Opferschutzorganisation

"So etwas hat für sie traumatische Folgen" - wenn Kinder Zeugen von Gewalt werden

Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden, hat das für sie traumatische Folgen, sagt Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu der Weißen Rings.

Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden, hat das für sie traumatische Folgen, sagt Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu der Weißen Rings.

Bild: DAK/Wigger, picture alliance / dpa-tmn

Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden, hat das für sie traumatische Folgen, sagt Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu der Weißen Rings.

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Kinder leiden auch dann unter häuslicher Gewalt, wenn ihnen gar nichts passiert, sagt Irmgard Leicht vom Weißen Ring Kempten/Oberallgäu - und erklärt warum.
24.07.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Häusliche Gewalt, vor allem gegen Kinder, hat während der Corona-Pandemie zugenommen. Wo die häusliche Situation ohnehin angespannt war, sorgten die Lockdowns, in denen Familien mehr Zeit daheim verbrachten, für zusätzliche Spannungen. Viele Menschen im Allgäu engagieren sich tatkräftig, um Missbrauch zu verhindern und den Opfern beizustehen. Ihre Arbeit ist nun bedeutsamer denn je. In einer Serie stellen wir dieses Engagement vor – und wir möchten für das wichtige Thema sensibilisieren. Wir wollen zeigen, wie wichtig es ist, nicht wegzuschauen, sondern Hilfe zu holen, wenn andere Menschen zu Opfern von Gewalt werden. Der Weiße Ring steht Opfern von Straftaten bei. Wir sprachen mit Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu.

Kinder leiden unter Gewalt, auch wenn man ihnen kein Haar krümmt. „Sie sind betroffen und werden zu Opfern, auch wenn sie selbst gar nicht geschlagen werden“, sagt Irmgard Leicht und schildert den Fall einer Familie, in der der Vater im Suff die Mutter schlug und vergewaltigte. Die Kinder wurden Zeugen der Gewalt. „Kinder reißen in solchen Fällen dann zwar schnell aus. Aber so etwas hat für sie traumatische Folgen.“

Meistens wendet sich die Mutter an den Weißen Ring Kempten/Oberallgäu

Wie in diesem Fall, sei es meist die Mutter, die sich an den Weißen Ring wendet. Die Opferschutzorganisation bemüht sich laut Leicht dann um altersgemäße Hilfe. Diese sei in Kempten und dem Oberallgäu für Kinder aber nur sehr schwer zu bekommen. „Es gibt hier nur eine Trauma-Therapeutin mit Kassenzulassung“, beklagt die Opferschützerin. Alternativ bestehe die Möglichkeit, dass traumatisierte Kinder und Jugendliche zum Beispiel in einem Bezirkskrankenhaus behandelt werden. Und es gebe Reha-Kliniken. Wer ambulante Hilfe sucht, muss laut Leicht jedoch bis zu einem halben Jahr auf eine Therapie warten. „Das ist verrückt“, findet sie.

Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu des Weißen Rings.
Irmgard Leicht, Leiterin der Außenstelle Kempten/Oberallgäu des Weißen Rings.
Bild: Ralf Lienert

Helfen könnten auch Heilpraktiker mit Trauma-Ausbildung. Die Kosten von 60 bis 80 Euro pro Stunde würden von den gesetzlichen Krankenkassen zunächst aber nicht übernommen. Der Weiße Ring helfe in solchen Fällen und finanziere mit Spendengeld einige Therapiestunden. Später laufe die Behandlung dann meist über die Krankenkasse weiter.

Wie hat sich Corona auf die häusliche Gewalt in Kempten und im Oberallgäu ausgewirkt?

Leicht weiß auch, dass es oft sehr lange dauert, bis Kinder von erlebter Gewalt erzählen: „Sie können das wahnsinnig gut verbergen.“ Deshalb dauere es oft lang, bis die Polizei eingeschaltet wird. „Kinder wissen genau: Wenn das läuft, dann zerbricht die Familie.“ Der Gewalttätige – in 80 Prozent der Fälle sei das der Vater – werde dann von der Polizei mitgenommen. Wie sich Corona auf die häusliche Gewalt ausgewirkt hat, kann Leicht nur vermuten. Denn während des Lockdowns im vergangenen Jahr sei es beim Weißen Ring extrem ruhig gewesen.

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Die Frauen hätten auch gar keine Möglichkeit zum Reagieren gehabt, stellt Leicht fest. Das Frauenhaus in Kempten habe niemanden aufgenommen. Und mit Anwälten habe man nur telefonisch kommunizieren können. Wie viele andere Organisationen ist auch der Weiße Ring davon überzeugt, dass die häusliche Gewalt im Lockdown zugenommen hat und die Dunkelziffer hoch ist. Leicht vermutet, dass die Fälle zeitverzögert nach den Sommerferien gemeldet werden.

Telefonische Beratungen habe sie im Lockdown oft geleistet: „Da waren viele psychische Sachen dabei – aber keine Opfer von Gewalt.“ Sie arbeitet mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen ehrenamtlich in der Opferbetreuung. Alle Ansprechpartner schule der Weiße Ring regelmäßig. Die Beratung sei kostenlos, der Erstkontakt auf Wunsch auch anonym, sagt Leicht. Neben dem Stützpunkt bei Kempten unterhält der Weiße Ring auch Außenstellen in Memmingen, Kaufbeuren und Lindau.

So können junge und ältere Opfer den Weißen Ring erreichen

Das bundesweite Opfer-Telefon des Weißen Rings unter 116 006 ist täglich von 7 bis 22 erreichbar. Speziell für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem die „Nummer gegen Kummer“. Dort gibt es montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter Telefon 116 111 eine kostenlose telefonische Beratung.