Wirtschaft

„Volle Auftragsbücher sind Gift für das Handwerk im Allgäu“

Silicon Allgäu - Digitale Macher im Handwerk

Digitalisierung im Handwerk: Wenn der Kunde eine sogenannte VR-Brille aufsetzt, kann er sehen, wie etwa seine geplante Küche später tatsächlich wirkt. Im Hintergrund (von links) Rolf Grummel, Matthias Brack, Christian Müller und Hans-Peter Rauch, die an einer Podiumsdiskussion teilnahmen.

Bild: Matthias Becker

Digitalisierung im Handwerk: Wenn der Kunde eine sogenannte VR-Brille aufsetzt, kann er sehen, wie etwa seine geplante Küche später tatsächlich wirkt. Im Hintergrund (von links) Rolf Grummel, Matthias Brack, Christian Müller und Hans-Peter Rauch, die an einer Podiumsdiskussion teilnahmen.

Bild: Matthias Becker

Die Branche braucht digitale Macher. Ein Experte fürchtet: Wer viel arbeitet, hat wenig Zeit für Veränderungen. Über Chancen und Risiken der Digitalisierung.
28.10.2021 | Stand: 11:45 Uhr

75 Jahre hat es gedauert, bis 100 Millionen Menschen ein Telefon hatten. Beim Smartphone sah es da schon anders aus: Die Geräte hätten in knapp acht Jahren die Welt erobert, sagt Matthias Brack. Der Geschäftsführer von Brack Wintergarten in Altusried (Oberallgäu) ist ein Vorreiter, wenn es um Digitalisierung im Handwerk geht: „Veränderungen passieren schnell, ob wir wollen oder nicht.“ Um die Zukunft nicht zu verschlafen, müsse sich die Branche auf neue Wege einlassen. Welche Chancen und Risiken die Digitalisierung für das Handwerk birgt, darum ging es im Oberallgäuer Dietmannsried bei der Veranstaltungsreihe „Silicon Allgäu“ der Allgäuer Zeitung. Die Reihe bringt als analoge Plattform digitale Macher und Zweifler zusammen. Partner bei der Veranstaltung waren die Handwerkskammer (HWK) für Schwaben und das La Casa, unter dessen Dach sich acht Handwerksbetriebe zusammengeschlossen haben.

Einen Blick von außen auf die derzeitige Situation warf Christian Müller. Der Online-Marketing-Experte hat kürzlich einen Ferienhof renoviert und dabei Erfahrungen mit verschiedenen Handwerkern gesammelt. „In den Angeboten steht immer viel drin, aber als Bauherr kann man sich darunter nur selten etwas vorstellen“, sagte er in seinem Impulsvortrag. „Am Ende kauft man die Katze im Sack.“ Dabei gebe es bereits die technischen Möglichkeiten, um die Kunden konkreter in die Planung einzubeziehen.

Online-Plattformen als Konkurrenz

Brack ging es in seinem Vortrag vor allem darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig Digitalisierung sei. „Volle Auftragsbücher sind Gift für das Handwerk“, sagte er. Wer viel Arbeit habe, komme kaum dazu, Veränderungen anzupacken. „Wenn es wieder ruhiger wird, merkt manch einer zu spät, dass er überholt wurde.“ Dabei spielte er vor allem auf Online-Plattformen an, die den Kunden unkomplizierte Lösungen versprechen. „Dort werden die Prozesse vorangetrieben, für die das Handwerk aktuell keine Zeit hat.“ Ähnlich sieht es Schreinermeister Tobias Kiesel aus Niedersonthofen (Kreis Oberallgäu), der die Veranstaltung besuchte: „Große Möbelhäuser bieten auf ihren Homepages schon Möglichkeiten für individuelle Planungen an, da müssen wir aufholen. Das ist unsere Stärke – in besserer Qualität.“

Der Unterallgäuer Elektromeister Thomas Link dagegen zeigte sich am Ende des Abends skeptisch: „Digitalisierung im Handwerk gibt es nicht“, sagte er. Reparaturen müsse am Ende immer ein Mensch durchführen. Bei Marketing oder Planung könne digitales Arbeiten jedoch sinnvoll sein: „Das ist für große Betriebe aber leichter als für kleine.“ Er wünscht sich dabei mehr Unterstützung von der Handwerkskammer.

Beratung von der Handwerkskammer

Die wiederum verweist auf viele Angebote. „Die Beratung muss individuell sein“, betonte Knuth Ensenmeier, Beauftragter für Innovation und Technologie bei der HWK Schwaben. Die Kammer unterstütze Betriebe in jeglicher Hinsicht, sei es bei ihrem digitalen Auftritt oder neuen Techniken. Eines der Probleme benannte Handwerkskammer-Präsident Hans-Peter Rauch bei der abschließenden Podiumsdiskussion, die AZ-Redaktionschef Uli Hagemeier moderierte: „Wir haben viele Hilfsangebote, aber diese kommen anscheinend nicht immer bei der Basis an.“ Zudem ließen sich viele erst beraten „wenn es schon brennt“, sagte Rauch.

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Diskutiert wurde auch über das Online-Marketing. Denn das ist laut Experte Christian Müller nicht nur wichtig, um Kunden zu gewinnen, sondern beispielsweise auch, um Mitarbeiter anzuwerben. Auf die Frage von Hagemeier, was er jenen raten würde, die beim Online-Marketing erste Schritte gehen, antwortete Geschäftsführer Rolf Grummel von der Allgäuer Zeitung: „Man sollte nicht einfach drauflosrennen, denn so kann man extrem viel Geld versenken. Es braucht eine klare Idee oder jemanden, der einen an die Hand nimmt.“

Bessere Bindung zum Kunden

Eine Gefahr, dass die Bindung zu den Kunden durch die Digitalisierung verloren gehen könnte, sieht Matthias Brack nicht. „Sie könnte sogar enger werden“, sagte er. Zum Beispiel, weil man den Interessenten mittels einer sogenannten VR-Brille zeigen könne, wie ihr gewünschtes Produkt später tatsächlich aussieht.

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