Verkehrssicherheit vor Allgäuer Schulen

Kaum zu glauben: Die meisten Gefahren vor Schulen verursachen die Eltern der Schüler

Aktion Sicherer Schulweg in Neugablonz

Vor der Adalbert-Stifter-Grundschule in Kaufbeuren und vielen anderen Allgäuer Schulen entstehen immer wieder gefährliche Situationen. Verursacher sind oft die Eltern der Schüler.

Bild: Matthias Becker

Vor der Adalbert-Stifter-Grundschule in Kaufbeuren und vielen anderen Allgäuer Schulen entstehen immer wieder gefährliche Situationen. Verursacher sind oft die Eltern der Schüler.

Bild: Matthias Becker

Viele bringen ihre Kinder so nahe ans Klassenzimmer wie möglich oder parken im Halteverbot. Wie die Polizei mithilfe zweier Schülerinnen dagegen angeht.
20.09.2021 | Stand: 19:08 Uhr

„Hier ist absolutes Halteverbot. Und absolut heißt absolut. Ich verwarne Sie heute mündlich, beim nächsten Mal gibt es ein Verwarnungsgeld“: Belehrungen wie diese sind vor der Adalbert-Stifter-Grundschule in Kaufbeuren keine Seltenheit. Und nicht nur dort. „95 Prozent der Gefahren vor Schulen verursachen die Eltern selbst“, sagt Verkehrserzieherin Christine Hoffmann. Sie parkten so nahe am Klassenzimmer wie irgend möglich und würden damit zum Sichthindernis für die Schüler und andere Autofahrer. Alessia (7) und Stella (8) verteilen an diesem Montag deswegen Zettel an die Erwachsenen: Ein aufgedrucktes gelbes, lachendes Gesicht und ein Bonbon bekommt, wer sich an die Verkehrsregeln hält. Die anderen werden mit einem finsterschauenden roten Gesicht auf ihr Fehlverhalten hingewiesen.

„Wer alles richtig macht, macht das hoffentlich auch in Zukunft so. Und wer falsch parkt oder zu schnell fährt, lernt vielleicht etwas daraus“, erklärt Stella die von der Polizei organisierte Aktion. Diese will dadurch auf die Gefahren durch „Elterntaxis“ aufmerksam machen. „Am besten ist es, wenn die Kinder zu Fuß kommen“, sagt Hoffmann. Und zwar nicht nur wegen der Verkehrssicherheit, sondern auch, weil die Kleinen so die Möglichkeit hätten, den Kopf frei zu bekommen. „Wenn es nötig ist, dass sie mit dem Auto gebracht werden, dann sollten die Eltern 100 bis 200 Meter entfernt parken.“

Ermahnungen haben geringe Halbwertszeit

So hält es auch die Elternbeiratsvorsitzende Giovanna Lorrai: „Vor der Schule kommt es oft zu gefährlichen Situationen. Gerade in der dunklen Jahreszeit sieht man die Kinder zwischen den vielen Autos kaum.“ Sie wünscht sich, dass eine Ampel den Verkehr regelt. Wie unübersichtlich die Situation oft ist, weiß auch Schulleiter Daniel Nowak: „Die Kinder stehen versteckt zwischen den Fahrzeugen und überqueren dann die Straße, teilweise an der Hand der Eltern – und das, obwohl es auch einen Zebrastreifen gibt.“ Nowak schlägt vor, dass eine aktuell bestehende Halteverbotszone in einiger Entfernung von der Schule aufgehoben wird. „Dann könnten die Eltern dort anhalten, das würde alles etwas entzerren.“ Denn Appelle gebe es zwar immer wieder, „die haben aber nur eine gewisse Halbwertszeit“. Verkehrssachbearbeiter Stefan Horend von der Polizei kann das nur bestätigen: „Ermahnungen wirken meist nur wenige Wochen nach, manchmal länger – vor allem, wenn die Eltern zahlen mussten.“ Neben Parken im Halteverbot oder zu schnellem Fahren passiere es auch immer wieder, dass die Grundschüler in den Fahrzeugen nicht richtig gesichert sind. „Es kommt relativ oft vor, dass es keinen Kindersitz gibt oder der Nachwuchs nicht angeschnallt ist“, sagt Horend.

Stella (links) und Alessia verteilen Zettel an Schüler und Eltern. Je nachdem, ob sie sich an die Regeln halten, gibt es ein fröhliches oder böses Gesicht.
Stella (links) und Alessia verteilen Zettel an Schüler und Eltern. Je nachdem, ob sie sich an die Regeln halten, gibt es ein fröhliches oder böses Gesicht.
Bild: Matthias Becker

Darüber muss sich Alessia keine Sorgen machen: Die Achtjährige kommt zu Fuß zur Schule. „Wir sind etwa 15 Minuten unterwegs, das ist viel angenehmer, als ständig einen Parkplatz suchen zu müssen“, sagt Alessias Mutter Jasmin Medwed, während ihre Tochter weiter fleißig Zettel verteilt. Die meisten bekommen an diesem Tag ein Papier mit einem gelbem Gesicht. „Danke, dass du auf mich aufpasst“ oder „Schön, dass du zu Fuß zur Schule kommst!“, ist darauf zu lesen. Der Zettel mit dem roten Gesicht und der Aufschrift „Bitte passe auf mich auf! So kann mich niemand sehen“ wird nur selten verteilt – was vermutlich auch damit zu tun hat, dass die Polizei sehr präsent ist.

Trotzdem bleiben hin und wieder Autos im Halteverbot stehen oder fahren auf den Lehrerparkplatz. „Nur ganz kurz“, sagt ein Mann zu seiner Entschuldigung. Das hören die Beamten häufig. „Viele wissen, dass sie etwas falsch machen und haben direkt eine Ausrede parat“, sagt Verkehrserzieherin Hoffmann. Manche reagierten aber auch aggressiv, wenn man sie auf ihre Fehler hinweise. Gerade in der Früh, wenn es hektisch zugeht, hätten nicht alle Verständnis. An diesem Montag jedoch sind die meisten positiv gestimmt. „Das ist wirklich eine coole Aktion“, findet Vater Michael Prinzing. Und auch Alessia, Stella und die Polizisten sind zufrieden. „Ich hoffe, dass wir ein Bewusstsein für das Problem schaffen konnten“, sagt Hoffmann.

Über 40 Schulwegunfälle

  • Im Jahr 2020 wurden im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West insgesamt 44 Schulwegunfälle registriert. Sieben Personen wurden dabei schwer verletzt, 38 erlitten leichte Verletzungen.
  • Im Vergleich zu 2019 ging die Zahl der Unfälle um 23 Prozent zurück – auch, weil viele Kinder wegen Corona von zuhause aus lernten und generell weniger Verkehrsteilnehmer auf den Straßen unterwegs waren.
  • Wer im Halteverbot parkt, muss laut Polizeisprecher Dominic Geißler mit einer Geldbuße ab 15 Euro rechnen.
  • Sind die Eltern nicht angeschnallt, kostet das 30 Euro.
  • Sind Kinder nicht angeschnallt, schlägt das mit 70 Euro zu Buche.
  • Gibt es für den Nachwuchs keinen entsprechenden Kindersitz, werden 30 Euro fällig.
  • Werden Kinder gefährdet und kommt es zu einem Beinahe-Unfall, muss der Autofahrer 80 Euro zahlen. Wird ein Kind tatsächlich verletzt, kostet das 100 Euro.

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