Bundestagswahl 2021

Direktkandidat Pius Bandte (Grüne) im Interview: „Beim Klimaschutz geht es um unsere Existenz“

Wahl Bandte

Pius Bandte ist seit 2020 Stadt- und Kreisrat in Lindau. Jetzt tritt er bei der Bundestagswahl an.

Bild: Ralf Lienert

Pius Bandte ist seit 2020 Stadt- und Kreisrat in Lindau. Jetzt tritt er bei der Bundestagswahl an.

Bild: Ralf Lienert

Grünen-Direktkandidat Pius Bandte erklärt, warum es ohne Einschränkungen künftig nicht mehr geht. Was ihn seine Erfahrungen in Stadt- und Kreisrat lehren.
14.09.2021 | Stand: 17:56 Uhr

Herr Bandte, Sie sind gelernter Zimmerer und werben mit dem Slogan „Mehr Handwerk in den Bundestag“. Was macht ein Zimmerer in der Politik besser als Berufspolitiker oder Juristen?

Pius Bandte: Es geht ja nicht darum, dass mich mein Beruf speziell qualifiziert. Aber das Parlament sollte ja einen Querschnitt der Bevölkerung repräsentieren. Im Bundestag machen Akademiker und Akademikerinnen über 80 Prozent aus – in der Bevölkerung ist es gerade andersherum.

Die Bundesregierung wird scharf kritisiert für ihre Afghanistan-Politik. Was hätten Sie als Außen- oder Verteidigungsminister anders gemacht?

Bandte: Naja, ich hätte dem Antrag zur Evakuierung der Ortskräfte zugestimmt, den wir Grünen schon zwei Monate vor der tatsächlichen Evakuierung gemacht haben. Nur die Linken haben dem zugestimmt. Grundsätzlich bin ich Pazifist und darum tue ich mich mit dem schwer, was wir dort gemacht haben. Auch viele Expertinnen und Experten haben gesagt, was wir dort vorhaben, wird nicht funktionieren. Und jetzt wissen wir, dass sie Recht hatten.

Bandte zur Grünen-Politik: "Um Klimaschutz kommen wir nicht herum, das ist inzwischen wohl allen klar"

Grüne fordern eine Klimaverträglichkeitsprüfung für alle Vorhaben. Schon heute klagen Kommunen und Unternehmer über extrem lange Genehmigungsverfahren. Diese würden durch weitere Prüfungen noch länger dauern.

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Bandte: Ich weiß, dass es unwahrscheinlich zäh ist, wenn man etwas auf den Weg bringen will. Aber es stellt ja auch niemand in Frage, wenn bei öffentlichen Projekten die Wirtschaftlichkeit geprüft wird. Und da die Relevanz der Klimakrise immer näher rückt, können wir uns diesen weiteren Check nicht sparen. Das ist zum Beispiel bei Infrastrukturvorhaben wesentlich. Andererseits müssen wir Subventionsanträge viel schlanker gestalten. Ich kenne Unternehmen, die Ladestationen installieren, aber sagen, bevor ich die Förderung in Anspruch nehme, zahle ich das Ganze lieber selber, weil das zu aufwändig ist.

(Lesen Sie hier die Interviews aller Direktkandidatinnen und -kandidaten für den Wahlkreis Oberallgäu)

Viele Menschen fürchten, der ökologische Wandel gehe auf Kosten des finanziell schwächeren Teils in der Gesellschaft – Stichwort teure Energie oder steigende Bau- und Mietpreise. Was sagen Sie diesen Menschen?

Bandte: Die Gefahr besteht. Aber um Klimaschutz kommen wir nicht herum, das ist inzwischen wohl allen klar. Wir haben im Gegensatz zu anderen Parteien dafür Konzepte. Um das sozial gerecht zu gestalten, schlagen wir das Energiegeld vor, das wären 75 Euro pro Bürger und Jahr, die durch den CO2-Preis reinkommen. Das ist natürlich nicht alles. Aber die Gesellschaft muss sich in eine Richtung entwickeln, wo jedem bewusst wird, welche seiner Handlungen Auswirkungen auf das Klima hat und welche nicht. Wir brauchen eine Lenkungswirkung, die man an einigen Stellen auch zu spüren bekommt, die aber nicht die ganze Belastung der nötigen Investitionen auf die Schultern der kleineren und mittleren Einkommen verteilt. Das können wir durch veränderte Steuerpolitik beeinflussen.

Bandtes politische Vorbilder sind die Grünen-Kanzlerkandidatin Baerbock - aber auch Linken-Politiker Gysi

Ihre Gegner stellen die Grünen gern als Verbotspartei dar – diese wehren sich gegen dieses Image. Wie aber soll der von den Grünen geforderte Wandel schnell gelingen ohne politische Vorgaben, die auch Verbote einschließen?

Bandte: Komplett ohne Einschränkungen geht es nicht, und es wäre eine Lüge, das zu behaupten. Aber wir unterwerfen uns ja in sämtlichen Bereichen unseres Lebens Regeln, angefangen beim Straßenverkehr. Und weil es beim Klimaschutz um unsere Existenz geht, halte ich es für richtig, an gewissen Stellen klare Regeln vorzugeben. Besser gelingt grundsätzlich natürlich alles, was man ohne Verbot schafft. Die Wirtschaft ist in vielen Bereichen der Politik ja schon voraus. Auch große Energiekonzerne wenden sich inzwischen an die Politik und sagen, wir wissen, dass wir etwas machen müssen, gebt uns Planungssicherheit, damit wir handeln können.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Bandte: Für mich natürlich Robert Habeck und Annalena Baerbock. Annalena beeindruckt mich mit ihrer Sachkompetenz, und Robert Habeck entspricht sehr meiner Vorstellung davon, wie man Probleme anspricht und mit Herausforderungen umgeht. Sein Stil sagt mir sehr zu. Außerdem bin ich Fan von Gregor Gysi, weil ich ihn als frech und rhetorisch geschickt mitgekriegt habe.

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Rot-Rot-Grün oder Grün-Schwarz? Das denk Direktkandidat Pius Bandte über mögliche Koalitionen

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in den Bundestag einziehen, ist nicht sehr groß. Falls doch: In welcher Koalition würden Sie am liebsten mitarbeiten?

Bandte: Rot-Rot-Grün wäre denkbar. Auch Grün-Schwarz, weil es darum geht, endlich etwas zu tun – auch wenn wir dabei in Gefahr wären, Erwartungen zu enttäuschen, die an uns zu Recht gestellt werden. Aber man muss ein Angebot machen. Sehr schwer tue ich mich mit der FDP. Ihre Vorstellung „Der Markt wird’s regeln“ widerspricht meinen Erfahrungen.

Seit bald eineinhalb Jahren sitzen Sie in politischen Gremien: im Stadtrat Lindau sowie im Kreistag. Hat die praktische politische Arbeit Ihre Sicht auf die Politik verändert?

Bandte: Sie hat eher viel bestätigt von dem, was ich davor gedacht hatte. Mir war schon klar, dass man nicht in die Politik geht und einfach – zack – was ändert. Aber jetzt sehe ich deutlich, dass die Rahmenbedingungen nicht ausreichen für das, was wir dringend machen müssen. Auch darum stelle ich mich zur Verfügung, auf höherer Ebene tätig zu werden. Viele Vorgaben sind nicht mehr zeitgemäß. Man braucht zum Beispiel ein Gutachten, um Strecken mit Tempo 30 auszuschildern. Das könnte man auch umkehren in der Straßenverkehrsordnung. Beim Thema Klima müssten wir mehr Formate anbieten, um Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen, auch durch Subventionen.