Pflegesätze steigen und steigen

Warum Pflegeheime im Allgäu immer teurer werden

Kempten Pflege

Die Pflegesätze in Seniorenheimen im gesamten Allgäu sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen.

Bild: Symbolfoto: Ralf Lienert

Die Pflegesätze in Seniorenheimen im gesamten Allgäu sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen.

Bild: Symbolfoto: Ralf Lienert

Pflegesätze in Allgäuer Seniorenheimen steigen jährlich - monatliche Eigenanteile erhöhen sich um bis zu 300 Euro. Warum es dafür aktuell keine Lösung gibt.
25.10.2021 | Stand: 18:56 Uhr

Pflegeheime im Allgäu werden immer teurer: So wurden in Seniorenheimen im Unter- und Ostallgäu, deren Träger die Landkreise sind, die Sätze in den vergangenen Jahren kräftig angehoben. Und in manchen Einrichtungen stehen schon die nächsten Erhöhungen an. Auch in den Heimen des AllgäuStifts unter anderem im Ober- und Westallgäu steigen die Preise weiter.

„Der Dreh- und Angelpunkt sind immer die Mitarbeiter“, sagt Yvonne Spöcker, Geschäftsführerin des AllgäuStifts, zu dem mehrere Gesundheits- und Pflegezentren in der gesamten Region gehören. Denn 75 Prozent des gesamten Ausgabenbudgets eines Heims machten die Personalkosten aus. Ara Gharakhanian, Leiter der drei Unterallgäuer Kreis-Seniorenheime, spricht sogar von 85 Prozent.

Pflegekräfte verdienen mehr - "diese Kosten muss natürlich irgendwer tragen"

Die Vergütung sei in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. „Pflegefachkräfte verdienen jetzt im Schnitt 30 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren“, sagt Spöcker. „Und diese Kosten muss natürlich irgendwer tragen.“ In diesem Fall der Kunde, sagt die Geschäftsführerin – also die Bewohner und ihre Angehörigen.

„Um die steigenden Ausgaben finanzieren zu können, ist eine jährliche Verhandlung und Erhöhung der Pflegesätze üblich“, sagt Stefan Leonhart, Pressesprecher des Ostallgäuer Landratsamtes. Im Unterallgäu werden die Sätze in den Kreis-Seniorenheimen laut Gharakhanian ebenfalls jährlich angehoben.

Hinzu kamen seit 2018 Ausbildungsumlagen und am Standort Türkheim höhere Anteile durch Millioneninvestitionen in „die Gebäude-Infrastruktur“, sagt Gharakhanian. Deshalb stiegen die Eigenanteile zwischen 24 und 37 Prozent. (Lesen Sie auch: Das sind die Pflege-Beratungsstellen im Allgäu - "Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt")

Pflege im Allgäu: Monatliche Kosten erhöhen sich ordentlich

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Entsprechend erhöhten sich die Kosten um bis zu 200 Euro pro Monat. In den Wohnheimen des AllgäuStifts wurden die Eigenanteile allein vergangenes Jahr um 300 Euro erhöht. „Das ist schon ordentlich“, sagt Spöcker. So liegt laut Leonhart die Bewohnerbeteiligung für ein Doppelzimmer im Seniorenheim Buchloe derzeit bei monatlich 2528 Euro. Ähnlich hoch ist der Anteil in Obergünzburg. Im Marienpark in Kempten, das zum AllgäuStift gehört, bezahlen Bewohner im Schnitt 2624 Euro.

Die Pflegesätze werden aber nicht von den Heimen allein festgesetzt, sagt Spöcker. Tarifverträge oder „Arbeitsvertragsrichtlinien“, die je nach Träger des Heims ein wenig voneinander abweichen, legen den Verdienst für Fachkräfte fest. Kostenträger – also Pflegekassen und Sozialhilfeträger – verhandeln anhand dessen über die Pflegekosten. Strom, Lebensmittel und Wasser machen laut Spöcker nur 25 Prozent der laufenden Ausgaben eines Heims aus. „Die große Stellschraube der Kostenentwicklung ist daher der Verdienst der Mitarbeiter.“

Ruf nach besserer Vergütung für Pflegekräfte: Das ist die Konsequenz

Der Ruf nach besserer Vergütung für das Pflegepersonal sei richtig und wichtig, sagt Spöcker: „Es braucht eine angemessene Bezahlung.“ Dass die Konsequenz aber steigende Pflegesätze sind, sei vielen nicht bewusst. „Das ist das Dilemma, in dem die Pflege aktuell steckt.“ Laut Leonhart soll ein Gesetz Erleichterungen bringen: Ab 2022 werde den Bewohnern ein Teil der Kosten erstattet: Je länger die Senioren im Heim leben, desto höher ist der Prozentsatz, um den der sogenannte pflegebedingte Aufwand minimiert wird. „Das ist keine Pflegereform, sondern nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt jedoch Gharakhanian.

Spöcker fordert stattdessen eine „Komplettreformierung“ der Pflegebranche. „Der Beruf muss attraktiver werden“ sagt die AllgäuStift-Leiterin. „Auch hinsichtlich vieler unnötiger, ja fast unsinniger Bürokratie.“ Mittlerweile liege der durchschnittliche Verdienst einer Pflegefachkraft im AllgäuStift bei 3800 Euro brutto plus Zeitzulagen, sagt Spöcker.

Doch obwohl das Gehalt in den vergangenen vier Jahren gestiegen sei, sei der Fachkräftemangel nicht kleiner geworden – ganz im Gegenteil: „Nur mehr Geld ist also keine Lösung“. (Lesen Sie auch: Kempten arbeitet an neuer Pflege-Webseite, die umfassend informieren soll)

Aktuell seien ihre Mitarbeiter die Hälfte der Arbeitszeit mit „Papierkram“ beschäftigt, moniert Spöcker. Dabei wollten Pflegerinnen und Pfleger mit Menschen arbeiten. Bei der vielen Büroarbeit gehe jedoch den meisten der Spaß am Beruf verloren. „Wir müssen diese Dokumentationsarbeiten und die ganze Bürokratie auf das notwendige und sinnvolle Maß reduzieren.“

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