft am Grünten braucht’s nicht. Der Grünten ist Erlebnis genug.“ Joachim kontert: „Der Grünten ist erschlossen.“ Lieber erneuere man dort die Anlagen, als anderswo zusätzlich zu bauen. „Qualität bringt Wertschöpfung.“

Wiedenmann betont, dass man Angebote für Ganzjahrestourismus benötige. Aber sie fordert, „auch anders zu denken, was Menschen brauchen“. Man müsse nicht wie alle immer mehr Erlebnisparks bauen, sondern benötige beispielsweise auch Angebote, um „Menschen mit Bauern zusammenzubringen.“