In eigener Sache

Warum unsere Redaktion künftig (sanft) gendert

Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärt, wieso die Redaktionen der Allgäuer Zeitung und Augsburger Allgemeinen künftig sanft gendern.

Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärt, wieso die Redaktionen der Allgäuer Zeitung und Augsburger Allgemeinen künftig sanft gendern.

Bild: Doreen Garud, dpa

Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärt, wieso die Redaktionen der Allgäuer Zeitung und Augsburger Allgemeinen künftig sanft gendern.

Bild: Doreen Garud, dpa

Unsere Redaktion gendert nun. Chefredakteur Gregor Peter Schmitz erklärt, was das bedeutet.
19.07.2021 | Stand: 05:27 Uhr

Woran denken Sie, wenn in einem Bericht von zwei Polizisten die Rede ist? An Männer? Oder an männliche und weibliche Einsatzkräfte? Wenn Sie beim Lesen Männer vor Augen haben, dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. Sie verbinden mit dem generischen Maskulinum eher männliche Wesen in Uniform. Das zeigen zahlreiche Studien. Kein Wunder also, dass sich Frauen im besten Fall nur mitgemeint fühlen.

Untersuchungen belegen die Folgen rein männlicher Bezeichnungen: Frauen werden beispielsweise als nicht so relevant wie Männer wahrgenommen. Die Freie UniversitätBerlin hat nachgewiesen: Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden, also sowohl die männliche als auch die weibliche Form genannt wird, schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich eher zu, diese zu ergreifen. (Lesen Sie auch: Mädchen und Geschlechterklischees: Mehr als eine Prinzessin)

Sprache bildet nicht nur die Wirklichkeit ab, sie schafft immer auch Realitäten. Wir Journalistinnen und Journalisten haben in dieser Frage eine große Verantwortung – und halten es für unsere Pflicht, Texte so zu formulieren, dass sich alle Leserinnen und Leser angesprochen fühlen. Unsere Redaktion hat deshalb Vorgaben für gendergerechte Sprache erarbeitet. Diese gelten von heute an.

Uns ist klar, dass dieses Thema polarisiert. Eine Mehrheit der Deutschen lehnt Gender-Sternchen, Doppelpunkt und Binnen-I laut Umfragen ab. Der CDU-Politiker Friedrich Merz hat sogar laut über ein Verbot nachgedacht. Unsere Redaktion hat in den vergangenen Monaten deshalb intensiv diskutiert, was diskriminierungssensible Berichterstattung für uns bedeutet und wie wir sie in unsere Arbeit integrieren können – behutsam, denn Sprache ist historisch gewachsen und verändert sich nicht sprunghaft. Aber sie verändert sich.

Lesen Sie gerne in den folgenden Absätzen und , wie unsere Diskussionen verliefen und wie wir künftig schreiben werden. Und schreiben Sie mir gerne, was Sie dazu denken.

Was verändert sich ab heute?

Die Redaktionen der Augsburger Allgemeinen und der Allgäuer Zeitung sowie ihrer Heimatausgaben versuchen, ihre Texte geschlechtergerechter zu schreiben und auf das generische Maskulinum zu verzichten. Das heißt: Eine geschlechtergemixte Gruppe von Menschen wird nicht mehr nur durch die maskuline Pluralform bezeichnet, sondern es wird ebenfalls die feminine Form oder einfach eine neutrale Bezeichnung genannt. Wenn es künftig in Texten etwa um Schulen geht, soll dann nicht mehr nur von Lehrern die Rede sein, sondern es werden Doppelnennungen wie „Lehrerinnen und Lehrer“ verwendet oder neutrale Synonyme wie „Lehrkräfte“. Wenn der Platz knapp ist, etwa in Überschriften, bemühen sich die Journalistinnen und Journalisten um sprachliche Alternativen, schließen das generische Maskulinum aber nicht aus.

Wie ist das bei Aufzählungen?

Weil aneinandergereihte Doppelnennungen den Lesefluss stören würden, wechseln wir bei Aufzählungen von Berufen ab, zum Beispiel: Erzieherinnen, Kinderpfleger und Kindergärtnerinnen.

Gibt es künftig Genderzeichen?

Nein, die Journalistinnen und Journalisten unseres Medienunternehmens verzichten in ihren Formulierungen auf Genderzeichen wie Politiker:innen, Lehrer*innen, ErzieherInnen und Polizist_innen.

Und wenn eine interviewte Person gendert, weil sie vor der weiblichen Endung eines Wortes eine Pause spricht, oder in einem Zitat in einer Pressemitteilung Genderzeichen vorkommen?

Wenn unsere Gesprächspartnerin oder unser Gesprächspartner gendert, übernehmen wir die Form, die sie oder er verwendet, wandeln aber gegebenenfalls das Genderzeichen in einen Doppelpunkt um (siehe: „Warum wird der Doppelpunkt als Genderzeichen in Zitaten eingeführt?“). Wir fragen aber nach, ob die Person darauf besteht, dass dies so auch schriftlich abgebildet wird. Besteht sie nicht darauf, passen wir die Zitate an den redaktionellen Standard an und verwenden eine Doppelnennung oder einen neutralen Begriff. Besteht der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin auf das Genderzeichen, veröffentlichen wir am Ende des Textes den Hinweis: „In diesem Text finden Sie eine gegenderte Formulierung, weil dies der Gesprächspartnerin/dem Gesprächspartner bzw. der Leserbriefschreiberin/dem Leserbriefschreiber wichtig war.“

Warum wird der Doppelpunkt als Genderzeichen in gegenderten Zitaten eingeführt?

Um die gesprochene Pause vor einer weiblichen Endung darzustellen, sind als Sonderzeichen etwa ein Sternchen, ein Unterstrich, ein Binnen-I und ein Doppelpunkt möglich. Die Doppelpunkt-Konstruktion ist jedoch die Einzige, die von Vorlese-Programmen verstanden wird, auf die besonders unsere blinden Leserinnen und Leser angewiesen sind. Daher haben wir uns für den Doppelpunkt entschieden. Durch ihn wird dann beispielsweise das Wort Politiker:innen mit einer kleinen Pause zwischen „Politiker“ und „innen“ vorgelesen. Diese Pause wird auch als Glottisschlag bezeichnet (benannt nach der Stimmritze „Glottis“).

Was geschieht, wenn ein Leserbriefschreiber oder eine Leserbriefschreiberin gendert?

Wir lassen die gegenderte Form im Text. Sollte aber ein Unterstrich, ein Sternchen oder ein Binnen-I verwendet worden sein, wandeln wir dieses Sonderzeichen in einen Doppelpunkt um, damit der Leserbrief auch mit einem Vorlese-Programm gehört werden kann.

Wie gehen wir mit Gastbeiträgen um?

Wir bitten unsere Gäste vorab, unsere Standards zu übernehmen oder informieren sie, dass wir ihre Texte auf diese Standards anpassen werden.

Was gilt für Agenturtexte, die die Redaktion zukauft und veröffentlicht?

Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen haben vereinbart, ihre Texte sprachlich behutsam anzupassen und geschlechtergerechter zu formulieren – sie haben sich auf ähnliche Regeln geeinigt wie unsere Redaktion. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) verzichtet auf Gendersonderzeichen, nimmt diese in Zitaten und Interviews aber auf und versieht sie am Ende des Textes mit einem besonderen Hinweis.

Lesen Sie auch: Gender-Diskussion wegen Studenti*innen-Futter in Friedberger Supermarkt