Lindenberg

Arzt über Corona-Demos: "Diese Leute haben den Knall nicht gehört"

Fiebersprechstunde Rotkreuzklinik Lindenberg - Joseph Sauer

Im Rahmen der Fiebersprechstunde wurden bislang viele Westallgäuer auf Covid-19 getestet. Das Angebot soll verhindern, dass diese Patienten ihre Hausarztpraxen aufsuchen.

Bild: Daniel Boscariol

Im Rahmen der Fiebersprechstunde wurden bislang viele Westallgäuer auf Covid-19 getestet. Das Angebot soll verhindern, dass diese Patienten ihre Hausarztpraxen aufsuchen.

Bild: Daniel Boscariol

Dr. Franz-Joseph Sauer berichtet über die Corona-Lage im Landkreis Lindau, die Ischgl-Welle, und den neuen Alltag der Hausärzte. Eines macht ihn wütend.

11.06.2020 | Stand: 15:40 Uhr

Der Landkreis Lindau vermeldet seit Anfang Mai konstant gute Corona-Zahlen und kaum noch Neuinfektionen. Zuletzt sogar gar keine mehr. Und auch das Gesundheitsnetz Westallgäu fährt die Fieber- und Erkältungssprechstunde langsam zurück, die die Ärzte zusammen mit der Rotkreuzklinik am Krankenhaus Lindenberg eingerichtet haben. Das Ziel: Patienten mit Covid-19-Symptomen sollten nicht erst zu ihrem Hausarzt gehen, sondern gleich dorthin. Im Interview zieht Dr. Franz-Joseph Sauer Bilanz. Der 58-jährige Arzt aus Weiler-Simmerberg hat seine Praxis in Lindenberg und ist der Sprecher des Gesundheitsnetzes.

Herr Dr. Sauer, wieso ist die Fieber- und Erkältungssprechstunde immer noch notwendig?

Dr. Franz-Joseph Sauer: Die Lage hat sich zwar beruhigt und wir haben im Moment keine neuen Fälle im Landkreis Lindau, aber das Gesundheitsamt und das Robert-Koch-Institut empfehlen weiterhin, dass wir testen. Deshalb haben wir entschieden, die Sprechstunde noch zwei Wochen lang einmal pro Woche anzubieten. Danach werden wir sie möglicherweise aber einstellen. Bei Bedarf können wir aber jederzeit wieder hochfahren.

Kommen aktuell überhaupt noch Patienten?

Sauer: Ja. Zuletzt waren es etwa 15 pro Woche.

Wie fällt die Zwischenbilanz für die Sprechstunde aus?

Sauer: Das Angebot hat sich bewährt. In der Hochphase haben wir mit rund 20 bis 25 Ärzten, die abwechselnd den Dienst übernommen haben, pro Woche bis zu 100 Patienten versorgt. Damit konnten wir zugleich denjenigen die Angst nehmen, die sich nicht mehr getraut haben, zur Regelversorgung in die Arztpraxen zu gehen, weil sie Angst hatten, dort möglicherweise auf einen Covid-19-Patienten zu treffen.

Wie läuft die Fieber- und Erkältungssprechstunde typischerweise ab?

Sauer: Wenn ein Patient entsprechende Symptome hat, ruft er bei seinem Hausarzt an. Der überweist ihn telefonisch formlos an die Sprechstunde. Der Arzt dort trägt bei der Untersuchung die volle Schutzausrüstung, die inzwischen übrigens wieder gut verfügbar ist. Zwischendrin war es schon mal knapp. Der Arzt klopft die Symptome ab, fragt nach möglichen Kontakten zu Infizierten und macht dann den Abstrich. Dieser wird an ein Labor geschickt und ausgewertet. Inzwischen ist schon am nächsten Tag das Ergebnis da.

Patienten werden in der Sprechstunde auf Covid-19 getestet

Das heißt, alle Patienten, die in die Sprechstunde gekommen sind, sind auch getestet worden?

Sauer: Fast jeder wurde getestet.

Wird der Arzt über das Ergebnis informiert oder erfährt das nur der Getestete?

Sauer: Wir bekommen das Ergebnis auch und nehmen dann mit dem Patienten wieder Kontakt auf, um mit ihm abzustimmen, was zu tun ist. Positive, aber auch negative Testergebnisse muss der Arzt dann weiter an das Gesundheitsamt melden.

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Dr. Franz-Joseph Sauer vertritt als Sprecher das Gesundheitsnetz Westallgäu.
Bild: Ingrid Grohe

Wie hat sich das Tagesgeschäft der Hausärzte durch die Corona-Pandemie generell verändert?

Sauer: Bei den Kontroll- und Vorsorgeuntersuchen wie beispielsweise Diabetes oder Herzkrankheiten war der April schon extrem ruhig. Seit ein bis zwei Wochen läuft das wieder an. An der Stelle möchte ich nochmals dringend an die Patienten appellieren, ihren notwendigen Untersuchungen auch wahrzunehmen. Sie können sich sicher sein, dass in den Arztpraxen kein erhöhtes Risiko besteht, sich anzustecken.

Wie schätzen Sie die Corona-Lage im Landkreis Lindau ein?

Sauer: Als anfangs die Ischgl-Welle kam, musste man größte Befürchtungen haben, weil die Zahlen auf einen Schlag so hoch waren. Danach kamen zum Glück nur noch kleine Wellen – und Gott sei Dank keine in einem Altersheim. Im Vergleich zu anderen Landkreisen sind wir bislang gut durch die Pandemie gekommen. Die Zahlen sind seit längerer Zeit auf niedrigem Niveau. Aber man muss abwarten, was nach der Urlaubszeit und der Öffnung der Grenzen passiert. Wir haben die Sache noch nicht überstanden.

"Masken und Abstand sind unsere einzigen Waffen"

Was bedeutet das?

Sauer: Das A und O ist es, weiterhin eine Maske zu tragen und Abstand zu halten. Das sind die einzigen Waffen, die wir im Moment haben.

Angesichts der Lockerungen und der guten Zahlen scheint hier aber bei vielen Menschen eine gewisse Sorglosigkeit einzukehren. Wie empfinden Sie den Alltag?

Sauer: Ich trage die Maske auch nicht gerne. Das ist nichts Schönes. Aber damit hat jeder Einzelne die weitere Entwicklung mit in der Hand. Gerade, wenn man bedenkt, dass viele Infizierte gar keine Symptome zeigen. Zudem weiß man seit kurzem, dass das Virus nicht nur durch Tröpfchen übertragen wird, sondern auch durch Aerosolwolken, die bereits beim lauten Sprechen in einem geschlossenen Raum entstehen können. Wenn also keiner eine Maske trägt, steigt die Ansteckungsgefahr.

Vergleich von Corona mit Grippe "ist einfach Unsinn"

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie Bilder von Corona-Demos sehen oder Aussagen hören, dass das Virus doch nur eine harmlose Grippe sei?

Sauer: Das ist einfach Unsinn und macht mich auch ein bisschen wütend. Da muss ich sagen: Diese Leute haben den Knall nicht gehört. Wir als Mediziner standen und stehen an der Front. Natürlich übersteht ein Großteil eine Infektion glimpflich oder hat erst gar keine Symptome – aber es kann eben auch sehr schnell sehr schlecht werden. Und dann bringt das Virus Menschen ins Grab. Ich habe viel Kontakt nach Südamerika. Dort haben einige Regierungen das Virus auch lange Zeit bagatellisiert – und diese Länder stehen nun medizinisch vor dem Kollaps.

Wie ist Ihre Einschätzung: Sind wir schon über dem Berg? Oder wird es eine zweite Welle geben?

Sauer: Das weiß ich nicht. Aber wenn im Herbst eine Welle kommt, sind wir darauf besser vorbereitet. Wir haben in den letzten Wochen im Landkreis eine gute Versorgungsstruktur geschaffen. Entscheidend ist dabei, wie schnell man Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen kann. Wenn man das schafft, kann man das Virus eindämmen.